Hamburg Missbrauch auf dem Reiterhof: Darum ist die Gefahr beim Reiten besonders hoch
Obszöne Worte, unangemessene Berührungen, Vergewaltigungen: Immer wieder kommt es im Reitsport zu sexualisierter Gewalt. Sportsoziologin Bettina Rulofs von der Sporthochschule Köln weiß, wo die Gefahren liegen.
Reitlehrer missbraucht Reitschülerin: Immer wieder gibt es derartige Schlagzeilen in Deutschland. Recherchen unserer Redaktion zum Tatort Reiterhof decken ein wiederkehrendes Muster auf: Täter nutzen die Pferdebegeisterung meist junger Mädchen aus und schaffen ein System von Abhängigkeiten und Machtmissbrauch.
Die Sportsoziologin Bettina Rulofs beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit sexualisierten Gewalterfahrungen im Sport. Im Interview spricht sie über weitere Risikofaktoren rund um das beliebte Hobby Reiten.
Frage: Frau Rulofs, Sie haben im Auftrag der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs die größte Studie zu sexuellem Missbrauch im Sport in Deutschland geleitet. Zu Vorfällen im Reitsport kam es vergleichsweise häufig. Warum?
Antwort: Tatsächlich wurde in dieser Studie, in der wir die Berichte von Betroffenen ausgewertet haben, in einigen Fällen der Reitsport genannt. Grundsätzlich ist aber zu sagen, dass es in allen Sportarten zu sexuellem Missbrauch kommt. Nicht nur beim Reiten, Schwimmen oder Turnen, die in der Studie genannt werden. Jede Sportart hat ihre eigenen Bedingungen, die sexuellen Missbrauch begünstigen können.
Frage: Welche sind das beim Reiten?
Antwort: Es gibt eine hohe Zahl von Mädchen, die reit-affin sind. Und gleichzeitig haben wir bei den Leuten in den Positionen des Reitsports ein Übergewicht bei den Männern. So sind zum Beispiel Trainer und Stallbesitzer vorwiegend männlich. Was das Geschlechterverhältnis anbelangt, haben wir also ein Ungleichgewicht. Und diese Struktur bedingt es auch, dass es zu sexueller Gewalt kommen kann.
Frage: Spielt auch die Beziehung zum Pferd eine Rolle?
Antwort: Pferde haben eine hohe Anziehungskraft auf Kinder und Jugendliche, die eine tiefe emotionale Beziehung zu den Tieren entwickeln. Sie übernehmen freiwillig weitere Aufgaben und kümmern sich um die Pflege der Tiere. Diese emotionale Beziehung kann von Tätern ausgenutzt werden, insbesondere in Situationen, wo Jugendliche für ihren Zugang zum Reiten auf die Unterstützung von Stallbetreibern oder Pferdebesitzern angewiesen sind.
Frage: Reiten ist ein vergleichsweise teurer Sport. Welche Rolle spielt Geld?
Antwort: Ja, Reiten ist ein teurer und Ressourcen-aufwändiger Sport. Die Ausrüstung, aber besonders Finanzierung des Tieres, sind sehr kostspielig. Und es geht im Pferdesport um viel mehr als nur um Training und Wettkämpfe – Privatleben und Sport vermischen sich meist stark. Nicht selten ist auch das familiäre Umfeld oder der Freundeskreis involviert. Wenn es in solchen Konstellationen zu sexualisierter Gewalt kommt, dann ist es besonders schwer, das aufzudecken. Denn niemand möchte gefährden, was man sich über Jahre aufgebaut hat.
Frage: Gibt es Unterschiede zwischen dem Breiten- und Leistungssport im Hinblick auf das Risiko, Opfer sexueller Gewalt zu werden?
Antwort: In beiden Bereichen gibt es Risiken. Wer Leistungssport betreibt, investiert viel Zeit und der Anspruch, erfolgreich zu sein, ist hoch. Wer in diesem Bereich sexualisierte Gewalt offen thematisiert, entwertet mit einem Schlag alles. Nämlich, was man selbst, aber auch die Familie und der Trainer investiert hat. Nicht nur finanziell, auch sozial und in zeitlicher Hinsicht. Und das wollen viele Betroffene nicht und auch nicht diejenigen, die vielleicht etwas von sexuellem Missbrauch mitbekommen haben.
Frage: Und wie sieht es auf Ponyhöfen aus? Dort geht es weniger um sportlichen Erfolg.
Antwort: Im Breitensport gibt es diese starken und engen Abhängigkeitsverhältnisse durch Wettkämpfe und sportliche Erfolge weniger. Durch die breiten sportlichen Strukturen haben wir aber das Problem, dass Trainerposten oft von Ehrenamtlichen übernommen werden und Personen leicht von Verein zu Verein wechseln können – die Hürden sind also gering. Und natürlich haben Pferdehöfe eine hohe Anziehungskraft auf Kinder. Sie gehen dort gerne hin, wollen mithelfen und in vielen Fällen läuft das auch wunderbar. Aber es besteht eben auch das Risiko, ausgenutzt zu werden.
Frage: Viele Kinder und Jugendliche versuchen, sich durch Stallarbeit das Reiten zu ermöglichen. Besteht hier ein erhöhtes Risiko?
Antwort: Ja, das gehört auf jeden Fall mit zur riskanten Struktur des Reitsports im Hinblick auf sexuellen Missbrauch. Kinder und Jugendliche, die sich kein eigenes Pferd leisten können und darauf angewiesen sind, die Möglichkeit zu bekommen, in einem Stall zu reiten, sind in einer starken Abhängigkeit. Sie bieten ihre Hilfe bei Stallarbeiten und der Pflege des Tieres an und das kann einseitig ausgenutzt werden.
Frage: Es kommt nicht selten vor, dass die Verantwortung bei den Betroffenen sexualisierter Gewalt selbst gesucht und ihnen eine Mitschuld gegeben wird. Welche Folgen hat das?
Antwort: Das begegnet uns in unseren Fallstudien leider immer wieder. Das ist wie eine sekundäre Traumatisierung, wenn den Betroffenen selbst eine Schuld zugeschoben wird. Ich habe noch die Worte eines Vaters im Kopf, dessen Tochter Opfer sexualisierter in einem Sportverein geworden war und die nach der Offenlegung all ihre Freunde im Verein verlor. Er sagte: „Die wollten alle nicht, dass wir ihnen diese schöne Welt kaputt machen.“
Frage: Welche langfristigen Folgen hat der sexuelle Missbrauch für die Betroffenen?
Antwort: Eine Betroffene hat mal zu mir gesagt: „Das ist wie Beton, der an meinen Füßen klebt, und zwar ein Leben lang. Das werde ich nicht mehr los.“ Die Folgen sind meist schwerwiegend – und das ein Leben lang. Betroffene werden von Scham und Schuldgefühlen begleitet und machen sich Vorwürfe. Davon müssen wir sie unbedingt entlasten. Neben gesundheitlichen Problemen haben Betroffene oft Schwierigkeiten, ihre beruflichen Laufbahnen voranzutreiben oder Ausbildungen zu beenden, wodurch es zu schweren finanziellen Problemen kommen kann. All das müssen wir uns vor Augen führen. Wer Sportangebote für Kinder und Jugendliche anbietet, aber auch für Erwachsene, trägt eine hohe Verantwortung.