Welttag ohne Handy 24 Stunden offline – Volontärin wagt den Selbsttest
Ein Leben ohne Smartphone: Geht das überhaupt noch? Diese Frage stellt sich Volontärin Deike Terhorst am Welttag ohne Handy – und hat sich kurzerhand einem Entzug unterzogen.
Ostfriesland - Haben Sie schon einmal den Begriff „Smombie“ gehört? Als Sklave seines Smartphones vergisst der Handy-Süchtige Mitmenschen und Umwelt. Der Fluch und Segen im Hosentaschenformat macht den Alltag zwar einfacher, frisst aber auch immer mehr Zeit.
Der „Welttag ohne Handy“, der jährlich am 6. Februar stattfindet, möchte genau darauf aufmerksam machen und ruft dazu auf, für 24 Stunden die Verbindung zur Welt zu kappen. Leichter gesagt als getan für eine Weltbevölkerung, die zunehmend vom Smartphone abhängig ist. 2025 werden voraussichtlich fast fünf Milliarden Menschen eines besitzen, schätzt die Statistik-Plattform Statista. Doch in welchen Situationen benutzen wir das Handy überhaupt? Und wie fühlt es sich an, wenn es einfach mal beiseitelegt? Das möchte ich herausfinden.
Challenge accepted
Mittwochabend, die Zeiger der Wohnzimmeruhr stehen in einem 90 Grad-Winkel zueinander – 21 Uhr. Ich widerstehe dem Impuls, vor meinem Selbsttest einen WhatsApp-Status zu erstellen, in dem ich meinen Kontakten mitteile, dass ich für die nächsten 24 Stunden nicht erreichbar bin. Nein, das wäre geschummelt. Stattdessen stelle ich das Handy aus. Und verschwinde damit wortwörtlich von der Bildfläche. Von nun an führe ich ein Leben im Offline-Modus.
Vom Dasein eines Smombies bin ich eigentlich weit entfernt – die Zeitfresser Instagram und TikTok interessieren mich nicht, Snapchat ist mir ein Rätsel, von X hält man generell lieber Abstand und Facebook ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Außerdem bin ich schon die ersten 17 Jahre meines Lebens ohne Smartphone ausgekommen. Wie schwer kann so ein Verzicht also sein?
Doch in dem Moment, als das Display schwarz wird, denke ich: „Verflucht, was ist eigentlich meine PIN?“ Ich stelle mein Smartphone so gut wie nie aus, die vierstellige Nummer ist mir schlichtweg entfallen. Panisch renne ich ins Wohnzimmer, krame in den Unterlagen meines Mobilfunkanbieters und atme erleichtert auf, als ich das Rubbelfeld mit den Zahlen auf einem schon angegilbten Brief entdecke.
Wake me up before you go go
Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Ich beschließe, ins Bett zu gehen. Vorher lege ich mein Körnerkissen in die Mikrowelle, stelle sie auf drei Minuten ein. Ich könnte jetzt noch ein bisschen daddeln. Stattdessen drehe ich Däumchen in der Küche. Laaaangweilig. Die drei Minuten kommen mir wie eine Ewigkeit vor. Endlich angekommen unter der kuscheligen Bettdecke, schrecke ich nach fünf Minuten wieder hoch: Wer weckt mich eigentlich morgen früh?!
Ohne Handy stelle ich mir notgedrungen den Timer an meinem Backofen. Danach falle ich in einen unruhigen Schlaf. Immer wieder wache ich auf, die Hand greift instinktiv zum Smartphone. Habe ich verschlafen? Der Blick auf die analoge Uhr auf der Kommode gibt Aufschluss, es ist mitten in der Nacht.
PIEP, PIEP, PIEP!
Der Morgen beginnt denkbar mies. Wie ätzend ist es bitte, das warme Bett im Schweinsgalopp verlassen zu müssen, weil in der Küche der Backofen so laut piept, dass er gefühlt die halbe Nachbarschaft mit aus dem Schlaf reißt?! Ich dusche, schnappe mir meine Arbeitstasche und setze mich ins Auto. Schon jetzt plagt mich die Unruhe. Habe ich etwas verpasst? Hat jemand versucht, mich zu erreichen?
