Berlin Warum Grimmepreis-Trägerin Nina Kunzendorf kein deutsches Fernsehen mehr guckt
Alles nur kein normaler TV-Krimi: In ihrer neuen Polizei-Serie „Spuren“ jagt Nina Kunzendorf einen Frauenmörder. Wir haben mit der Schauspielerin über lästige Ermittlersätze, die Schwächen des deutschen Fernsehens und über sexuelle Gewalt gesprochen.
Wer sich mit Nina Kunzendorf zum Kaffee trifft, sollte vorher die Tierliebe des Gastwirts prüfen: Die 53-Jährige bringt nämlich ihren Pudel mit. In unserem Berliner Tennisclub-Café sind Hunde nicht erlaubt, sodass die Kellnerin uns für das Interview diskret im Separée versteckt.
Während der Hund uns unterm Tisch um die Füße streicht, sprechen wir über gutes und schlechtes Fernsehen, den realen Ort Kunzendorf, über massives Lampenfieber und über Nina Kunzendorfs neue Miniserie „Spuren“ – die bewusst kein TV-Krimi sein soll, sondern ein Polizeifilm mitsamt all den langweiligen Routinen der Ermittlungsarbeit.
Frage: Frau Kunzendorf, in Ihrer Kindheit gab es bei Ihnen zu Hause keinen Fernseher. Hat das Freiräume für mehr Kreativität geschaffen – oder haben Sie einfach umso mehr geguckt, wenn Sie bei Freunden waren?
Antwort: Jedenfalls habe ich mich nicht benachteiligt gefühlt – komischerweise. Ich hatte immer den Eindruck: Meine Eltern werden sich schon was dabei gedacht haben. Natürlich habe ich heimlich bei Nachbarn ferngesehen. „Bonanza“ zum Beispiel. Ich erinnere mich auch an die Tage nach neuen „Dallas“- oder „Denver“-Folgen. Da konnte ich nicht mitreden. Blöd. Aber es fühlte sich trotzdem nie so an, als wäre ich das einzige Kind ohne Markenturnschuhe. Ich habe einfach mehr gelesen. Meine Kindheit war sehr schön.
Sehen Sie hier den Trailer zu Nina Kunzendorfs neuer ARD-Serie „Spuren“:
Frage: Heute streiten Eltern und Kinder über noch viel mehr Medien – vom iPhone bis zur Spielkonsole. Wie haben Sie das mit Ihren eigenen Kindern gehalten?
Antwort: Man scheitert natürlich total. Zumindest haben wir alles ein bisschen verschleppen können, weil meine Kinder auf eine Waldorfschule gegangen sind. Da kam da Handy deutlich später, als an anderen Schulen. Das Argument, dass die anderen längst alles dürfen, funktioniert da nicht. Das hilft.
Frage: Hat Fernsehen früher mehr Spaß gemacht, weil es ohne die riesige Auswahl von heute noch was Besonderes war? Und weil jeder alle relevanten Formate gesehen hatte und mitreden konnte?
Antwort: Das hat zumindest eine Rolle gespielt. Ich erinnere mich an „Sommer in Lesmona“, eine historische Liebesgeschichte mit Katja Riemann. Das habe ich geliebt und ich habe auch geliebt, dass man eine verdammte Woche auf die nächste Folge warten musste. Das verpassen alle, die heute groß werden: das Warten-Müssen und Warten-Dürfen. Dafür kann man heute binge-watchen; das finde ich auch toll. Es ist halt wie Junkfood: einfach immer weiteressen, richtig satt und zufrieden fühlt man sich nie. Ich muss aber gestehen, dass ich so gut wie kein deutsches Fernsehen mehr gucke. Meine Kinder erst recht nicht.
Frage: Grundsätzlich nicht?
Antwort: Ausgewählte Sachen sehe ich mir natürlich schon an. Filme, in denen geschätzte Kolleg*innen mitspielen, die Arbeit einer Regisseurin, eines Regisseurs, die ich mag. Und zumindest einmal gucke ich mir auch die Sachen an, die ich selbst mache. Aber es ist wirklich sehr wenig geworden.
Frage: Die Debatte um die Öffentlich-Rechtlichen ist zurzeit vergiftet. Aber ich würde auch sagen: Die Formate, in denen sie sich mal was trauen, sind gut versteckt.
