Kolumne „Alles Kultur“  Auch zwischen den Zeilen lesen

Annie Heger
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Eine Kolumne von Annie Heger
| 10.02.2025 07:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Annie Heger
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Unsere Kolumnistin hatte ein interessantes „Gespräch“ mit ihrem zweijährigen Neffen. Dabei hat sie durchaus was gelernt.

Neulich saß ich mit meinem zweijährigen Neffen am Küchentisch. Er schaute mich mit großen Augen an und begann, wild gestikulierend, eine Geschichte zu erzählen. Oder besser gesagt: Er versuchte es. Ich war mir nicht sicher, ob es um ein Abenteuer mit seinem Stofffuchs ging, um das dringende Bedürfnis nach einem Keks, darum, dass irgendwo im Universum gerade etwas unglaublich Wichtiges passiert war oder einfach nur die Info, dass seine Windel gewechselt werden müsste. Wer weiß das schon?

Zur Person

Annie Heger (41), geboren in Aurich und heute hauptsächlich in Hamburg lebend, singt, ist Schauspielerin und moderiert Shows, Festivals, Varietés und Galas. Außerdem ist sie Plattdeutsch-Aktivistin.

Und in diesem Moment dachte ich: Eine App wäre jetzt genial. Einfach das Handy über das Kind halten und die Übersetzung erscheint in Echtzeit auf dem Bildschirm: „Ich möchte den roten Becher, nicht den blauen! Und außerdem: Warum machst du keine Grimassen mehr? Das war lustig!“

Aber dann kam mir ein zweiter Gedanke. Vielleicht hat das ja sogar einen Sinn, dass Menschen ohne Sprache zur Welt kommen. Dass wir erst lernen müssen, uns auszudrücken — genau wie Steuererklärungen machen oder das Kunststück, im richtigen Moment die eigene Meinung zu sagen. Vielleicht ist es auch ein Trainingslager für uns Erwachsene: zuhören, aufmerksam sein, zwischen den Zeilen — oder besser gesagt zwischen den Lauten — lesen.

Ich habe nämlich den Verdacht, dass wir Kinder umso weniger ernst nehmen, je mehr sie reden können. Sobald sie ganze Sätze formulieren, schalten wir oft auf Durchzug. Das ist paradox, oder? Kinder sollen unsere Zukunft sein, heißt es. Aber ehrlich gesagt, ich mag diesen Satz nicht. Kinder sind nicht nur unsere Zukunft. Sie sind unsere Gegenwart. Sie sind jetzt hier, mitten unter uns, mit all ihren Fragen, Fantasien und kleinen Weisheiten.

Vielleicht liegt also genau darin der Sinn des kindlichen Kauderwelschs: Dass wir uns anstrengen müssen, sie zu verstehen. Vielleicht brauchen wir gar keine App, sondern nur mehr Geduld und Zeit. Und das Vertrauen, dass manche Botschaften nicht über Worte kommen, sondern über ein Lachen, ein Kopfnicken oder diesen besonderen Blick, der sagt: „Ich hab dich verstanden.“ Und das ist ja das Wichtigste — egal ob bei Kindern oder Erwachsenen.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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