Osnabrück Der Joseph Beuys aus dem Emsland: Harry Kramer und seine Welt der mobilen Skulptur
Harry Kramers Kunst ist unterhaltsam. Der Künstler hat es seinem Publikum trotzdem niemals leicht gemacht. Am 25. Januar 2025 wäre er 100 Jahre alt geworden. Wer war der Künstler aus Lingen?
Der Motor rumpelt und ruckelt. Dann wird sein Geräusch steiler, so steil wie die Rotunde, in die das Motorrad aufsteigt. Die Maschine dreht ihre Runden, auf bebenden Balken. Der Steilwandfahrer hat Nerven wie Drahtseile. Der Mann, der vor ihm auf dem Lenker sitzt, der hat sie auch. Es ist Harry Kramer aus Lingen. Der ist eigentlich Kunstprofessor. Und sucht trotzdem das Risiko.
„Das muss auf irgendeinem Rummelplatz gewesen sein“, antwortet Heiner Schepers, der frühere Leiter der Lingener Kunsthalle, heute auf die Frage, wann und wo Harry Kramer in der Steilwand seine Runden gedreht hat. Der Künstler aus Lingen macht nicht nur das auf dem Jahrmarkt, was erst später diesen Namen bekommen wird: Aktionskunst. Harry Kramer, der Joseph Beuys aus dem Emsland?
„Spiel nicht den ausgeschlafenen Typen“, schreibt Kramer in einem seiner Texte. Er musste den ausgeschlafenen Typen nicht spielen, er war einer. Harry Kramer, der sich selbstironisch „Frisör aus Lingen“ titulierte, der nie eine Kunstakademie von innen gesehen hatte, gestaltete seine Künstlerkarriere wie ein Selfmademan, der präzise in das deutsche Wirtschaftswunder passte.
„Er war ein ausgesprochen netter Mann“, erzählt Heiner Schepers, der 1984 auf Kramer aufmerksam wird. Ein Künstler aus Lingen, noch dazu einer, der 1964 auf der Documenta 3 seine „automobilen Skulpturen“ in einem Raum mit dem Kunststar Jean Tinguely gezeigt hatte? Schepers wird neugierig, besucht Kramer in seinem subtropisch überheizten Atelier. Dort werkelt Kramer in Unterhosen, raucht Kette. Natürlich ohne Filter.
Kramers Vater arbeitet als Schlosser im Ausbesserungswerk der Eisenbahn in Lingen, dort, wo heute hinter hohen Sprossenfenstern die Kunsthalle ihre Ausstellungen präsentiert. Kramer kommt wie aus dem gesellschaftlichen Nichts, wird Schauspieler und Tänzer. Er geht an das Theater Münster. Höher führt seine Bühnenkarriere nicht hinaus. Dafür lernt er dort seine spätere Frau Helga kennen, die als Tänzerin nach Paris und Las Vegas gehen wird. Harry geht mit.
Helga tanzt Ende der Fünfziger Jahre bei den „Blue Bell Girls“ in Paris, Harry bastelt in einem Schuppen mobile Skulpturen aus Pappmaché. Helga bringt das Geld nach Haus. Manchmal sitzt ein junger Mann aus Danzig bei ihnen am Tisch. Es ist Günter Grass, der zu jener Zeit an seinem Jahrhundertroman „Die Blechtrommel“ schreibt und später Harry Kramer in seinem Roman „Hundejahre“ verewigen wird – als Hauptfigur Eddi Amsel, die auch Skulpturen baut.
Ob Harry Kramer in der Steilwand an den steilen Weg zum Ruhm gedacht hat, an jene Momente im Licht der Aufmerksamkeit des Publikums, auf die die Dunkelheit jener Stunden folgt, in denen die Motorräder wieder ganz unten im Motodrom geparkt sind? Kramer kommt auf der Documenta groß raus, wird im „Kunstkompass“ 1970 sogar unter den 100 wichtigsten Künstlern der Welt geführt. Aber er bleibt sich lieber selbst treu, als dem Ruhm und dem Kunstmarkt auf den Leim ihrer Verlockungen zu gehen.