Antwort: Bei Netflix, Sky und Amazon läuft natürlich auch viel Grütze. Aber die Streamer haben eben auch hervorragende Serien und Filme. Wenn man eine geguckt hat, ist der Weg zurück schwer. Gestern habe ich mit meiner Tochter bei Amazon „Die Discounter“ geguckt. Das ist immerhin eine deutsche Serie und die finde ich superlustig. Die machen einfach. Die holen sich die Schauspieler, auf die sie Bock haben, und dann improvisieren sie. Und meine Tochter und ich sitzen davor und beömmeln uns.
Frage: Einen Gastauftritt hatten Sie aber noch nicht, oder?
Antwort: Nein, aber wenn die mich fragen, komme ich sofort. Egal, was sie mit mir vorhaben. Ich leere auch gern einfach nur die Discounter-Mülltonne. Das Format funktioniert ja offensichtlich wirklich gut, gerade bei jungen Zuschauern, um die sich auch die Öffentlich-Rechtlichen massiv bemühen. Und bei denen frage mich, ob das noch die leiseste Aussicht auf Erfolg hat. Was ja schön wäre. Für meine Kinder und für ihre Freundinnen und Freunde sind die Öffentlich-Rechtlichen irrelevant. Die gucken das nicht.
Frage: Grundsätzlich kriegen ARD und ZDF ja auch gute Formate hin. Sie selbst habe ich vor ein paar Jahren in der tollen Serie „Klassentreffen“ gesehen. Die hatte sogar einen ähnlichen Impro-Ansatz wie „Die Discounter“. Warum ist das so selten?
Antwort: Vielleicht gerade, weil zu viel über Zielgruppen nachgedacht wird, über „Key Visuals“, den Look, mit dem man Formate zielgruppengerecht verkauft und Klickanreize bietet, über Quoten, über die Befriedigung von tatsächlichen oder vermeintlichen Wünschen und Sehgewohnheiten. Ein bisschen vergessen wird dann, dass es auch um Inhalte geht, dass man diesen Bildungsauftrag hat und dass es auch ein Publikum gibt wie uns beide. Ich wünsche mir auch ungewöhnliches Fernsehen, kleine Filme, nicht nur Krimis und Serien, bei denen ich nach fünf Minuten weiß, wie die Figuren ticken.
Frage: Entschuldigung, ich höre zu – aber unter dem Tisch beschnuppert mich Ihr Hund. Es ist gerade nicht leicht, mit Ihnen Blickkontakt zu halten.
Antwort: Kein Problem, ich bin das gewohnt. Er ist einfach süß.
Frage: Was für einer ist das denn? Ein Maltipoo?
Antwort: Ein ganz normaler Pudel. Nemo heißt er.
Frage: Warum verpacken ARD und ZDF überhaupt all ihre Anliegen in Krimis? Für das Heimatgefühl gibt’s Regionalkrimis. Wenn über Sucht debattiert wird, kriegt der „Tatort“-Kommissar ein Alkoholproblem.
Antwort: Ich weiß nicht, was die Deutschen mit dem Krimi haben. Aber ich mag Krimis auch gerne. Und ich habe eine totale Meise für True Crime. Je schlechter das gemacht ist, desto geiler finde ich es. Ich mag dieses B-Movie-Artige von amerikanischen True-Crime-Formaten.
Frage: Ganz ohne schlechtes Gewissen? Es geht doch um echte Tote und wir gucken das zur Unterhaltung.
Antwort: Am Ende werden ja zumindest die Täter gefasst. Und dann gibt es engagierte Polizisten, zu denen man aufblicken kann. Ich kann nur feststellen, dass mich das sehr packt. Woher diese Fixierung auf Krimis kommt, weiß ich auch nicht. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass man es sich im Sessel gemütlich macht und dann denken kann: Die Welt ist schrecklich – aber mir geht es gut. Vielleicht holt man sich gern so einen berechenbaren Grusel nach Hause. Es ist ja trotzdem weit weg von all den realen Schrecklichkeiten, mit denen wir im Moment leben.
Frage: Wir reden uns gerade um Kopf und Kragen. Verabredet sind wir ja, weil wir über Ihre neue ARD-Krimiserie sprechen wollen. Und mein Eindruck war: „Spuren“ ist eins der Formate, die sich vom Durchschnitt abheben wollen.
Antwort: Haben Sie alle vier Teile geguckt?
Frage: Natürlich, schon um zu erfahren, ob der Täter überhaupt entlarvt wird. Der Serie hätte ich auch ein offenes Ende zugetraut, weil sie sich eigentlich nur für Ermittlungsarbeit interessiert. Die Psyche des Mörders spielt keine Rolle. Auch die Opfer sind sehr diskret inszeniert. War das ein Grund mitzumachen?
