Hamburg „Habeck oder Merz?“ Bei der Antwort kommt Angela Merkel ins Schleudern
Angela Merkel sprach in Hamburg über Politik von heute und gestern. Fragen zu ihrer Kritik an Friedrich Merz wich sie nicht aus. Klar wurde: Die Altkanzlerin macht sich Sorgen um Deutschland.
Ob die Hamburger Angela Merkel lieben, lässt sich schwer sagen. Dass aber viele Hanseaten die Tochter ihrer Stadt mögen, ja verehren, darf seit dieser Woche als sicher gelten. Bei der Visite der 70-Jährigen in ihrer Geburtsstadt standen Hunderte Menschen in der City Schlange für eine Signierstunde. Und am Abend füllten dann 1200 Zuschauer das Schauspielhaus bis auf den letzten Platz, um Merkels mit Spannung erwarteten Auftritt zu erleben.
Das größte deutsche Sprechtheater war im Handumdrehen ausgebucht für das politische Gespräch mit der Altkanzlerin. Und die zeigt, dass sie die große Bühne auch als Politrentnerin weiterhin im Griff hat. Freilich macht es ihr das Hamburger Publikum denkbar leicht: Es gibt tosenden Beifall, als Merkel im blauen Blazer den Saal betritt, begeisterten Applaus nach Ende der 90 kurzweiligen Minuten – keine Pfiffe, keine Buhs.
Auf Einladung der Wochenzeitung „Die Zeit“ absolviert die laut Forbes einst „mächtigste Frau der Welt“ einen Ritt durch Politisches von heute und gestern. Die „Zeit“-Journalisten Mariam Lau und Roman Pletter entlocken dem Gast dabei viele routinierte Analysen, bringen diesen aber auch mal verbal ins Schlingern. In den gelungensten Momenten des Abends äußert die Elder Stateswoman Nachdenkliches zur aktuellen Lage im Land, übt zarte Selbstkritik an 16 Jahren Kanzlerschaft, gewährt Einblicke in ihre Gefühlswelt.
Bei den großen Themen allerdings bleibt sich die CDU-Frontfrau a. D. treu. Sie erneuert im Schauspielhaus ihre frappierende Kritik am Unions-Kanzlerkandidaten Friedrich Merz mitten im Wahlkampf. Sie halte es für einen Fehler, wiederholt Merkel, dass Merz die Unions-Vorschläge für eine schärfere Migrationspolitik unter Inkaufnahme von AfD-Stimmen durch den Bundestag gebracht hat. „Ich mische mich ja in die normalen politischen Auseinandersetzungen nicht ein, aber ich fand das doch eine Frage von grundsätzlicher Bedeutung.“
Eine Nacht habe sie darüber geschlafen, ob sie sich einmischen solle. Nein, Merz habe sie vorab nicht informiert, sagt Merkel, beschwichtigt dann lächelnd: „Wir können beide damit sehr, sehr gut umgehen.“ Die Botschaft: Nichts nimmt die Exklanzlerin von der Kritik zurück, vermeidet aber die weitere Eskalation des Streits.
Dennoch lässt sie weitere Differenzen zum Merz-Kurs erkennen. Von dessen Aussage etwa, die Asylpolitik auch unter ihrer Verantwortung sei falsch gewesen, fühle sie sich „natürlich“ angesprochen, und weist diese deutlich zurück: „Ich halte die Flüchtlingspolitik der letzten zehn Jahre nicht für verfehlt, das kann ich so nicht akzeptieren.“
Kontra für den alten Parteirivalen gibt es auch in Sachen Ukraine. Gefragt, ob sie die Zurückhaltung des derzeitigen Kanzlers bei Taurus-Lieferungen verstehen könne, bekennt Merkel: „Ja. Ich habe jedes Verständnis für das bedachte Vorgehen von Olaf Scholz.“ Merz will liefern.
„Ist das so noch Ihre Partei?“, hakt Moderator Pletter nach. Merkel könnte mit einem kurzen Ja antworten, sagt aber lieber: „Es gibt immer Unterschiede innerhalb der Parteien, deshalb sind wir auch Volkspartei.“ Immerhin fügt sie an: „Es ist meine Partei, auch, wenn sie mir manchmal Schmerzen bereitet.“
Indirekt räumt die ehemalige Regierungschefin Versäumnisse ihrer Regierungszeit ein. Könnte sie jetzt als Kanzlerin ohne Einschränkungen Entscheidungen treffen, würde sie vor allem die Digitalisierung voranbringen, Schulen und Kitas besser ausstatten sowie die Bedingungen für Ehrenamtler verbessern. In ihrer Autobiografie „Freiheit“ äußere sie sich mehrfach selbstkritisch, sagt Merkel noch und zählt auf: Irak-Krieg, Krieg in Afghanistan, mangelnder Klimaschutz.
Was will die Ruheständlerin tun, wenn ihre Lesereisen beendet sein werden? „Ich möchte, mit Schwerpunkt auf junge Leute, über meine Erfahrungen mit der Demokratie ins Gespräch kommen.“ In welchem Format, sei offen.
Geht es ihr eigentlich gut, mehr als drei Jahre nach Beginn der Rente, fragt ein Zuschauer. Merkel offen: „Es geht mir nicht so gut, was die politische Situation angeht.“ Sie mache sich Sorgen wegen der „Kompromisslosigkeit der demokratischen Parteien“. Die Stimmung in Deutschland erlebt sie als „aufgewühlt“, der „rüde Ton“ im Wahlkampf missfällt ihr.
Mal was anderes: Ob Angela Merkel ihren Lieblingswitz erzählen möge? Sie zögert, gibt zu bedenken, dass der Kalauer zu den absurden Verhältnissen in der UdSSR womöglich aus der Zeit gefallen sei – und erzählt ihn doch. Tatsächlich erntet das Kind der DDR dafür in Hamburg im Jahr 2025 nur Anstandslacher.
Mit einer anderen Antwort sorgt sie für mehr und wesentlich ehrlichere Heiterkeit. Was nochmals ein grelles Schlaglicht auf ihr schwieriges Verhältnis zum Kanzlerkandidaten der CDU/CSU wirft. „Robert Habeck oder Friedrich Merz?“, lautet die eigentlich so leichte Frage an jene Frau, die fast 20 Jahre CDU-Bundesvorsitzende war. Doch Merkel eiert rum. „Ich bin jetzt CDU-Mitglied, ich bin vor allen Dingen überzeugt, dass die CDU, was die wirtschaftlichen Aufgaben …“. Lacher und Beifall im Publikum. Merkel stammelt, stockt, sagt schließlich fast unwillig: „Wenn es jetzt heißt Merz oder Habeck, dann muss ich sagen Merz.“ Muss sie wohl.