„Harry Kramer ist als Künstler immer in Bewegung geblieben“, blickt Meike Behm, aktuelle Direktorin der Kunsthalle Lingen, heute auf das Werk des 1997 verstorbenen Harry Kramer. Im Depot der Kunsthalle findet sich heute ein Großteil jener Werke, die von Kramers Weg geblieben sind: mobile Drahtplastiken, bunte Schiebeskulpturen aus Balsaholz, die riesigen Tafeln mit dem in Punktraster übersetzten Text der Offenbarung des Johannes, der Apokalypse. Sogar eine Backform ist dabei. Udo Lindenberg ließ seinen Körper einst dafür abformen.
Wer Kramers Werke heute anschaut, glaubt kaum, dass sie von einem Künstler stammen sollen. Immer dann, wenn er einen künstlerischen Weg gefunden hat, verlässt er ihn wieder. Das Markenzeichen, das er mit den Drahtplastiken gefunden hat, er wirft es weg. Er verschenkt Werke, lässt manches zurück. Nicht einmal Kunstexperten wissen, wo manche seiner Kunstwerke geblieben sind.
Dabei lohnt sein Werk gerade jetzt wieder den genauen Blick. Die in sich kreiselnden Maschinenplastiken wirken wie ein ironischer Kommentar auf eine mechanisierte Welt im Effizienzwahn. Seine Puppen, die er in Kurzfilmen auftreten lässt, erinnern an einsame Wesen in der völligen Entfremdung. Und seine kippligen „Bojen“ an eine Kunst, die lieber dynamisch bleibt statt in fixierten Selbstbildern zu erstarren.
Erfolg, Ruhm, Prominenz? Harry Kramer posiert im weiten Mantel als Bohemien, in der schwarzen Kluft als Kunst-Rocker. Er hat ein Haus in Frankreich, fährt Porsche. Aber er will kein Promi sein. Das Misstrauen des gesellschaftlichen Außenseiters, er verliert es nie. Man kann sich auf nichts verlassen als auf sich selbst, auf die eigene Aktivität – erst recht nicht als Künstler. Das ist Kramers Gesetz.
Als Kunstprofessor steigt er nicht auf das Katheder, er bildet mit seinen Studenten eine Aktionsgruppe. Seine Klasse an der Gesamthochschule Kassel heißt „Atelier Kramer“. Kramer macht die Kunst mobil, lässt sich 1971 für zehn Tage im Kasseler Fridericianum einmauern, baut den „Termitenstaat“, eine Röhrenkonstruktion als Gleichnis des Überwachungsstaates. Und er kreiert das Projekt „Weltmeister“ – Sackhüpfen mit den Studenten.
Ist am Ende die Kunst also doch nur wieder Scharlatanerie? Oder bloßer Rummel, Jahrmarkt? Kramers Botschaft, nicht nur an seine Studenten, ist eine andere: Seid mutig, bewegt euch: Das Leben, die Kunst, das alles ist jetzt.
Was hätte Harry Kramer dazu gesagt, dass in der Documenta-Stadt Kassel am 25. Januar 2025 an seinen 100. Geburtstag mit Präsentationen und Vorträgen erinnert wird? „15 hatte er versucht herauszufinden, für was man ihm monatlich ein angemessenes Gehalt überwies“, schreibt er in einem seiner Texte über sich selbst.
Nach außen selbstironisch, ja zynisch, dabei immer konsequent: Harry Kramer witzelt nicht, wenn es um die letzte Sinnfrage geht. Im Kasseler Habichtswald gestaltet er die Künstler-Nekropole, ein Ensemble mit Skulpturen, an denen sich ihre Schöpfer bestatten lassen. Der Documenta-Macher Manfred Schneckenburger hat hier sein Urnengrab, der Bildhauer Heinrich Brummack, der lange in Ostercappeln bei Osnabrück lebte.
Wo ist Harry Kramers Ruhestätte? Nur wenige Freunde kennen den Ort, an dem seine Urne neben einem Baum liegt. Dabei ruht Kramer gar nicht. Für alle, die seine Werke einmal gesehen haben, kreist er immer noch oben, in der Steilwand.