Antwort: Wie ein Krimi die Morde visuell umsetzt, erfahre ich vorher nicht. Worüber wir aber wirklich gesprochen haben: Wie schafft man es, dass das mehr als der tausendste Krimi des Jahres wird? Unsere Antwort war: Wir machen einfach keinen Krimi, sondern einen Polizeifilm. Wir zeigen die stumpfe, akribische, teilweise auch langweilige Arbeit von Polizisten.
Frage: Wie die Polizeiarbeit strotzen auch die Filme darüber von Routinen und Standardsituationen: die Ankunft am Tatort, das Überbringen der Todesnachricht, das Verhör. Gibt es einen Ermittlersatz, den Sie ums Verrecken nicht mehr …
Antwort: „Wo waren Sie gestern zwischen 14 und 18 Uhr?“ Furchtbar! Aber meistens lässt sich dieser Klassiker nicht vermeiden.
Frage: „Spuren“ basiert auf einem realen Fall. Haben Sie mit den echten Ermittlern gesprochen?
Antwort: Für fachliche Fragen konnten wir jemanden anrufen. Als ich noch beim „Tatort“ war, haben wir uns intensiv mit dem Profiler Axel Petermann beraten, auf dessen Fällen die Filme beruhten. Im Zweifel sind mir fiktionale Stoffe aber fast lieber, weil man da keine Verantwortung für die realen Menschen übernimmt.
Frage: Die Polizisten in „Spuren“ futtern immerzu Kuchen. Ist das der Wirklichkeit entnommen oder war das nur eine günstige Möglichkeit, die Mittagspausen kurzzuhalten?
Antwort: Das ist ein Detail aus dem Sachbuch, das dem Film zugrunde liegt. Es war wohl tatsächlich so, dass die Bevölkerung selbstgebackene Kuchen in die Sonderkommission gebracht hat, um die Ermittler bei Kräften zu halten und ihnen ihre Dankbarkeit zu zeigen.
Frage: Frauenmörder und Vergewaltiger sind im Krimi oft fremde Unholde. In der Wirklichkeit sind es viel öfter Männer aus dem Nahbereich der Frauen. Zeigt das Fernsehen die falschen Täter?
Antwort: Ich habe das Gefühl, dass im Krimi inzwischen beides zu sehen ist – auch die häusliche Gewalt. Diesmal haben wir weniger über den fremden Verdächtigen diskutiert und mehr über den fremdländischen – weil auch ein Flüchtling in den Fall verstrickt ist. Wir zeigen nur, was der reale Fall vorgibt. Aber wir wollten es nicht so zeigen, dass es den falschen Leuten Futter gibt.
Frage: Der Prozess um Gisèle Pelicot hat erschreckend vorgeführt, dass es in allen Schichten und Milieus Männer gibt, die von Vergewaltigung fantasieren und diese Fantasie auch umsetzen wollen.
Antwort: Und für mich war das keine neue Erkenntnis. Meine Mutter hatte als Sonderschullehrerin öfter mit missbrauchten Mädchen zu tun. Ich bin mit Zahlen groß geworden, die ich nach wie vor nicht glauben kann – dass in jeder Schulklasse ein bis zwei betroffene Kinder sitzen. Die Grausamkeit im Fall von Gisèle Pelicot ist unerträglich. Überrascht hat es mich nicht.
Frage: Gisèle Pelicots Appell heißt: Die Scham muss die Seiten wechseln. Tut sie das?
Antwort: Ich glaube nicht. Aber ich hoffe, dass ihr Beispiel mehr Frauen Mut macht, sich zu äußern und mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Oder überhaupt erst einmal zur Polizei. Ich fürchte trotzdem, dass ganz viel Scham bei den Opfern bleiben wird.
Frage: Das Presseheft zu „Spuren“ betont übrigens, dass die Serie im Heimatdorf Ihrer Uroma gedreht wurde. War das für Sie etwas Besonderes?
Antwort: Der Ort heißt Strümpfelbach, und ich mochte total, dass wir dort gedreht haben. Mütterlicherseits ist meine Familie schwäbisch. Und obwohl ich Strümpfelbach vorher gar nicht kannte, kam mir alles vertraut vor, die Landschaft, die Sprachmelodie.
Frage: Sie haben in einem Podcast mal eine Leidenschaft für Landmaschinen gestanden. Ist das ein Erbe dieser dörflichen Familiengeschichte?
