Osnabrück TV-Tipp: Neuer Kieler "Tatort: Borowski und das hungrige Herz" – darum lohnt er sich!
Der bereits 2021 entstandene Kieler „Tatort: Borowski und das hungrige Herz“ um tragische Sexsucht lebt von seiner weiblichen Perspektive. Darum ist er Sehenswert!
Es ist ein seltsamer Leichenfund, zu dem Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) und seine Kollegin Mila Sahin (Almila Bagriacik) gerufen werden. Die Versicherungsangestellte Andrea Gonzer liegt erschossen in ihrem Bett. Aber von einer Waffe fehlt jede Spur. Niemand in dem hellhörigen Mietshaus will etwas gehört haben. Selbst die Etagennachbarn, die wegen Lärmbelästigung stets akribisch Buch führen, haben den Schuss nicht gehört.
Tatsächlich hatte die Frau kurz vor ihrem Tod zu einer Sexparty, genauer gesagt zu einem Gangbang geladen, bei dem sie mit sechs Männern Geschlechtsverkehr hatte. Aber nicht nur die geraten ins Visier der Ermittlungen. Auch Andreas Ex-Freund, ein Zahnarzt, macht sich verdächtig. Und dann ist da noch die junge Mutter Nele Krüger (brillant: Laura Balzer), die als Freundin von Andrea und mögliche Zeugin vor allen Dingen das Interesse von Borowski weckt. Irgend etwas stimmt ganz und gar nicht mit der innerlich völlig zerrissenen Frau, die mit dem Mordopfer gemeinsam an Treffen anonymer Sexsüchtiger teilgenommen hatte.
Der neue „Tatort: Borowski und das hungrige Herz“ begibt sich auf eine thematische Gratwanderung in Grenzbereiche der Sexualität, in denen so ein Krimi schnell ins Schleudern geraten kann. Dass diese thematische Gratwanderung trotzdem ohne Fremdscham und peinliche Momente über den Bildschirm geht, dafür sorgt vor allen Dingen eine starke weibliche Perspektive. Drehbuchautorin Katrin Bühlig findet starke Dialoge, die bei aller Ernsthaftigkeit auch nicht mit Humor geizen. Dabei werden Dinge ausgesprochen, die insbesondere die Verlogenheit unserer Gesellschaft im Zusammenhang mit dem Tabuthema weiblicher Promiskuität illustrieren. „Männer“, so bringt es Nele auf den Punkt, „die viel Sex haben, sind echte Kerle – aber Frauen sind immer noch Schlampen“.
Der isländischen Regisseurin Maria Solrun gelingen im Zusammenspiel mit ihrer ebenfalls aus Island stammenden Kamerafrau Birgit Guðjónsdóttir eindrucksvolle Bilder, die alles andere als voyeuristisch wirken. Es gibt natürlich Sexszenen, aber zu sehen sind nur unkenntlich verschwommene Bilder hinter Milchglastüren und beschlagenen Autofenstern in einer verregneten Nacht. Was das Kopfkino der Zuschauer daraus macht, sei dahingestellt.
Für Solrun standen in der äußerst sehenswerten Umsetzung von Bühligs Drehbuch vor allem vier unterschiedliche Perspektiven im Mittelpunkt der Frage, wie Frauen mit Sexualität und Liebe umgehen. Darauf jetzt näher einzugehen, würde zu viel vom Inhalt und der Dramaturgie des spannenden Krimis vorwegnehmen. Aber angesichts von immer noch männlich dominierten Sichtweisen auf weibliche Sexualität müssten laut Solrun noch viel „mehr Filme von Frauen über Frauen gemacht werden, damit diese Themen endlich erzählt werden und sich damit Perspektiven öffnen, die ich so noch nicht gesehen habe“, wie sie in einem NDR-Interview betont.
Gedreht wurde dieser Krimi bereits Ende 2021. Wieso die Ausstrahlung dieser fünftletzten „Borowski“-Produktion so lange aufgeschoben wurde und erst jetzt als vorletzter „Tatort“ mit Milberg läuft, ist nicht ganz nachvollziehbar. Die zuständige NDR-Redaktion erklärt diese Vorgehensweise damit, dass der im November letzten Jahres ausgestrahlte „Tatort: Borowski und das ewige Meer“ zum Thema künstliche Intelligenz vorgezogen wurde, um zu verhindern, dass er an Aktualität verliere. Kann man so stehen lassen, klingt aber nicht überzeugend. Der endgültig letzte Milberg-„Tatort: Borowski und das Haupt der Medusa“ ist dann aber tatsächlich der letzte. Ein Ausstrahlungstermin steht jedoch noch nicht fest.
„Tatort: Borowski und das hungrige Herz“. Das Erste, Sonntag, 12. Januar, 20.15 Uhr und in der ARD Mediathek.