Verkehrstote im Kreis Cloppenburg So geht ein Bestatter mit schrecklichen Unfall-Bildern um
Im Kreis Cloppenburg sind 2025 bereits zehn Menschen bei Verkehrsunfällen gestorben. Ein Bestatter aus dem Nordkreis spricht über psychische Belastungen und die fehlende Anerkennung seiner Arbeit.
Landkreis Cloppenburg - Bei Verkehrsunfällen sind in den ersten Wochen des Jahres 2025 im Oldenburger Münsterland bereits zwölf Menschen ums Leben gekommen. Zehn davon im Landkreis Cloppenburg, zwei im Kreis Vechta. Für die Familien, Angehörigen und Freunde ist jeder Todesfall ein schwerer Schlag, für die Einsatzkräfte sind die Arbeiten an der Unfallstelle eine große Belastung. Sie sind und waren Thema in der Berichterstattung und werden für ihren Einsatz oft gelobt.
Nicht so die Bestatter, die am Unfallort die Leichen abholen und damit in direkten Kontakt mit den Unfallopfern treten. „Aber in allen Gesprächen, Reden und Berichten wurden und werden wir nie erwähnt“, sagt ein Bestattungsunternehmer aus dem Cloppenburger Nordkreis, der anonym bleiben möchte, im Gespräch mit OM-Medien. Das möge daran liegen, sucht er nach einer Erklärung, dass Bestatter – anders als die ehrenamtlich agierenden Einsatzkräfte – beruflich an den Unglücksstellen arbeiten.
Zorn, Wut und Enttäuschung
„Man denkt vielleicht, das sind kalte, starke Hunde, die alles abkönnen, aber das ist nicht so“, sagt der Unternehmer und erzählt von verbrannten Unfallopfern, einem ertrunkenen 3-jährigen Kind, von einem Verkehrsunfall, bei dem ein 4-jähriges Kind starb, von Selbstmorden und auch von Mordopfern, „die wir ja zum Glück nur selten haben“.
In all diesen Fällen ist es die Aufgabe des Bestatters, die Toten menschenwürdig vom Ort des Geschehens an einen anderen Ort wie etwa das Bestattungsinstitut zu bringen. „Man ist da auf sich allein gestellt“, sagt er. Helfende Gespräche am Unfallort beispielsweise gebe es nie. „Niemand fragt den Bestatter, wie es ihm geht, man hat das Gefühl, dass alle nur froh sind, wenn man wieder weg ist.“ Zorn, Wut und Enttäuschung sind spürbar, wenn er das Gefühl, alleingelassen zu werden, in Worte kleidet. Auch die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV), die Einsatzkräfte bei der Verarbeitung belastender Situationen unterstützt, kümmere sich, so seine Wahrnehmung, in erster Linie um die ehrenamtlichen Einsatzkräfte. Bestatter blieben mit ihren Gefühlen, Ängsten, Erinnerungen allein.
Psychosoziale Notfallversorgung hilft auch Bestattern
Dem widerspricht Heinz Dierker, Leiter der PSNV im Landkreis Cloppenburg. „Wir helfen auf jeden Fall“, sagt er. „Wenn sich Bestatter an uns wenden, dann machen wir natürlich eine Aufarbeitung, mindestens durch Gespräche“, versichert er. Jeder Betroffene könne sich an die PSNV wenden, Augenzeugen und Ersthelfer ebenso wie auch Bestatter. Denen biete man zudem auch Unterstützung an, wenn es bei gravierenden Vorfällen darum gehe, den Angehörigen ein Abschiednehmen zu ermöglichen. „Das bereiten wir dann mit den Bestattern gemeinsam vor, damit etwa das Ambiente stimmt“, erzählt Dierker.
Vor allem aber sei bei schweren Vorfällen eine psychologische Nachsorge erforderlich. „Oft sind da ja alle Sinnesorgane betroffen, bei Brandopfern beispielsweise auch der Geruchssinn“, weiß Dierker. „Damit muss man umgehen, damit keine posttraumatischen Belastungsstörungen auftreten“, betont er. Das gelte natürlich auch für Bestatter. „Die sind genauso Menschen, denen kann das auch passieren.“ Wenn ein Mensch etwas Belastendes erlebt, gehört oder gesehen habe, entwickle er Belastungssymptome, erläutert Dierker. „Und mit denen muss man umgehen.“ Hilfreich sei, mit anderen Menschen darüber zu reden. Und Sport. „Sport hilft sehr gut, denn Belastungen produzieren Hormone, die abgebaut werden müssen“, sagt er.
Mit schwerem Alkohol betäubt
Der Bestatter aus dem Nordkreis hat seine eigenen Formen entwickelt, um mit den Belastungen fertig zu werden. Nach den Erfahrungen mit einem schweren Verkehrsunfall, bei dem ein vierjähriges Kind ums Leben kam, hat er versucht, die Erinnerung an das schreckliche Bild, an die Rufe und Schreie der Eltern bei der Identifizierung mit Tabletten und schwerem Alkohol zu betäuben. Geholfen habe aber erst ein Psychologe, an den ihn eine Bekannte vermittelt habe. „Bei der Arbeit lenke ich mich seitdem ab, indem ich im Kopf rechne, Einkaufs- und To-do-Listen erstelle oder Gedichte repetiere“, erzählt er. Das sei inzwischen eine „psychologische Routine“, die quasi automatisch ablaufe und ihn an andere Sachen denken lasse. „Mir hilft es“, sagt er.
Nach belastenden Einsätzen versuche er, jemanden zum Reden zu finden, gehe raus in die Natur oder bearbeite den Boxsack. „Ich hab mir da so ein richtiges Profiding zugelegt“, erzählt er. „Als Reaktion auf den Drang, sich abzureagieren und Wut abzulassen.“ Manches allerdings lässt sich auch damit nicht ausblenden. Fragen zum Beispiel. Nach dem Grund eines Unglücks, warum junge Menschen an tödlichen Krankheiten sterben müssen. Oder warum es immer noch „solche Vollidioten im Straßenverkehr gibt“. Fragen, die letztlich niemand beantworten kann.