Landärztin aus Augustfehn Von der Nähe zu den Leuten, Dankbarkeit und Nachwuchssorgen
Wiebke Kempen aus Augustfehn ist eine von zu wenigen jungen Ärztinnen und Ärzten auf dem Land – und sehr engagiert. Ein Gespräch über ihre Arbeit zwischen Praxis, Notarzt-Fahrten und Instagram.
Augustfehn - Wiebke Kempen (39) ist eine der wenigen jüngeren Hausärztinnen in der Region. Seit 2024 ist die heute 39-Jährige in ihrer Gemeinschaftspraxis in Augustfehn für ihre Patienten da. Die zweifache Mutter arbeitet zusätzlich noch als Notärztin und fährt regelmäßig beim Rettungsdienst mit. Auf Instagram erzählt sie von ihren Erlebnissen in der Praxis oder unterwegs. Dabei zeigt sie immer wieder vor allem eins: Begeisterung und Leidenschaft für ihre Arbeit. Im Gespräch mit der Redaktion erzählt sie, warum es so besonders ist, Hausärztin auf dem Land zu sein – und mit welchen Herausforderungen sie und ihre Kollegen derzeit zu kämpfen haben.
Frau Kempen, wie lange sind Sie schon Ärztin?
Wiebke Kempen: Seit 2012. Ich habe 2005 angefangen zu studieren und bin 2012 fertig geworden. Also tatsächlich schon fast dreizehn Jahre.
Sie kommen aus Augustfehn, haben dann in Lübeck studiert. Warum sind Sie nach Augustfehn zurückgekommen?
Kempen: Für mich war die Stadt nichts. Während des Studiums außerhalb zu sein war gut. Die Ostsee, der Timmendorfer Strand – das war schon eine gute Zeit. Aber für mich war ganz klar, dass ich wieder zurückkomme.
Sie sind also direkt zurückgekehrt?
Kempen: 2012, direkt nach dem Studium, habe ich in der Ammerland-Klinik in der Anästhesie angefangen. Ich hatte dazwischen nur zwei Wochen frei. Dort habe ich dann auch meinen Facharzt für Anästhesie gemacht, mit einer kleinen Unterbrechung, als ich meine Tochter bekam. Nach dem zweiten Kind bin ich gar nicht mehr zurück in die Klinik gegangen, sondern habe in einer Praxis in Westerstede eine Weiterbildung zur Allgemeinmedizinerin gemacht. Von dort kam ich dann in die feste Anstellung bei meinem jetzigen Kollegen hier in Augustfehn. Da hat sich relativ schnell auch rauskristallisiert, dass es so gut zusammenpasst, dass wir 2024 die Gemeinschaftspraxis gegründet haben.
Sie sind seit 2024 auf Instagram aktiv, erzählen von Ihrer Arbeit und was den Arztberuf für Sie besonders macht. Warum lieben Sie Ihre Arbeit so?
Kempen: Weil jeder Tag anders ist. Und weil man so eine spezielle Beziehung zu den Patienten aufbauen kann, auch ohne dass man immer die „große Medizin“ macht. Manchmal reicht es zuzuhören, da zu sein und zu gucken, welche Bedürfnisse dieser Patient hat. Die meiste Zeit ist es einfach wichtig, ein offenes Ohr zu haben, mit den Patienten zu besprechen, welche Optionen es gibt zur Heilung – oder Möglichkeiten, sich selber auch ein bisschen mit zu heilen –, und die Patienten zu unterstützen.
Es ist einfach diese Begleitung, die ich mag, und dass man auch alle möglichen Altersgruppen hat. Das Patientenfeld ist so bunt! Jeder Tag ist wie so eine Pralinenschachtel voller Überraschungen. Man weiß nie, was kommt.
Und dann ist da diese Dankbarkeit, die man erfährt. Das ist unglaublich und das gibt mir ganz, ganz viel zurück. In der heutigen Zeit ist Dankbarkeit ja ein Wort, das man gar nicht mehr so häufig hört, leider. Aber das erfahren wir als Hausärzte immer noch sehr, sehr oft, und das ist ein schönes Gefühl, vor allem auch wenn man zu den Patienten nach Hause fährt.
