Paris Ziemlich komplizierte Freunde: Wie wichtig ist Frankreich noch für Deutschland?
Am 22. Januar 1963 unterzeichneten Charles de Gaulle und Konrad Adenauer den Élysée-Vertrag als Basis einer verstärkten deutsch-französischen Partnerschaft. 60 Jahre später gilt diese als alternativlos und wird doch auf die Probe gestellt.
Es war eine ganz grundsätzliche Frage, die ein zugeschalteter Hörer beim Radiosender France Info aufwarf: Warum nur, wollte er wissen, stellen französische Politiker Deutschland so oft als Vorbild dar? Die Frage ist berechtigt, denn der Nachbar rechts des Rheins wird oft wie ein unerreichbares Vorbild präsentiert, ob in Sachen Arbeitslosigkeit, Budgetdisziplin oder politische Kompromissbereitschaft.
Zwar gibt es auch jene, die ein Schreckensbild von ihm zeichnen, wie der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon, Autor des antideutschen Pamphlets „Bismarcks Hering (das deutsche Gift)“, oder die rechtsextreme Marine Le Pen, die vor einer Dominanz durch Berlin warnt, um ihre nationalistischen, antieuropäischen Reflexe zu rechtfertigen. Doch seit Jahren nutzen Medien wie auch Verantwortungsträger von den Ex-Präsidenten Nicolas Sarkozy und François Hollande bis zum aktuellen Amtsinhaber Emmanuel Macron regelmäßig die Verweise auf das „deutsche Modell“ als Referenz für Frankreich.
Nicht immer zu Recht – denn anders als die deutsche Wirtschaft wuchs die französische auch in den vergangenen zwei Jahren leicht und die Staatsbahn SNCF hat deutlich bessere Pünktlichkeitsquoten.
Gerade die Probleme der Deutschen Bahn überraschen in Frankreich. Dort herrscht überwiegend ein gutes Bild vom Nachbarland, mit dem Stichworte wie Arbeit und Stärke assoziiert werden. Das Image hat sich laut einer gerade veröffentlichten Umfrage, die die Deutsche Botschaft in Paris in Auftrag gegeben hat, sogar verbessert, von 82 Prozent, die 2012 eine positive Meinung hatten, auf nun 88 Prozent. Paradoxerweise gibt zugleich gut die Hälfte der Franzosen an, Deutschland nicht zu mögen, während nur ein Drittel die Bundesrepublik überhaupt kennt. Beides hängt miteinander zusammen: Besonders aufgeschlossen zeigen sich die Bewohner der grenznahen Region Grand Est sowie jene, die die deutsche Sprache beherrschen.
Die Zahl der Lerner wie der Lehrer sinkt allerdings stetig, so wie jene der Französisch-Lerner in Deutschland. Dabei gab es im Aachener Vertrag, mit dem Paris und Berlin 2019 den am 22. Januar 1963 unterzeichneten Élysée-Freundschaftsvertrag ergänzten, die Zusicherung, den Trend umzukehren.
Die Sprache bleibt der Schlüssel für den Zugang zum jeweils anderen, für die Akzeptanz des Verschieden-Seins. Auch auf höchster politischer Ebene ist das gegenseitige Verständnis eine Voraussetzung dafür, dass der oft zitierte deutsch-französische Motor läuft – was viele Beobachter derzeit bezweifeln. Zahlreiche Unstimmigkeiten fallen auf, von der gegensätzlichen Haltung zur Nuklearenergie bis zur Frage nach einer angemessenen Antwort auf Strafzölle durch China oder die USA.
„Dabei gibt es auch aktuelle Beispiele für eine gelungene Kooperation“, sagt Paul Maurice, Generalsekretär des Studienkomitees für deutsch-französische Beziehungen (Cerfa) am französischen Institut für internationale Beziehungen. Er nennt etwa die gemeinsame Reise der Außenminister Annalena Baerbock und Jean-Noël Barrot nach Syrien, wo sie Gespräche mit dem neuen Machthaber Ahmed al-Scharaa führten.
Zwar habe Bundeskanzler Olaf Scholz, der in seiner Partei zu den Transatlantikern gehört, keinen ausgeprägten „deutsch-französischen Reflex“ – aber war seine Vorgängerin Angela Merkel von Beginn an besonders frankophil? Fest stehe, dass es einen permanenten Austausch zwischen Bundeskanzleramt und Élysée-Palast sowie auf allen anderen Staatsebenen gebe.
Maurice verweist auf die inneren Zwänge und Probleme beider Länder seit 2022, die infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine ihre „politischen, sozialen, wirtschaftlichen und geopolitischen Modelle überdenken“ mussten. In Berlin geriet die Koalition stark unter Druck, in Frankreich verlor Präsident Macron 2022 die absolute Mehrheit in der Nationalversammlung. Deren Auflösung im Sommer 2024 und die Neuwahlen verkomplizierten die Lage noch: Allein im vergangenen Jahr gab es vier verschiedene Premierminister, auch die aktuelle Regierung ist instabil. Weiterhin fehlt ein Haushalt für 2025, der der galoppierenden Verschuldung Einhalt gebieten könnte. „Vor diesem Hintergrund ist es für Frankreich schwierig, ein zuverlässiger Partner zu sein“, so Maurice.
Zugleich gehöre Macron zu den wenigen, die schon während der ersten Amtszeit Donald Trumps als US-Präsident regierten. „Er wird diesen Vorteil für sich zu nutzen versuchen.“ Im Interesse der Europäer wäre es dabei, gemeinsam Gespräche mit Washington zu führen, etwa auch im Weimarer Format mit Polen: „Denn Trumps Amerika möchte die Europäer spalten.“ Dem gelte es etwas entgegenzusetzen. Gemeinsam.