Berlin  Taktisches Wählen: Lohnt sich das bei der Bundestagswahl 2025 noch?

Lisa Höhler
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Von Lisa Höhler
| 10.02.2025 10:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Manche Wähler splitten ihre Stimmen um bei der Bundestagswahl taktisch zu wählen. Foto: IMAGO / Wolfilser
Manche Wähler splitten ihre Stimmen um bei der Bundestagswahl taktisch zu wählen. Foto: IMAGO / Wolfilser
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Jede Stimme zählt – doch nicht immer wird sie nur nach Überzeugung vergeben. Viele Wähler setzen bei Bundestagswahlen auf taktisches Wählen, um bestimmte Parteien zu unterstützen oder politische Konstellationen zu verhindern. Doch funktioniert das 2025 überhaupt noch?

Was bewirkt meine Stimme bei der Bundestagswahl? Diese Frage stellen sich taktische Wähler. Viele hoffen zudem, durch taktische Überlegungen die AfD schwächen zu können. Bei vergangenen Wahlen spielte taktisches Wählen hin und wieder eine große Rolle, zum Beispiel, um kleinere Parteien über die Fünf-Prozent-Hürde zu hieven. Ein beliebtes Mittel ist auch das Stimmensplitting, also die bewusste Vergabe von Erst- und Zweitstimme an unterschiedliche Parteien.

Beim taktischen Wählen wird versucht, durch die Wahl einer eigentlich weniger bevorzugten Partei und dadurch das Entscheiden gegen die eigentlich bevorzugte Partei, den Erfolg der eigenen Stimme zu erhöhen. Die Stimme wird also gezielt eingesetzt, um ein bestimmtes Ergebnis zu erreichen.

Gründe dafür können sein, bestimmte Koalitionen zu ermöglichen oder zu verhindern, Parteien über die Fünf-Prozent-Hürde zu bringen oder das Stimmenverhältnis zu beeinflussen.

Ein aktuelles Beispiel sind Aufrufe zur taktischen Wahl, um Erfolge der AfD zu mindern. So mahnt beispielsweise die Kampagnenorganisation Campact, die eigene Stimme nicht zu verschenken, indem man sie Kleinstparteien gibt, die keine Chance auf ein Überschreiten der Fünf-Prozent-Hürde haben.

Auch in vergangenen Wahlen wurde taktisches Wählen bereits häufig eingesetzt:

Die bekannteste Form von strategischem Wählen ist das Stimmensplitting. Das bedeutet, dass die Erst- und die Zweitstimme nicht an die gleiche Partei gehen. 20 Prozent der Wähler nutzen seit 2000 das Stimmensplitting.

Nun wurde allerdings das Wahlrecht geändert. Die Wahlrechtsreform soll die Größe des Bundestags reduzieren. Sogenannte Überhang- und Ausgleichsmandate wird es 2025 nicht mehr geben. Entscheidend für die Stärke einer Partei im Bundestag ist nur noch ihr Zweitstimmenergebnis – und zwar auch dann, wenn sie über die Erststimme mehr Direktmandate geholt hat.

In der Praxis bedeutet das: Erhält eine Partei mehr Direktmandate als Zweitstimmen, kommen nicht alle direkt gewählten Kandidaten in den Bundestag. Damit verfallen faktisch auch die Erststimmen jener Wähler, die einen Kandidaten unterstützt haben, der seinen Wahlkreis zwar gewonnen hat, am Ende aber nicht in den Bundestag einzieht. 

Das Erststimmenergebnis kann aber weiterhin für kleinere Parteien ausschlaggebend sein, die beim Zweitstimmenergebnis nicht den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde schaffen. Das liegt dran, dass es auch im neuen Wahlrecht weiterhin die Grundmandatsklausel gibt, die dazu führt, dass Parteien in den Bundestag einziehen, die mindestens drei Direktmandate geholt haben. 

Der Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder von der Uni Kassel sagte dazu dem Bayrischen Rundfunk: „Das Splitting ist dadurch schwieriger geworden und die Parteien haben daraus die Konsequenz gezogen, dass sie mit einer Ablehnung des Splittings im Wahlkampf antreten.“

Die Wirksamkeit des taktischen Wählens hängt auch von aktuellen politischen Entwicklungen und den Strategien der Parteien ab. Bei der anstehenden Bundestagswahl sei es schwieriger als früher, in Koalitionen zu denken, weil es mindestens drei, wenn nicht sogar vier Parteien gebe, von denen wir nicht wissen, ob sie den Einzug in den Bundestag schaffen oder nicht, sagte die Politikwissenschaftlerin Ursula Münch der „Zeit“.

Selbst wenn man davon ausgehe, dass die derzeitigen Umfragen die Wählerstimmung gut abbilden, sei die genaue Zusammensetzung des künftigen Bundestags völlig unklar. „Man weiß im Grunde nicht, ob es für eine Zweierkoalition reichen oder ein Dreierbündnis zwingend wird“ Daran scheitere „Koalitionsplanungswählen schon ein bisschen“.

Politikwissenschaftler Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim erklärte gegenüber dem SWR, dass durch Veränderungen im Wahlrecht und die zunehmende Fragmentierung der Parteienlandschaft die Effekte des Stimmensplittings schwerer vorherzusagen seien als früher. Er rät Wählern, sich gründlich zu informieren und die potenziellen Auswirkungen ihres Wahlverhaltens zu bedenken.

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