Betrüger in Ostfriesland Mit künstlicher Intelligenz gegen Abzocke vom Konto?
Ein Blick ins Archiv zeigt, dass Ostfriesen immer wieder Ziel von Betrügern werden. Künstliche Intelligenz ist ein Mittel der Wahl. Wie kann man sich wappnen?
Landkreis Leer - Ein Blick ins Archiv zeigt: Betrüger schaffen es immer wieder, Ostfriesen um ihr Geld zu bringen. So ist im vergangenen Jahr ein 62 Jahre alter Mann aus Leer Opfer geworden. Er überwies mehrere Hundert Euro für vermeintliche Rechnungen zur Abwicklung eines Erbes. Das wurde ihm von einer „vermeintlich alleinstehenden Person in Aussicht gestellt“, erzählte er der Polizei.
Der Mann stieß zwei Überweisungen an. Vielleicht hätte eine Künstliche Intelligenz diese Überweisungen als ungewöhnlich erkennen können. Eine solche hat die Sparkasse Leer-Wittmund. Das hatte Ingo Fortkamp, stellvertretender Vorstandsvorsitzender, bei der Jahrespressekonferenz verraten.
Was bringt eine Künstliche Intelligenz im Kampf gegen Betrug?
Wie genau die KI funktioniert, sei schwierig zu beschreiben, da es sich um sicherheitsrelevante Informationen handelt, erklärt Sparkassen-Sprecher Carsten Mohr. „Grundsätzlich unterstützt das System die Sparkasse dabei, frühzeitig Betrugsfälle zu erkennen. Bei Auffälligkeiten wird unser Kunden-Service-Center eingebunden und nimmt umgehend Kontakt mit dem Kunden auf, um den Sachverhalt zu klären.“ Die KI habe den Überblick: Beim Auswerten von komplexen Datensätzen sei eine KI, wenn die vorgegebenen Parameter richtig sind, eine Unterstützung für den Mensch bei der Erkennung und Beurteilung von Betrugsfällen und führe zu einer Effizienzsteigerung.
Wie oft kommen Betrugsversuche vor?
Mit der zunehmenden Bedeutung von Digitalisierung komme leider auch ab und zu Phishing vor, so Mohr. Die Bezeichnung setzt sich aus den Wörtern Passwort und Fishing (angeln) zusammen – denn die Betrüger fischen gezielt nach sensiblen Informationen wie PINs, TANs oder Zugangsdaten. Das betrifft natürlich nicht nur die Sparkasse. Laut Bericht zur Lage der IT-Sicherheit in Deutschland 2022 beinhaltet etwa jede Dritte unerwünschte E-Mail einen Phishing-Versuch, wie das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) schreibt. Laut Digitalbarometer 2022, einer Bürgerbefragung zur Cyber-Sicherheit, haben 62 Prozent der Befragten schon einmal wissentlich eine Phishing-E-Mail erhalten.
Das Fischen nach Passwörtern höre sich harmloser an, als es in der Realität tatsächlich sei. „Denn Phishing steht am Anfang verschiedenartiger Delikte, die vom ‚einfachen‘ Datendiebstahl über illegale Kontoabbuchungen bis hin zu Angriffen auf Kritische Infrastrukturen reicht“, so das BSI.
Welche Betrugsmaschen grassieren gerade in der Region?
„Wir verzeichnen insgesamt ein recht hohes Aufkommen an ,Schockanrufen‘“, erklärt Ina Reuwsaat, Polizeioberkommissarin und Sprecherin der Polizei Leer/Emden. „Es handelt sich meistens um falsche Polizeibeamte oder Staatsanwälte, die den Angerufenen erklären, dass es zum Beispiel zu Raubüberfällen oder Einbrüchen in der näheren Umgebung gekommen ist oder dass ein Familienmitglied einen Verkehrsunfall verursacht hat“, erklärt sie. Dann behaupten die Betrüger, dass Geld benötigt wird, so Reuwsaat: Für die Bearbeitung – also die Verwahrung von Bargeld und Wertgegenständen zur Sicherheit oder Zahlungen, weil zum Beispiel bei einem vermeintlichen Unfall hoher Sachschaden entstanden ist oder eine Kaution gezahlt werden soll.
„In den meisten Fällen kommt es zum Glück nicht zu Geldabhebungen bei der Bank durch die Geschädigten oder sogar Geldübergaben. Aber es kommt durchaus vor“, so die Sprecherin. Viele Menschen seien durch Präventionsarbeit durch Polizei, Presse und Sozialen Medien bereits gut vorbereitet und wüssten, wie sie mit Anrufen dieser Art umgehen können: auflegen.
Polizei und Banken: Gibt es da eine Zusammenarbeit?
Ja. Wenn die Opfer Geld abheben möchten, stehen sie teilweise vor einem Bankberater oder einer -beraterin. Diese kennt im Bestfall die Familienverhältnisse, kann noch einmal nachhaken, wenn ihr etwas komisch vorkommt. Natürlich sei das persönliche Gespräch mit dem Berater immer am sichersten, sagt Sparkassen-Sprecher Mohr. „Allerdings hat die Welt sich mit der Digitalisierung stetig verändert.“ Bankgeschäfte würden gerne vom Sofa aus getätigt. Man rate, Kontakt zum Berater oder der Beraterin oder dem Kunden-Service-Center zu suchen, „ehe man einen Link oder Ähnliches anklickt. Falls dieses schon geschehen ist, muss der Zugang unbedingt gesperrt werden“.
Durch den engen Kontakt zu den Kundinnen und Kunden fielen Unregelmäßigkeiten auf, sagte Björn Nauschütt, Leiter Vertrieb/Marketing der Ostfriesischen Volksbank Leer 2023. „Erscheint etwas ungewöhnlich, sprechen wir unsere Kundinnen und Kunden direkt an. Um einen Betrug jeglicher Art frühzeitig zu erkennen, sensibilisieren und schulen wir unsere Belegschaft zudem regelmäßig.“ Die Polizei steht im engen Austausch mit den Banken. „Zum Beispiel wurde im letzten Jahr gemeinsam ein Merkblatt entworfen, das auch den Mitarbeitern der Banken als Hilfestellung dient, zu erkennen, dass ein Bankkunde Opfer eines Betruges wird, beziehungsweise schon geworden ist“, so Polizeisprecherin Ina Reuwsaat. Außerdem könne dieses Merkblatt an einen geschädigten Kunden ausgehändigt werden. „Der Kunde kann sich das Merkblatt dann in Ruhe durchlesen und für sich erkennen, ob es sich bei den an ihn gerichteten Verhaltensweisen unter Umständen um eine Betrugsmasche handeln könnte“, so Reuwsaat.
Wie hoch ist die Dunkelziffer?
Das Wichtigste sei, dass die Menschen den Betrugsanruf möglichst schnell erkennen und das Telefonat dann beenden, so die Polizeisprecherin. „Im besten Fall wird der Vorfall anschließend dann bei der Polizei zur Anzeige gebracht. So kann das vermutlich relativ hohe Dunkelfeld aufgehellt werden.“ Es sei nämlich davon auszugehen, dass sich einige Menschen aus Scham, auf eine Betrugsmasche hereingefallen zu sein, niemandem offenbaren und es somit nicht zu Anzeigen komme.