Hamburg Lehrerin Ronja Jelena Filiz: Ihre Schüler sollen wissen, dass sie eine Frau liebt
Englischlehrerin Ronja Jelena Filiz ist ein Social-Media-Star. Hunderttausende folgen ihr auf TikTok und Instagram. Dort spricht sie offen über das Bildungssystem – und Themen, die viele Lehrer lieber meiden.
Vier Finger nach vorne, Zeigefinger ausstrecken und dann die Hand hoch zum High Five – so wird Ronja Jelena Filiz im Moment von ihren Siebtklässlern auf dem Schulhof begrüßt. Der „Busfahrer-Gruß“ ist ein Trend aus den sozialen Netzwerken. Und die angehende Lehrerin kennt ihn natürlich, denn sie ist selbst ein Star auf TikTok und Instagram.
Mehr als 400.000 Menschen folgen der 29-Jährigen aus dem Ruhrgebiet auf beiden Plattformen. Was als Nebenbei-Projekt während des Studiums begann, hat sich längst professionalisiert. „Am Anfang haben mir vielleicht zwölf Menschen zu geguckt, als ich live gegangen bin”, sagt sie. Damals habe sie einfach die Kamera laufen lassen, als sie den Unterricht vorbereitet hat.
Heute wird sie auf der Straße erkannt, hat ein Management, verdient Geld mit Kooperationen und verkauft ihre eigenen T-Shirts. Beim Videodreh hat sich wenig verändert. Die 29-Jährige dreht in ihrem Wohnzimmer – ein Licht, ein Stativ – mehr braucht sie nicht.
Ihre Videos sind oft witzig – aber nicht nur. Zwischen Tanztrends und Selbstironie greift sie immer wieder ernste Themen auf: Wie vergeben Lehrer eigentlich Noten? Warum empfinden Kinder und Jugendliche Schule diese oft als unfair?
„Es gibt so viele ungeschriebene Regeln in der Schule. Ich hinterfrage das in meinen Videos”, sagt sie. Zu diesen ‚ungeschriebenen Gesetzen‘ gehöre, dass Lehrer wenig über ihr Privatleben sprechen – und dass Noten oft ohne große Erklärung verteilt werden.
Die angehende Lehrerin bricht damit: In einem Video erklärt sie etwa, wie die Noten bei einer mündlichen Prüfung zustande kommen. „Vieles ist für Schüle*innen einfach nicht nachvollziehbar, und das möchte ich ändern, indem ich transparent bin”, sagt sie.
Transparent ist sie auch in Bezug auf ihr Privatleben. In einem Video erzählt sie, dass sie ihren Schülern in der ersten Stunde davon berichtet hat, mit einer Frau zusammenzuleben. „Da kommen natürlich die Fragen ‘Warum erzählst du das?”, sagt sie. „Ganz einfach: Weil ich in meiner Schulzeit keine queeren Vorbilder hatte. Ich hätte mir das gewünscht.“
Ihre Offenheit hat ihr nicht nur Fans eingebracht. In den Kommentarspalten geht es teils rau zu. Auch im Klassenzimmer spürt sie das: „Manche denken, sie können mir eher als anderen einen Spruch drücken. Aber da bin ich dann auch mal eine strenge Lehrerin“, sagt sie.
Die 29-Jährige sieht vor allem die Vorteile in ihrer Social-Media-Präsenz: „Ich bin einfach näher an der Lebensrealität der Schüler*innen dran. Und sie sprechen mit mir über Themen, die sie mit anderen Lehrkräften vielleicht nicht besprechen würden.“
Tagsüber steht Ronja Jelena Filiz im Klassenzimmer, abends vor der Kamera. Um ihre Videos zu drehen, zu bearbeiten und mit ihren Followern in den Austausch zu treten, hat sie sich ganz bewusst einen freien Tag pro Woche eingerichtet. „Manchmal wird mir das zu viel, vor allem die Kommentare. Dann muss ich bewusst Abstand halten, sagt sie.
Aktuell steht Ronja Jelena Filiz beruflich vor einer neuen Herausforderung: Im Frühjahr wird sie ihr Referendariat beginnen, aktuell arbeitet sie noch als Vertretungslehrkraft. „Verbeamtet werden möchte ich nicht. Das wäre mir zu endgültig“, sagt sie.
Und an einer Sache aber gibt es für sie keinen Zweifel: Das Schulsystem muss sich ändern. „Wenn ich nur eine Sache verändern könnte, dann wären es kleinere Klassen. Das würde so vieles erleichtern – für Lehrkräfte und für Schüler*innen.“