Berlin Merkel und Merz: Noch einmal stellt sie sich ihm in den Weg
Angela Merkel und Friedrich Merz hatten – so wirkte es – Frieden geschlossen. Doch nun bricht die alte Feindschaft drei Wochen vor der Bundestagswahl wieder auf. Das ist die Vorgeschichte.
Es war ein denkwürdiger Abend im September 2024. Bei der Feier des 70. Geburtstags von Angela Merkel schien die persönliche Feindschaft zwischen der langjährigen Kanzlerin und dem neuen CDU-Chef Friedrich Merz ein für allemal beendet. Bei der Veranstaltung, die Merz zu ihren Ehren veranstaltete, sprach der Kunsthistoriker Horst Bredekamp darüber, wie nah gutes und schlechtes Regieren beieinander liegen können. Die gute Absicht habe nicht immer zwingend gute Folgen für die Allgemeinheit. Merkel, so lobt der Historiker die frühere Kanzlerin, trage dieses Wissen in sich.
Die Erwartungen vieler Beobachter, es könnte an diesem Abend zum Showdown zwischen den beiden langjährigen Widersachern kommen, wurden nicht erfüllt. Friedrich Merz lächelte, Angela Merkel lächelte. Angesichts des Ampel-Chaos, so bescheinigt er, werde doch jetzt klar, wie wertvoll ihre stabile Regierung über all die vielen Jahre war. Merkel wünscht Merz „Glück und Erfolg”. Das war nicht überschwänglich, angesichts der jahrelangen Fehde zwischen beiden aber durchaus ein Friedensangebot.
Dem tiefen Zerwürfnis liegt ein Ereignis zugrunde, das fast ein Vierteljahrhundert her ist. Nach der für die Union verlorenen Bundestagswahl 2002 beanspruchte die Parteivorsitzende Angela Merkel den Fraktionsvorsitz für sich - und verdrängte Friedrich Merz von dem Posten. Ein Ereignis, das Merkel in ihrem gerade erst erschienenen Buch noch einmal einordnet. Beide, sie und Merz, hätten ganz nach vorne gewollt. Es habe nur einer machen können. Und das war sie.
Merz und weitere, in der CDU einflussreiche Männer sahen sie allerdings nur als eine Übergangs-Vorsitzende an. Sie unterschätzten die Physikerin aus dem Osten. Spätestens als sie 2005 Kanzlerin wurde, war Merz klar, dass er den Machtkampf verloren hatte. 2009 trat er nicht erneut für den Bundestag an, er startete eine erfolgreiche Karriere in der Finanzbranche.
Ganz zurückgezogen aus der Politik hat er sich jedoch nie. Kontakte blieben bestehen, seine glühenden Anhänger ihm treu. Nur deshalb konnte sein unglaubliches Comeback 2022 an die Spitze der CDU überhaupt gelingen. Merz bezeichnete Merkels Regierung 2019 öffentlich als „grottenschlecht”, spätestens da war klar, dass da einer noch etwas will. Der inzwischen verstorbene Wolfgang Schäuble ermutigte Merz zur Kandidatur für den Bundesvorsitz.
Doch Angela Merkel wusste ihre Macht zu sichern - und war jederzeit bestens informiert über Merz’ Aktivitäten hinter den Kulissen. Zwei Mal verhinderte sie sein Comeback. Erst indem sie 2018 ihre damalige politische Freundin Annegret Kramp-Karrenbauer als ihre Nachfolgerin für den Parteivorsitz in Stellung brachte - und Merz beim Parteitag unterlag. 2021 unterstützte Merkel dann Armin Laschet, der sich überraschend noch einmal gegen Merz durchsetzte. Erst nach der Wahlschlappe von Laschet konnte sie seinen Weg an die Spitze der CDU nicht mehr stoppen.
Über die tieferen Gründe für ihre Skepsis ihm gegenüber hat sie nie öffentlich gesprochen, in ihrem Buch sucht man vergeblich nach Erklärungen. Sie hielt sich auch aus seinem Wahlkampf heraus - bis zu diesem Donnerstag. Nach dem gemeinsamen Beschluss von Union, AfD und FDP für eine Wende in der Migrationspolitik veröffentlichte Angela Merkel ein Statement, das den Wahlkampf von Friedrich Merz erheblich stören könnte. Sie halte es für falsch „sehenden Auges erstmalig bei einer Abstimmung im Deutschen Bundestag eine Mehrheit mit den Stimmen der AfD zu ermöglichen.” Dieser Satz könnte die CDU spalten - und ihn ein zweites Mal die Karriere kosten. Merkel hat in der Partei noch immer viele Anhänger. Nun ist klar: Die Rivalität der beiden - sie war nie wirklich überwunden. Da ist er nun doch noch - der Showdown.