Osnabrück  Abrechnung mit Autostandort Deutschland: Warum Experten dennoch zuversichtlich sind

Britta Kothe, Lorena Dreusicke
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Von Britta Kothe, Lorena Dreusicke
| 02.02.2025 11:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die in Deutschland gebauten E-Autos von VW sind teuer. Für kommende Generationen von Autofahrern könnten die Preise sinken. Foto: IMAGO / Arnulf Hettrich
Die in Deutschland gebauten E-Autos von VW sind teuer. Für kommende Generationen von Autofahrern könnten die Preise sinken. Foto: IMAGO / Arnulf Hettrich
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Hohe Strompreise, überbordende Bürokratie und verunsicherte Verbraucher bremsen die E-Mobilitätswende aus, beklagen mehrere Gäste in unserem Expertentalk. Was kann dem Autohersteller VW aus der Krise helfen? Hier beschreiben sie, was der Standort Deutschland braucht.

Deutschland macht es seinen Automobilherstellern wie Volkswagen als Standort nicht leicht. Vor allem die Bürokratie sei ein Auslöser sowie Bremsstein auf dem Weg aus der VW-Krise. Das beklagten fast alle Gäste am Donnerstag im Expertentalk mit Michael Clasen.

„Das, was in den letzten Jahren zur Entbürokratisierung passiert ist, war immer genau das Gegenteil“, sagt Steffen Krach, SPD-Politiker und Präsident der Region Hannover. „Deswegen bin ich auch dankbar, dass die Landesregierung das jetzt ernst meint und Vorschläge der Wirtschaft übernimmt. Es sind ungefähr 150 Vorschläge aus der Wirtschaft, die eingereicht wurden.“ Das Land habe bereits gezeigt, dass es schneller gehen kann: Der Bau des LNG-Terminals in Wilhelmshaven wurde in weniger als 200 Tagen realisiert. Warum solle das nicht auch bei anderen Projekten gehen, meint Krach.

Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) ergänzt: „Vielleicht müssen wir auch sagen: Verantwortung muss wieder dahin, wo sie praktisch gelebt wird“ – also aus der Hand des Staates zurück zu den verantwortlichen Betrieben.

Lies spricht dem VW-Konzern Kompetenz bei der Transformation zu: „Volkswagen hat sehr konsequent auf den Umstieg auf die E-Mobilität gesetzt“, sagt der SPD-Politiker, der 2013 bis 2017 als Wirtschaftsminister im Aufsichtsrat von VW saß. Die aktuelle Krise beim deutschen Autobauer gehe vor allem auf strukturelle Probleme zurück: hohe Energiekosten, viel Bürokratie-Aufwand, eine verunsicherte Kundschaft.

„VW ist lange hinterhergelaufen – bei der Batterietechnik, bei der Digitaltechnik und hat sich selbst mit seiner eigenen Software-Sparte eher keinen Gefallen getan“, wirft Schwerpunkt-Redakteur Maik Nolte ein. Dennoch könne der Konzern mit neuen Technologien, wie Feststoffbatterien, und neuem Software-Partner sicherlich Rückstand aufholen. Noch und auch wohl noch eine Weile verkauften sich gerade deutsche Verbrennerautos gut: „China ist ein Riesenland. Auch da gibt es ländliche Regionen, wo nicht an jeder Ecke eine Ladesäule steht.“

Doch wie zukunftsfest sind Verbrenner noch? „Die Menschen sind verunsichert“, beobachtet Lies. Wenn sie „Verbrennerverbot“ hören, würden sie denken, sie dürfen keine Verbrenner mehr kaufen und fahren. Wer sich aber einen Verbrenner kaufen will, könne das auch nach 2035 – nur eben einen, der E-Fuels tankt. Lies stellt klar: „Meine Aufgabe ist nicht, den Menschen zu ermöglichen, dass sie sich ihr Wunschauto kaufen, sondern dass sie sich bezahlbare Mobilität leisten können.“ Das sei langfristig nur mit Elektromobilität machbar.

Auf die Leserinnenfrage, warum sich die Politik nicht für den Bau kleiner, günstiger und sparsamer E-Autos, wie des VW Up oder des Skoda Citigo, einsetze, antwortet Lies: „Das wird kommen. Es wird ein 25.000-Euro-Auto, der ID.2, und der ID.1 für 20.000 Euro kommen.“ Angekündigt sind diese Modelle für 2026 beziehungsweise 2027.

Neue Technologien würden immer erst in teuren Segmenten eingesetzt. Lies sieht auch keine Chance dafür, dass günstige Kleinstwagen noch in Deutschland gebaut werden. „Die Zielsetzung – Hauptsache es ist ein günstiges Auto – bedeutet, dass andere Standorte, wenn überhaupt in Europa, dieses Auto produzieren.“ Dem deutschen Standort bringe das keine Wertschöpfung.

Wirklich wettbewerbsfähig seien die deutschen Autobauer bisher nur im Premiumsegment, bestätigt Frank Schwope, Lehrbeauftragter für Automotive Management an der Fachhochschule des Mittelstands in Hannover. „Aber ich bin ganz optimistisch, dass bei Elektroautos in den nächsten Jahren deutlich günstigere Preise möglich sind. Ganz einfach, weil der Wettbewerb zunimmt und Produktionen hochskaliert werden.“ Von der Politik ausgeschriebene Prämien brauche es als Anreiz nicht.

Steffen Krach fordert mehr Planungssicherheit für Volkswagen. Politische Debatten darüber, ob das Verbrenner-Aus zurückgenommen oder die E-Mobilität weiter gefördert werde, schürten Unsicherheit. Als Präsident der Region Hannover sagt er zur Situation von VW: „Wir werden solche großen Konzerne nicht als Kommune alleine retten können.“ Helfen könnten ein „Welcome Center“ für angeworbene Fachkräfte aus dem Ausland oder ein Technologie-Campus, der Unternehmen und Wissenschaft aus der Region zusammenbringt.

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