Gifte in der Nordsee  Minister warnt – am Strand nicht mit Meeresschaum spielen

| | 03.02.2025 18:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Meeresschaum ist irgendwie immer da: Eine junge Frau geht an der Wasserkante am Südbad Borkums spazieren.
Meeresschaum ist irgendwie immer da: Eine junge Frau geht an der Wasserkante am Südbad Borkums spazieren.
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Giftige Chemikalien sind seit Jahren ein Riesenproblem in der Nordsee und an den Stränden der Ostfriesischen Inseln. Nun gibt es Zahlen, die sogar die Politik aufhorchen lassen.

Ostfriesland - Der Meeresschaum an den Stränden der deutschen Nord- und Ostseeküste ist nach Angaben von Greenpeace mit schädlichen PFAS-Chemikalien belastet. Wie die Umweltschutzorganisation mitteilte, wurden im November und Januar neun Stichproben auf Norderney, in Schleswig-Holstein auf Sylt und in Sankt Peter-Ording sowie in Boltenhagen und Kühlungsborn in Mecklenburg-Vorpommern genommen. Dabei lagen alle Proben zwischen 290-fach und 3777-fach über dem dänischen Grenzwert für Badegewässer von 40 Nanogramm pro Liter. Deutsche Behörden hätten hingegen keine Grenzwerte für Badegewässer erlassen.

Was nach einer gigantischen Überschreitung von gesundheitsgefährdenden Grenzwerten klingt, ist in der Tat nicht ganz ohne. Die Gruppe der PFAS umfasst laut Greenpeace über 10.000 Chemikalien. Viele davon seien gesundheits- und umweltschädlich. Einige seien zudem krebserregend, beeinflussten das Hormonsystem und schädigten die Fortpflanzung. Viele der Stoffe blieben lange im menschlichen Körper. PFAS bauen sich laut Greenpeace nicht ab und reichern sich in der Nahrungskette an.

Wer ist eigentlich für das Problem zuständig?

„Wenn man keinen Kontakt mit PFAS will, geht man am besten gar nicht mehr am Strand spazieren“, sagte Greenpeace-Sprecher Björn Jettka im Gespräch mit unserer Redaktion. Zudem wehe der Wind den Schaum bei dem aktuellen Wetter auch weiter aufs Festland. Der Greenpeace-Ökotoxikologe Julios Kontchou forderte ein Verbot von PFAS in Gebrauchsgegenständen. PFAS (Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) sind wasser- und fettabweisende Chemikalien, die für Sport- und Outdoor-Bekleidung, Teppichböden und Lebensmittelverpackungen wie Pizzakartons und Backpapier Verwendung finden. Greenpeace meint, dass es für all diese Chemikalien auch Ersatzstoffe gebe.

Das Problem ist seit Jahren bekannt und wird in Dänemark und den Niederlanden auch ernst genommen. Doch warum geschieht in Deutschland nichts? Auf Nachfrage unserer Redaktion beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) wurden wir ans niedersächsische Umweltministerium weitergereicht – das uns wiederum an die EU weiterreichte.

Wie positioniert sich das Umweltministerium?

„Wir nehmen die Sorge wegen der PFAS-Konzentration ernst“, teilte Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) mit. „Die Empfehlungen des Landesgesundheitsamtes zur Vermeidung der Aufnahme von Meeresschaum durch Verschlucken sind ernst zu nehmen und zu beachten.“ Auch für diese nicht abbaubaren Ewigkeitschemikalien gelte das Minimierungsgebot. Die von Deutschland auf EU-Ebene geforderte Beschränkung und Reduzierung des Einsatzes von PFAS werde daher ausdrücklich unterstützt. Ebenso sollten möglichst europaweit einheitliche Grenzwerte festgelegt werden. So könne man in eine konkrete Risikobewertung der PFAS-Konzentration für die Umwelt und den Menschen vornehmen.

Daher sei aus Sicht des vorsorglichen Gesundheitsschutzes grundsätzlich zu empfehlen, nicht mit dem Meeresschaum zu spielen, den Schaum in den Mund zu nehmen und zu verschlucken, so Niedersachsens Umweltministerium. Diese Empfehlungen würden unabhängig vom PFAS-Nachweisen gelten, da im Meeresschaum auch andere Stoffe oder Mikroorganismen mit negativen Folgen für die Gesundheit vorhanden sein könnten.

Wie geht es nun weiter?

In Hannover ist man nicht ganz ohne Hoffnung auf Besserung. Durch den von der EU-Kommission vorgelegten Vorschlag in Verbindung mit den in Kürze beginnenden Trilog-Verhandlungen auf EU-Ebene zur Revision der Wasserrahmenrichtline, Grundwasserrichtlinie und UQN-Richtlinie sei zu erwarten, so das grüne Ministerium, dass die Stoffgruppe der PFAS im Umweltbereich deutlich umfangreicher und strenger als bisher gesetzlich geregelt werde.

Auch die neue EU-Kommunalabwasserrichtlinie, die am 1. Januar 2025 in Kraft getreten sei, fordere zum Schutz der Umwelt Maßnahmen zu Risikobewertung von PFAS. Um auch den Eintragspfad Abwasser dahingehend zu untersuchen, sollten die Mitgliedstaaten zukünftig ein breites Spektrum von Schadstoffen darunter auch PFAS an den Zu- und Abläufen der kommunalen Abwasserbehandlungsanlagen überwachen.

Ist das alles glaubwürdig?

Bei Greenpeace klingt das irgendwie anders. „In Dänemark und den Niederlanden warnen die Behörden vor dem Kontakt mit Meeresschaum und erklären, wie man sich nach einem Strandbesuch dekontaminiert“, sagte Kontchou. Behörden sollten dazu auffordern, nach dem Kontakt mit dem Meeresschaum die Haut gründlich mit klarem Wasser abzuwaschen, hieß es.

„Die Niederlande haben sich mehrfach an Deutschland gewendet, weil die dort Probleme mit dem Trinkwasser bekommen“, sagte Greenpeace-Sprecher Jettka unserer Redaktion. Geschehen sei bislang nichts. Offenbar habe auch die Chemieindustrie kein Interesse, irgendetwas zu ändern.

Mit Material von DPA und EPD

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