Auf Instagram findet man nicht viele Ärztinnen und Ärzte aus der näheren Region. Was bringt Ihnen Ihre Aktivität in den sozialen Medien?
Kempen: Ich höre oft: Du machst so viel, wie schaffst du das? Aber der Austausch in der „Blaulichtfamilie“ motiviert mich. Es gibt viele positive Erlebnisse und es bringt Sichtbarkeit für unsere Anliegen. Zum Beispiel was die Gewalt gegen Einsatzkräfte betrifft. Zusammen können wir was bewirken, vielleicht etwas verändern. Aber das Netzwerk ist auch gut, um seinen Frust ablassen zu können und einfach zu erzählen.
Laut Untersuchungen haben Ärzte nur etwas mehr als sieben Minuten für einen Patienten. Wie können Sie es einrichten, sich Zeit zum Zuhören zu nehmen?
Kempen: Ja, sieben Minuten ist schon ganz gut gerechnet. Aber sagen wir mal so: Jeder Patient bekommt die Zeit, die er braucht. Einer braucht nur drei Minuten, ein anderer braucht vielleicht etwas länger. Ich gucke nicht auf die Uhr. Medizin nach der Stechuhr will ich nicht machen. Es gibt auch die Möglichkeit, etwas zu beginnen und dann noch einen weiteren Termin zu machen. Ich muss ja nicht alles auf einmal lösen.
Aber mit den begrenzten Kapazitäten ist es tatsächlich nicht so einfach. Wir haben einen riesigen Zulauf, gerade hier bei uns auf dem Land. Die meisten Kollegen in unserem Bedarfsbereich arbeiten in Westerstede (die Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung (KVN) sieht eine bestimmte Anzahl an Allgemeinarzt- und Facharztpraxen für in Bereiche eingeteilte Regionen vor. Es gibt aber keine Vorgaben für eine gleichmäßige Verteilung der Ärzte innerhalb der Bedarfsbereiche. Viele zieht es somit in größere Ortschaften und Städte, Anm. d. Red.).
Was sind Ihrer Meinung nach noch Probleme von Ärzten auf dem Land?
Kempen: Unsere Kollegen in der Region werden immer älter. Viele Ärzte, auch Fachärzte gehen bald in den Ruhestand, aber es kommt nicht so viel nach.
Bei uns in der Gemeinde gehen bald zwei Kollegen in Rente, aber die Nachfolge ist nicht gesichert. Dann sehe ich Schwarz. Ich arbeite jetzt schon am Limit. Ich bin gespannt, wie das weitergeht. Auch die Kollegen aus dem Nachbarort suchen schon über ein halbes Jahr händeringend nach einem Nachfolger.
Aber es ist nicht so einfach, die Leute aufs Land zu kriegen, obwohl das ein ganz, ganz toller Job ist! Man muss nur sich darauf einlassen. Aber ich bin auch ein Kind von hier. Vielleicht fällt es mir deswegen leichter, das zu machen.
Was ist denn so toll daran, auf dem Land als Ärztin zu arbeiten?
Kempen: Erstmal wird hauptsächlich geduzt. Man hat eine ganz andere Ebene. Das ist nicht dieses „der Arzt im Kittel“, der jedem erzählt, wie er es machen muss, sondern man entscheidet zusammen: Wie kann man es am besten machen? Wie ist der Plan? Was schlage ich vor und auf was kannst du dich einlassen? Und dann sind da noch die Menschen. Sie sind eben gerade heraus und man kennt sich halt einfach. Man sieht sich auch mal auf der Straße, sagt „Moin“ und schnackt miteinander. Das muss man auch mögen. Manche lieben ja die Stadt, wo jeder für sich ist. Aber das ist genau das, was es für mich ausmacht. Der Hausarzt ist irgendwie auch so ein Verbündeter.
Und was sind die großen Herausforderungen hier auf dem Land?