Antwort: Das habe ich von meiner Mutter. Die wollte schon als Kind einen Traktor haben. Mir geht es genauso. Wenn ich zu uns aufs Land rausfahre, komme ich immer an einem Vertrieb von Claas-Maschinen vorbei. Bei diesen Riesendingern kriege ich glänzende Augen. Aber da ich keine Felder habe, brauche ich leider auch keinen Traktor. Bei mir reicht es nur zu einem Aufsitzrasenmäher.
Frage: Gibt es eigentlich auch einen Ort, der Kunzendorf heißt?
Antwort: Es gibt den wohl wirklich. Das hat mein Vater mal recherchiert. Es ist aber weit weg, ich glaube, im ehemaligen Böhmen. Wir haben nichts damit zu tun.
Frage: Vor unserem Interview hat mir eine Kollegin gesagt: Es ist ganz egal, was du Nina Kunzendorf fragst. Die hat eine so schöne Stimme, dass jede Antwort Klang hat. Mir war Ihre Stimme auch immer aufgefallen, schon damals bei Ihrer „Tatort“-Kommissarin Conny Mey.
Antwort: Conny Mey hatte eine hellere Stimme, glaube ich.
Frage: Genau, und der Unterschied fällt sofort auf. Gestalten Sie Figuren bewusst über die Stimme?
Antwort: Das ergibt sich eher. Ich gehe nicht von außen an meine Rollen ran und sage mir: Die Frau spricht mit einer hellen Stimme. Ich versuche, die Figur zu verstehen und dann spiele ich das. Aber natürlich ist die Stimme wichtig. Im letzten Jahr habe ich noch mehr Hörbücher gemacht als sonst, weil ich das so liebe. Also ich liebe es, Hörbücher einzulesen. Anhören tue ich mir die eigentlich nie – was ich vielleicht nicht sagen sollte, wenn ich gerade Werbung dafür mache.
Frage: Passt doch. Fernsehen gucken Sie ja auch nicht.
Antwort: Wenn jemand meine Stimme als angenehm empfindet, ist das jedenfalls wirklich sehr schön für mich. Weil ich selbst meine Stimme wie jeder andere Mensch auch überhaupt nicht ertrage. Wenn ich eine Lesung vorbereite oder Texte lerne, mache ich das nie laut. Nie. Ich lese das einfach leise für mich.
Frage: Gibt es etwas in Ihrem Handwerk, das Ihnen gar nicht liegt? Und andere Dinge, auf die Sie sich besonders freuen?
Antwort: Extrovertiertes, grelles, lautes Spiel sehe ich mir bei anderen gern an. Mir selbst liegt es nicht. Und freuen tue ich mich immer, immer, immer auf das Zusammenspiel mit Kollegen und Kolleginnen. Immer. Ich kann Schauspiel gar nicht für mich alleine denken. Monologe hasse ich. Meine schlimmste Theatererfahrung war, alleine auf der Bühne zu stehen. Das Tollste beim Drehen ist es, wenn ich nicht mehr über mich selbst und meine Figur nachdenken muss, sondern nur meinem Gegenüber zugucke und reagiere.
Frage: Theater machen Sie im Moment gar nicht. Wieso eigentlich nicht?
Antwort: Ich habe ein schwieriges Verhältnis zu Theater. Ich liebe es wirklich sehr und hatte tolle Zeiten am Theater, vor allem an den Münchner Kammerspielen. Aber ich bin irrsinnig nervös. In München hatte ich das ein bisschen verloren. Aber später hat es mich nochmal richtig umgehauen. Wenn mein Freund jetzt eine Premiere hat, sitze ich im Saal und denke nur: Gott sei Dank spiele ich nicht. Auf der Bühne ging es mir am Ende so schlimm, dass ich begriffen habe: Ich muss das jetzt erstmal sein lassen. Ich würde jederzeit wieder acht Wochen am Stück proben. Das fehlt mir wirklich. Ich bräuchte dann nur eine Kollegin, die für mich die Vorstellungen übernimmt. Aber im Ernst: Ich bin zu schissig, um mich zu bewerben, aber ich wäre verführbar. Ich hänge schon am Theater.
Frage: Welches Haus müsste Ihnen welche Rolle anbieten, damit Sie trotzdem noch mal zusagen?
Antwort: Es ginge wahrscheinlich nur mit einem Ensemblestück. Aber auch dafür müsste man mir sehr wirksame Drogen geben.