Osnabrück  Der Bluff: Warum Trump diesmal nicht schwerer zu bändigen ist, sondern leichter 

Lucas Wiegelmann
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Von Lucas Wiegelmann
| 10.02.2025 17:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Droht mit seinen gewagten Manövern, die eigenen Wähler zu verprellen: US-Präsident Donald Trump. Foto: IMAGO/Anna Rose Layden
Droht mit seinen gewagten Manövern, die eigenen Wähler zu verprellen: US-Präsident Donald Trump. Foto: IMAGO/Anna Rose Layden
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Von Zoll-Androhungen bis zu Gebietsansprüchen: Donald Trumps erste Wochen scheinen die Sorge zu bestätigen, seine zweite Amtszeit werde für seine Verbündeten noch viel schwerer als die erste. Dabei zeigt Trump jenseits des ganzen Mediendonners erstaunliche Angriffsflächen.

Die Art und Weise, wie Donald Trump seine neue Präsidentschaft angeht, erinnert an ein geflügeltes Wort aus Hollywood über den Aufbau einer möglichst überwältigenden Inszenierung: mit einem Erdbeben beginnen – und dann langsam steigern. 

Die ständigen Meldungen über Gebietsforderungen und Strafzölle senden immer neue Schockwellen in die ganze Welt, über die vor allem die durchgeschüttelte Öffentlichkeit des Westens zusehends in Panik verfällt. Schon scheinen sich die Sorgen zu bestätigen, die zweite Amtszeit dieses Mannes werde noch viel wilder werden als die erste, weil er diesmal noch wütender, noch mächtiger und zugleich viel erfahrener sei: Donald Trump II – jetzt erst recht. 

Es ist eine Lesart, die niemandem besser gefallen kann als Trump selbst, deshalb entfesselt er ja den ganzen Mediendonner. Und doch ist es wie mit Hollywood: Selbst wenn die Story auf wahren Begebenheiten basieren mag, entspricht sie noch lange nicht der Wirklichkeit. 

Tatsächlich lässt sich die Geschichte auch genau anders herum erzählen: Nicht nur Trump hat seit dem letzten Mal dazugelernt. Auch die, die es nun erneut mit ihm zu tun bekommen, wissen diesmal besser Bescheid, die europäischen Politiker und Wirtschaftslenker zum Beispiel. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass auch – oder vielleicht gerade – im Trumpismus Ankündigungen nicht dasselbe sind wie Taten. Und dass der Rest der Welt, anders als Trump es seinen Wählern weismacht, nicht wehrlos ist, ganz im Gegenteil. 

So ist es kein Zufall, dass sich die EU nach jahrzehntelangen Verhandlungen just nach der Wiederwahl Trumps mit den sogenannten Mercosur-Staaten Lateinamerikas auf die Grundzüge eines Freihandelsabkommens geeinigt hat. Wird das Abkommen ratifiziert, was unmittelbar bevorsteht, entsteht eine neue privilegierte Handelszone, in der 715 Millionen Menschen wohnen - ein Faktor im Welthandel, den Trump auch mit tausend handunterzeichneten Dekreten nicht weggezaubert bekäme. 

Ähnliche Überlegungen gibt es bereits für Australien oder die Asean-Staaten um Indonesien und Singapur. Es wäre ein so mächtiges wie aussichtsreiches Gegenmodell zu Amerikas Wette, die Zukunft der Weltwirtschaft liege in der Abschottung: Stell dir vor, es ist ein Handelskrieg, und keiner geht hin.

Zumal auch Trump selbst bald das Interesse daran verlieren könnte. Schon jetzt hat er ja zu spüren bekommen, wie verwundbar Amerikas Industrie selbst ohne harte Gegenmaßnahmen ist. Trumps Anordnung von Anfang Februar, Produkte aus Kanada und Mexiko mit hohen Zöllen zu belegen, musste er schon nach wenigen Tagen diskret wieder verschieben. Weil dadurch mexikanisches Obst und Gemüse in Amerika teurer geworden wären und zugleich US-Autobauer mehr für Bauteile aus Kanada hätten zahlen müssen, spielten die amerikanischen Börsen verrückt. 

Und die eigenen Wähler mit steigenden Preisen zu verprellen, würde sich für Trump nicht erst in vier, sondern schon bei den Midterms in zwei Jahren rächen: Verliert er dort die Mehrheit im Kongress, ist es mit dem Durchregieren schnell wieder vorbei. 

Amerika ist für Europa der mit Abstand wichtigste Partner. Mit Trump nach Einigungen zu suchen, liegt deshalb im dringenden europäischen Interesse, nicht nur wirtschaftlich, auch politisch, von der Zukunft der Ukraine bis zum Ringen mit China. Aber wer Deals machen will, muss die eigenen Stärken und die Schwächen des Gegenübers richtig einschätzen. Wenn die Europäer das von Trump gelernt haben, besteht für seine so krass anlaufende neue Präsidentschaft eine echte Chance für ein transatlantisches Happy End.

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