Osnabrück  Der Louvre muss nach Notre-Dame das nächste Großprojekt der Kultur Frankreichs werden

Dr. Stefan Lüddemann
|
Von Dr. Stefan Lüddemann
| 29.01.2025 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Grenzenlos wie die Perspektive, die sich zwischen seinen Gebäudeflügeln öffnet: der Pariser Louvre. Foto: IMAGO/IP3press
Grenzenlos wie die Perspektive, die sich zwischen seinen Gebäudeflügeln öffnet: der Pariser Louvre. Foto: IMAGO/IP3press
Artikel teilen:

Der Pariser Louvre ist das meistbesuchte Museum der Welt. Doch seine Substanz scheint verbraucht zu sein. Direktorin Laurence des Cars schlägt Alarm. Jetzt wird der Louvre das nächste Großprojekt der Kultur Frankreichs - mit europäischer Dimension.

Wo ist die Mona Lisa geblieben? Das Panzerglas, das ihr Bildnis schützen sollte, liegt zersplittert herum, im Boden klafft ein Loch. Der Bilderrahmen, er starrt leer im Halbdunkel. Die Schöne mit dem geheimnisvollen Lächeln, das seit Jahrhunderten die Welt betört, ist durchgebrannt, raus aus dem Museum, hinunter an die Seine. Auch sie will dabei sein, wenn die Olympischen Spiele von Paris mit einer Show der Superlative eröffnet werden.

Undenkbar, diese Szene? Das Video gehört zum Bilderreigen der Eröffnungsfeier, mit der 2024 die Olympischen Sommerspiele in Paris eröffnet werden. Niemanden hält es daheim. Alle sind auf den Beinen. Auch die Figuren jener Gemälde, die den Ruhm des Louvre ausmachen. Doch jetzt schlägt die Stimmung um. Der Louvre braucht Hilfe. Zehn Millionen Menschen pro Jahr überschwemmen Säle, Galerien, Gänge. Der Prachtpalast scheint verwohnt.

Der Alarmruf der Präsidentin des Louvre, Laurence des Cars, ist der Auftakt für Frankreichs nächstes Mammutprojekt, kaum, dass die nach einem verheerenden Brand verwüstete Kathedrale Notre-Dame wiedereröffnet ist. Mit einem Machtwort gab Präsident Emmanuel Macron seinerzeit den Startschuss für einen beispiellosen Kraftakt. In fünf Jahren sollte Notre-Dame wieder strahlen. Jetzt drückt er noch einmal den Startknopf – dieses Mal für den Louvre.

Die Parallele ist augenfällig. Wie bei der Kathedrale geht es auch bei diesem Museum wieder um ein Projekt von kontinentaler, ja mondialer Dimension. Der Louvre ist die Mutter aller Museen, einsam an der Spitze einschlägiger Statistiken. Einst Festung des Königs, heute eine Maschine kollektiver Mythen – allein die Geschichte dieser gewaltigen royalen Schatzschatulle füllt Bibliotheken. Und es gibt ihn nicht allein in Paris. Der Louvre hat längst seine Ableger, ob im nordfranzösischen Lens oder in Abu Dhabi.

Als Frankreichs Revolutionäre das ehemalige Königsschloss 1793 für das Publikum öffnen, hat der Riesenbau bereits eine Jahrhunderte währende Geschichte absolviert. Der Louvre avanciert zu einer einzigen Erfolgsgeschichte kultureller Emanzipation, deren Zeitpfeil bis in den Massentourismus der Gegenwart strahlt. Das Haus lockt als Enzyklopädie des Weltwissens und als Blütenlese der Stars der Kunst mit Leonardo da Vincis „Mona Lisa“ an der Spitze. Kein Kunstwerk ist prominenter – weltweit.

Die Lippen der Mona Lisa umspielt leises Lächeln. Wenn sie zum Besuch bittet, wird es allerdings laut. Die Besuchermengen umspülen dieses Bild der Bilder regelrecht – natürlich auf der Einbahnstraße, die um dieses Meisterwerk herumführt. Wer Ruhe sucht, während andere ihre Selfies vor dem Meisterwerk machen, geht einfach um die massive Wand herum, in die das Gemälde eingelassen ist. Dort ist man mit Tizians „Ländlichem Konzert“ meist ganz allein. Kunst zwischen Massenevent und einsamer Kontemplation – hier ist dieser Kipppunkt hautnah zu erleben.

Im Louvre kann man allein vor ägyptischen Mumien stehen und in der Totenstille entlegener Kabinette über die Endlichkeit aller Dinge sinnieren oder auf den großen Achsen der Galerien in den Mahlstrom der Besuchergruppen geraten. In diesem Kosmos vereinigen sich Universen, die voneinander kaum etwas zu ahnen scheinen. Überblickt überhaupt ein Experte, was hier in endlos sich dehnenden Raumfluchten und unter weit gespannten Dächern versammelt ist?

Der Pariser Louvre bringt die abendländische Idee der enzyklopädischen Versammlung auf den Punkt – und den Optimismus, dass Kunst eine Mission der Aufklärung aller zu erfüllen habe. Der Flügelschwung der Nike von Samothrake, weltberühmt auch diese antike Marmorskulptur, bringt diesen Impetus mit dem Elan einer einzigen, mächtigen Bewegung auf den Punkt.

Der Louvre versammelt nicht nur einfach Schätze, er vereint vor allem große Gesten der Verschwisterung von Kultur und Freiheit. Eugène Delacroix´ „Die Freiheit führt das Volk“ beschwört diese Allianz mit pathetischer Bildformel ebenso wie Théodore Géricaults „Floß der Medusa“ als düsteres Totenschiff die Vision einer ins Chaos stürzenden Gesellschaft zum schaurigen Bild werden lässt. Mit dem Pariser Louvre leuchtet sich die Zivilisation Europas selbst in allen denkbaren Bildfindungen so reich aus wie nirgends sonst.

Der aktuelle Hilferuf betrifft einen musealen Cluster, den vor Jahrzehnten schon der damalige Präsident François Mitterand zum „Grand Louvre“ erhoben hat. Anders als in Beschreibungen extremer Größe scheint der Louvre einfach nicht gefasst werden zu können. In seinem Kosmos spiegeln sich politische Geschichte und kulturelle Leistung Europas. Diese Museumsstadt löst ebenso Enthusiasmus aus wie Notre-Dame.

Emmanuel Macron hat das nächste große Projekt ausgerufen. Wie jeder andere Präsident oder gar Monarch vor ihm wird er wissen, dass der Louvre alle politischen Anführer überdauert. Als Bauwerk ist der Louvre allemal imposant, aber nicht annähernd so beeindruckend wie das, was in ihm wohnt: eine Bildermaschine, ein Mythenkraftwerk, das Gedächtnis einer Welt.

Ähnliche Artikel