Vor der Arbeit möchte ich noch bei einer Freundin vorbeifahren. Problem: Sie ist vor Kurzem umgezogen. Ich habe keine Ahnung, wie ich zur angegebenen Adresse komme. Normalerweise hätte ich fix Google Maps gecheckt, jetzt krame ich mein altes GPS-Navi aus dem Handschuhfach. Gott, das hatte bestimmt seit 15 Jahren kein Update mehr. Gut, dass Straßenführungen in Ostfriesland eher selten geändert werden.
Für die musikalische Begleitung während der Fahrt ist übrigens gesorgt. Ich war schon vor meinem Handy-Entzug leidenschaftliche CD-Sammlerin, heute habe ich mir eine meiner Lieblinge rausgesucht: The Whos „Who’s next“. Meine Laune bessert sich schlagartig.
Das Zettel-Imperium schlägt zurück
Angekommen in der Redaktion, stürze ich mich wie ausgehungert auf den PC – endlich Zugang zur Welt! Ich fische meine Brotdose aus der Tasche, normalerweise lege ich auch das Handy direkt auf den Schreibtisch. Heute lasse ich es am krümeligen Taschenboden versauern. Außer Sichtweite reduziert sich die Gefahr, der Versuchung zu erliegen, auf das größtmögliche Minimum.
Meine Termine notiere ich weiterhin in meinem analogen Terminkalender, ein unverzichtbarer Bestandteil meines Lebens seit der Schulzeit. Ganz im Ernst, ohne diesen Kalender würde ich wahrscheinlich nirgendwo auftauchen. Viel schwerer fällt der Verzicht auf den elektronischen Notizblock. Sobald mir ein Gedanke kommt, der im nächsten Moment wieder verflogen sein könnte, tippe ich ihn in die Notiz-Funktion meines Smartphones. Ich weiche notgedrungen auf Zettel aus, am Ende des Tages häufen sich davon bestimmt zehn Stück auf meinem Schreibtisch.
Digitaler Gruppenzwang
Nach Feierabend treffe ich mich mit meiner Schwester zum Essen. Mein Blick wandert durchs Restaurant. Überall Smartphones. Jeder hat es neben sich liegen und schielt sehnsüchtig hin. Sobald man es nicht mehr aushält und danach greift, tun es alle anderen auch. Erst, wenn man selbst keins hat, merkt man, wie oft die anderen an ihrem Smartphone sind.
Wenn ich nach Hause komme und müde bin, greife ich auf dem Sofa selbst direkt zum Handy. Heute lasse ich das Gerät links liegen und telefoniere stattdessen mit meiner Mama – natürlich über den Festnetz-Anschluss. Vorher habe ich mir seit Langem wieder Gedanken darüber gemacht, ob sie überhaupt erreichbar ist. Ein Anruf ist eben nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit möglich, anders als eine schnell getippte Nachricht.
Danach denke ich über das geplante Pfingstwochenende mit Freundinnen in München nach. Ich möchte die Zugverbindungen checken, bin aber zu faul, den Laptop aus der Küche zu holen. Stattdessen schalte ich den Fernseher ein. Auf einem der Privatsender läuft ein James-Bond-Film aus den späten 80ern. Wie lange war Timothy Dalton eigentlich in der Rolle zu sehen? Google könnte die Antwort im Handumdrehen liefern, aber das Smartphone-Verbot gilt noch immer. Schnell merke ich: Ohne die ständig präsente Zerstreuungsmaschinerie nehme ich den Streifen viel bewusster wahr. Dennoch bleibt die Ungewissheit, ob jemand versucht hat, mich zu erreichen.
3, 2, 1 – wieder meins!
Die Uhrzeiger im Wohnzimmer bewegen sich erneut auf eine 90 Grad-Stellung zu. Ich schalte mein Smartphone an, gebe die PIN ein … und stelle fest: Ich habe rein gar nichts verpasst. Fünf ungelesene WhatsApp-Nachrichten, alles Gruppenchats. Kein einziger Anruf. Offenbar ist mein Leben weniger aufregend als ich dachte.
Das Ende vom Lied: Man seinen Tag auch sehr gut ohne Handy meistern. Und trotzdem – obwohl es keinen Grund dafür gab, hätte ich bestimmt rund 40-mal zum Gerät gegriffen. Vieles ist so zur Routine geworden, dass man teilweise gar nicht mehr bewusst handelt. Mit diesem Gedanken stelle ich den Wecker und lege mich schlafen. Und falls Sie es wissen wollten: Timothy Dalton flimmerte nur zweimal als MI6-Agent über die Leinwand, bevor er 1994 von Pierce Brosnan abgelöst wurde.