Kempen: Die Herausforderungen sind, glaube ich, wirklich, dass die Bevölkerung auch hier auf dem Land immer älter wird und dass immer mehr Patienten auch zu Hause versorgt werden müssen. Die Möglichkeit haben wir halt nicht. Wir können das nicht so machen wie früher, wo man dann wirklich Nachmittage lang auf Hausbesuche gefahren ist. Das können wir gar nicht mehr leisten. Unser Credo ist: Wenn der Patient noch zum Friseur gehen kann, kann er auch zum Hausarzt kommen. Es ist halt so, dass da die Versorgung, auch durch Fachärzte, nicht leichter wird. Hier hat man ein viel größeres Versorgungsgebiet als in der Stadt. Sagt man dem Patienten: „Geh mal zum Facharzt“, sagt er: „Ja, wohin denn?“ Das ist in der Stadt noch was anderes. Da gibt es, ich übertreibe jetzt mal, fünf Orthopäden in einem Umkreis von zehn Kilometern. Hier haben wir zwei in einem viel größeren Bereich, und da muss man irgendwie sehen, dass man einen Termin bekommt. Das ist nicht so einfach. Auch dass die Versorgung grundsätzlich nicht so breit gefächert ist wie in der Stadt, ist eine Herausforderung.
Ich hörte schon von Allgemeinärzten in Ostfriesland, dass sie nach Möglichkeit und Kenntnisstand Dinge übernehmen, die sonst ein Facharzt machen würde.
Kempen: Ja. Ein Beispiel ist das Verschreiben von Einlagen für die Schuhe. Das muss nicht immer der Facharzt machen. Wir brauchen dafür eine Diagnose, aber die kann ich auch stellen. Es ist so, dass man sich wieder breiter aufstellt als Allgemeinmediziner. Wir gehen praktisch wieder ein Stück zurück zu der alten Form des Hausarztes. Ich glaube schon, dass es eine Zeit gab, in der der Allgemeinmediziner nur das Nötigste gemacht hat und für alles andere schickte er die Patienten zum Facharzt weiter. Aber da das immer schwieriger geworden ist, da auch Termine zu bekommen, versuchen wir, nur noch die Fälle, die wir nicht lösen können, zu den Fachärzten zu überweisen, und alles andere versuchen wir wieder selber zu machen. Anders funktioniert es einfach nicht mehr – und wir wollen den Patienten ja auch schnell helfen und sie unterstützen.
Nehmen Sie noch Patienten auf?
Kempen: Tatsächlich ja, das tun wir noch.
Zusätzlich zu Ihrer Arbeit in der Praxis arbeiten Sie noch zweimal im Monat als Notärztin in der Rettung. Warum machen Sie das?
Kempen: Das liebe ich einfach. Meine Kinder sind fünf und acht Jahre alt. Wenn ich die Notarzt-Dienste habe, ist das einfach meine Zeit. Wenn ich dann auf einen Einsatz warte, dann habe manchmal auch Zeit, ein Buch zu lesen und einfach nur für mich zu sein.
Wie viele Stunden arbeiten Sie dann ungefähr in der Woche?
Kempen: Das sind, wenn man die Notdienste mit einrechnet, ungefähr 48 Stunden.
Was wünschen Sie sich für die Ärzte auf dem Land in Zukunft?
Kempen: Also ich wünsche mir nicht nur für uns Ärzte auf dem Land, sondern grundsätzlich, dass uns die Hürden genommen werden, was den ganzen Verwaltungspart anbelangt. Das betrifft das, was wir noch nebenbei machen, den ganzen Schreibkram. Und dass uns das ein bisschen erleichtert wird, dass wir nicht um jeden Cent kämpfen müssen. Bald wird das ja noch mal angeglichen. Ich hoffe, dass es auch bald passiert. Wir ackern so viel und manchmal werden wir einfach nicht dafür entlohnt. Klar können wir als Ärzte nicht heulen, aber verglichen mit dem, was wir da tun, und bei der Zahl an Patienten ist das manchmal einfach lächerlich. Wir können uns nur finanzieren über die Anzahl an Patienten, das muss man auch mal ganz klar so sagen.
Und ich würde mir wünschen, dass mehr junge Leute sehen, wie toll das Arzt-Sein auf dem Land sein kann und wieviel einem das zurückgeben kann, und sich dafür entscheiden. Das ist einfach so ein wahnsinniger Gewinn.