Neumünster „Wir sind hier Dompteure“: Eine Lehrerin berichtet vom schwierigen Schulalltag
Steigende Bildungsziele, sinkende Ressourcen: Eine Lehrerin aus Neumünster (Schleswig-Holstein) schildert den Schulalltag zwischen Beschimpfungen, todmüden und gelangweilten Schülern, überforderten Eltern und zunehmender Bürokratie. Warum sie ihren Job trotzdem mag und welchen Ausweg sie sieht.
Die Zahl der Schulabbrecher und der schwachen Schüler soll sich in den kommenden zehn Jahren jeweils halbieren, die der Leistungsstarken um 30 Prozent steigern. Demokratiebildung soll verbessert werden. Durch datengestützten Unterricht sollen die Kompetenzen der Schüler regelmäßig erfasst werden – und zwar nicht nur in Form von Schulnoten fürs Schriftliche und Mündliche, sondern sehr viel detaillierter.
Das sind einige der Bildungsziele, die Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien kürzlich formulierte. Doch sind sie überhaupt umsetzbar in einem Schulalltag, der vielerorts die Lehrkräfte zunehmend vor nahezu unüberwindbare Probleme stellt? Eine Lehrerin aus Neumünster, die seit 30 Jahren als Pädagogin meist in den Klassenstufen 5 bis 10 tätig ist, hat sich bereit erklärt, einmal über die immer größer werdenden Herausforderungen zu sprechen. Ihr Namen wird hier nicht genannt, um sie keinen Anfeindungen auszusetzen.
Die Arbeitsbedingungen seien zunehmend schwieriger geworden, sagt sie. „Vor 30 oder 20 Jahren war das noch anders. Da kam man noch zum Unterrichten. Heute tragen viele Kinder und Jugendlichen heftige Probleme mit sich herum. Die nehmen sie von zu Hause mit in die Schule, und wir müssen dann damit umgehen.“ Wenn Eltern sich zum Beispiel trennen, finanzielle Sorgen haben und mit dem Leben überfordert sind, dann würden die Kinder zu Hause komplett übersehen und sich selbst überlassen.
Es gebe Fälle, da bekämen Kinder schon ab drei Jahren ein Handy in die Hand gedrückt, damit sie nicht stören. Oder der Fernseher werde der Babysitter. „Da wird schon mal neun Stunden am Stück gezockt, also die Schüler vernetzen sich und spielen am Tablet. Sie kommen dann todmüde zur Schule – wenn man Glück hat. Ein Schüler sagte mir kürzlich: ,Schwänzen kann auch süchtig machen‘“, berichtet sie. „Als Folge sind diese Jugendlichen müde, unkonzentriert und ziemlich bocklos. Der Unterricht muss dann zum Animationsprogramm werden. Man versucht, die Schüler bei Laune zu halten. Und das, obwohl die Lehrpläne an der Lebensrealität der Schüler oft vorbeigehen.“
Ein anderes Problem: In manchen Familien findet Erziehung kaum noch statt. „Bitte und Danke – das können manche gar nicht mehr. Kraftausdrücke und unverschämtes Verhalten sind hingegen bei einigen an der Tagesordnung. Es gibt Klassen, da quatschen gleich mehrere ständig wild rein und beschimpfen alle. Das geht übrigens quer durch alle Kulturen“, sagt die Pädagogin.
Diese Defizite kennt sie aus Gemeinschaftsschulen ebenso wie aus Gymnasien. In der Grundschule, wo sie auch zwischenzeitlich tätig war, fallen zudem manche Schüler dadurch auf, dass sie einfache Kompetenzen nicht beherrschen. „Es gibt Kinder, die können keinen Stift halten und nicht mit der Schere umgehen“, weiß sie. Da ist dann die Basis gar nicht da.
Hinzu kommt, dass die Lehrerin und viele ihre Kollegen zunehmend psychische Auffälligkeiten bei Schülern beobachten. „Smartphone und Social Media sind Gift, denn sie erzeugen einen enormen Druck und geben den jungen Leuten vor, wie sie angeblich auszusehen und zu leben haben. Aber das ist nicht erfüllbar“, sagt sie.
„Mittlerweile sind Lehrer nebenbei Dompteure, Psychologen, Ehe- und Familientherapeuten, Seelsorger und Ärzte“, sagt die Neumünsteranerin sarkastisch. In dieser Gemengelage fällt immer mehr Bürokratie für die Pädagogen an: „Vieles muss dokumentiert werden. Die Schülerakte muss lückenlos sein. Je mehr Dokumentation, desto besser“, erklärt sie. Das verlängert nach Schulschluss und in den Ferien die Arbeitstage, wo meist noch Korrekturen und Unterrichtvorbereitungen zu erledigen sind.
Die Bildungsziele des Ministeriums findet sie durchaus gut und wichtig. Allerdings fehlt ihr gerade die Fantasie, sich vorzustellen, wie die im ohnehin angespannten Schulalltag noch erreicht werden sollen. „Was sollen wir noch alles machen? Wir brauchen mehr Lehrkräfte. In einigen, sehr schwierigen Klassen sollte man zu Zweit unterrichten können“, fordert sie. Auch müssten dringend kleinere Gruppen und zusätzliche Räume geschaffen werden. Für viele jüngere Kollegen, die noch nicht auf so viel Erfahrung zurückgreifen können, ist die Situation oft grenzwertig.
Und unbedingt sollten endlich auch die Eltern in die Verantwortung genommen werden: Sie müssen lernen, dass es wichtig ist, den Kindern Grenzen zu setzen, einem Erziehungsauftrag nachzukommen, anstatt in der Schule mit dem Anwalt zu drohen. „Denn eins ist klar: Die Kinder und Jugendlichen sind Opfer ihrer Umstände. Die können nichts dafür.“
Vom Ministerium würde sich die Lehrerin aus Neumünster eine Art runden Tisch wünschen, wo Vertreter aller Schularten aus dem ganzen Land einmal ihre Erfahrungen, Sorgen und Wünsche formulieren könnten – und nach Lösungen suchen. Denn: „Bildung ist so wichtig. Das muss uns was wert sein. Dafür müssen wir kämpfen. Denn es gibt ja auch noch ganz viele sehr unproblematische Schüler mit engagierten Eltern, die auch eine gute Lernatmosphäre verdient haben“, sagt sie und betont: „Ich mag meinen Beruf – trotz allem.“