Appell für mehr Öffentlichkeit  Stillende Mütter werden oft schief angeguckt

Johanna Dust
|
Von Johanna Dust
| 12.02.2025 16:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Zum Stillen ziehen sich Frauen häufig aus der Öffentlichkeit zurück – auch um kritisch-abwertenden Kommentaren zu entgehen. Foto: Skolimowska/dpa
Zum Stillen ziehen sich Frauen häufig aus der Öffentlichkeit zurück – auch um kritisch-abwertenden Kommentaren zu entgehen. Foto: Skolimowska/dpa
Artikel teilen:

Einen Rückzugsort zum Stillen zu finden, stellt Mütter oft vor eine Herausforderung. Eine Hebamme appelliert nicht nur deshalb: Stillen gehört in die Öffentlichkeit.

Emsland - Als stillfreundlicher Ort geben sich einige Geschäfte und öffentliche Einrichtungen in der Region durch einen Aufkleber an der Tür zu erkennen. Diese Geschäfte zu finden ist nicht immer leicht, vor allem wenn es schnell gehen muss, weil das Baby oder Kleinkind plötzlich Hunger hat. So einen Rückzugsort suchen Mütter aber nicht nur auf, weil sie selbst Ruhe bevorzugen, sondern auch, um abwertenden Blicken und sogar Kommentaren zu entgehen. „Muss das hier sein?“, „Ist das Kind dafür nicht zu alt?“, meinen sich plötzlich Fremde einmischen zu dürfen. „Frauen, die in der Öffentlichkeit stillen, werden leider immer noch stigmatisiert“, lautet die Einschätzung der Hebamme Iris Oldiges.

Es gebe sogar Frauen, die aufgrund der Kommentare mit dem Stillen ganz aufhören, sagt sie. Oldiges leitet die Hebammenzentrale Emsland und kennt Erfahrungen von Müttern, die sich mit Studien zum Thema decken.

Ergebnisse einer Befragung

Eine vom Bundeszentrum für Ernährung in Auftrag gegebene Befragung von Müttern zeigte beispielsweise 2020, dass 40 Prozent der Befragten sowohl positive als auch negative Reaktionen beim öffentlichen Stillen erfahren haben, fünf Prozent berichteten von überwiegend negativen Erfahrungen. Diese reichten von missbilligenden Blicken über die Bitte, doch woanders zu stillen, bis hin zu Beschimpfungen.

Während mehr Mütter als in einer Vergleichsstudie 2016 angaben, öffentlich zu stillen, sank laut einer Befragung in der Bevölkerung sowohl die Wahrnehmung von Stillenden als auch die Akzeptanz. Jeder sechste Befragte (17 Prozent) stimmt demnach explizit der Aussage zu, dass Stillen in der Öffentlichkeit nichts zu suchen habe.

Bewusstsein stärken

„Der Anblick einer stillenden Frau ist für viele fremd“, nennt Oldiges ein Problem, das aus ihrer Sicht zu der Ablehnung führt. „Auf der anderen Seite werden wir alle mit nackten Brüsten bombardiert.“ Die weibliche Brust werde immer sexualisiert und deshalb nie als das wahrgenommen, was sie ist: eine Nahrungsquelle für das Kind, „etwas ganz normales“, betont die Hebamme aus dem Emsland.

Um dieses Bewusstsein in der Öffentlichkeit zu stärken, könne es helfen, wenn mehr Frauen in Cafés, auf Parkbänken oder im Bus stillen. „Damit tut man nichts Verbotenes und dafür braucht es auch kein Schild, das Stillen erlaubt“, sagt Oldiges.

Wunsch nach mehr Unterstützung

Den Frauen werde der Schritt in die Öffentlichkeit erleichtert, wenn es allgemein mehr Bilder von stillenden Frauen gebe, „in Filmen, in der Werbung“, nennt Oldiges einige Beispiele. Hilfreich sei ihrer Meinung nach auch ein größeres Wissen über die Vorteile des Stillens.

„Auch wie lange gestillt wird, entscheiden allein Mutter und Kind“, möchte die Hebamme mit dem Vorurteil aufräumen, dass Stillen nach dem ersten Lebensjahr unnatürlich ist.

Allerdings seien auch Eltern, die ein Fläschchen geben, nicht vor Kommentaren gefeit, weiß die Leiterin der Hebammenzentrale. So wünscht sie sich einerseits mehr Sichtbarkeit für das Stillen und andererseits eine Gemeinschaft, die Eltern allgemein weniger beurteilt und mehr unterstützt.

Ähnliche Artikel