Osnabrück Musik für Mörder und ihre Opfer: Die Geschichte des Mädchenorchesters von Auschwitz
Vor 80 Jahren, am 27. Januar 1945, befreite die Rote Armee der Sowjetunion das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Dort gab es das einzige Mädchenorchester in einem KZ der Nazis. Bekannte NS-Verbrecher ließen sich privat vorspielen. Manchen Mädchen rettete es das Leben.
Leichte Muse im Vernichtungslager. Auf so eine zynische und menschenverachtende Idee der Nazis muss man erst einmal kommen. Das Mädchenorchester im KZ Auschwitz-Birkenau, bestehend aus gefangenen Frauen, ermöglichte aber auch einigen von ihnen zu überleben. Alma Rosè, ab 1943 Leiterin des Orchesters, gehörte nicht dazu.
Die Fußstapfen waren riesig. Ihr Vater Arnold war ein großer Geiger, ihr Onkel der Komponist Gustav Mahler. So lernte die 1906 in Wien geborene Alma Rosé auch Geige, verlegte sich aber auf die Unterhaltungsmusik. Sie gründete die „Wiener Walzermädeln“ und tourte mit ihnen durch Europa. Selbst die NS-Zeitung „Der Völkische Beobachter“ feierte die Damenkapelle noch Anfang der 1930er Jahre in Berlin: „Ein Rausch von zarten, leichten Klängen, der Beifall wird zum Orkan!“
Doch schon wenige Jahre später, 1939, musste die Jüdin Alma Rosè vor den Nazis nach London emigrieren. Doch dort durften Flüchtlinge den heimischen Musikern keine Konkurrenz machen, also trat sie in den besetzten Niederlanden auf. Ein großes Risiko. Von dort versuchte Alma, in die Schweiz zu fliehen, wurde aber 1942 auf dem Weg dorthin verhaftet und 1943 nach Auschwitz deportiert. Dort sprach sich schnell herum, dass der Häftling Nummer 50381 eine berühmte Geigerin war.
So übernahm Alma Rosé im August 1943 das Mädchenorchester, das die polnische Musiklehrerin Zofia Czajkowska zuvor gegründet hatte. Männliche Orchester gab es in einigen Lagern, aber ein reines Mädchen-Ensemble war die Ausnahme. Die Idee hatte SS-Oberaufseherin Maria Mandl, seit Oktober 1942 inoffizielle Leiterin des Frauenlagers Auschwitz-Birkenau. Sie stellte „ihr“ Orchester zusammen.
„Das war eine Sammlung von jungen Frauen, die mal irgendwann ein Instrument gelernt hatten“, sagte die Cellistin Anita Lasker-Wallfisch. „Es gab eine Kollektion von Mandolinen, zwei Gitarren, glaube ich, Blockflöten, so typische Kinderinstrumente. Akkordeon, ungefähr fünf Geigen und Gesang. Aus diesem Wirrwarr mussten Alma und wir einen Klangkörper machen.“
Dafür bekamen die Musikerinnen eine eigene Baracke. Der Block trug die Nummer 12, später umbenannt in Nummer 7. Dort gab es einen mit Holzdielen ausgelegten Boden und einen Ofen, nicht für die Frauen gedacht, sondern damit die Instrumente nicht feucht wurden. Denn in diesem größten Konzentrationslager, in dem über eine Million Menschen ermordet wurden, zählte ein Menschenleben nichts.
Im Gegensatz zu den seit 1941 existierenden Männerorchestern in Auschwitz, die aus Berufsmusikern bestanden, brauchten die Frauen tagsüber nicht in den Arbeitseinsatz. „Wir mussten morgens und abends am Tor spielen“, berichtete Esther Bejarano, „wenn die Arbeitskolonnen das Lager verließen und wieder zurückkamen.“ Die Pianistin gelangte mit einem Trick ins Orchester. Als eine Akkordeonspielerin gesucht wurde, meldete sich die damals 19-jährige, obwohl sie dieses Instrument noch nie gespielt hatte.
Am schlimmsten war für die Frauen der musikalische Empfang der ankommenden Transporte. Denn alle Musikerinnen wussten, dass die meisten Menschen direkt in den Gaskammern ermordet wurden. Auch Privatkonzerte für die Offiziere und die SS-Wachmannschaften musste das Mädchenorchester geben. Beliebt waren Walzer, Märsche, Schlager, aber auch klassische Stücke.
Der berüchtigte Lagerarzt Josef Mengele und Kommandant Josef Kramer, der im Dezember 1945 als Kriegsverbrecher hingerichtet wurde, wünschten sich häufig „Die Träumerei“ von Robert Schumann. Kramer soll das im Herzen der Hölle so begründet haben: „Das ist ein bewundernswertes Stück, das geht ans Herz.“ Für die als äußerst brutal beschriebene Maria Mandl, die 1948 zum Tode verurteilt wurde, musste die französische Sängerin Fania Fénelon oft mitten in der Nacht „Madame Butterfly“ singen. Dafür gab es auch nur manchmal eine Sonderration Essen und die Hoffnung, das Grauen zu überleben.
Das schafften Fania Fénelon, Esther Bejarano und Anita Lasker-Wallfisch: „Mein Cello hat mir geholfen, denn es fehlten die tiefen Noten.“ Alma Rosé starb im Alter von 37 Jahren im April 1944 an den Folgen einer Infektion. Sonia Winogradowa, eine nichtjüdische Ukrainerin, übernahm noch einmal kurz die Leitung. Im Oktober 1944 löste sich das Mädchenorchester auf, auch weil einige Musikerinnen in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück verlegt wurden.
Fania Fénelon kehrte nach dem Krieg zurück nach Paris, entdeckte das Chanson für sich und zog mit ihrem Lebensgefährten, dem afroamerikanischen Sänger Aubrey W. Pankey, von 1966 bis 1971 in die DDR nach Ost-Berlin. Sie schrieb später ein Buch über das Mädchenorchester, das beispielsweise von Anita Lasker-Wallfisch als ein „Ego-Trip“ kritisiert wurde. Darin wurden Spannungen zwischen Fania und Alma beschrieben, die nach Angaben anderen Orchestermitglieder in dieser Ausnahmesituation ganz natürlich gewesen seien.
Die Cellistin Anita Lasker-Wallfisch ging nach dem Zweiten Weltkrieg nach England und berichtete später in Vorträgen in Deutschland über das Leben im KZ. „Ich habe überlebt, damit ich heute davon erzählen kann,“ erklärte auch Esther Bejarano.
Sie trat nach 1945 noch lange als Sängerin auf und engagierte sich in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. „Ich habe mit dem Frauenorchester in Auschwitz sehr viel Glück gehabt,“ sagte sie und erinnerte sich passend dazu noch an das erste Stück, das sie auf dem Akkordeon mühsam lernen musste, den Schlager: „Du hast Glück bei den Frauen, Bel Ami.“