Osnabrück  Wir sind alle Chemnitz: Warum die Kulturhauptstadt 2025 viel bewirken kann

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 19.01.2025 14:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Die deutsche Musikerin Paula Carolina singt zur Eröffnung von Chemnitz als Europäische Kulturhauptstadt vor dem Karl-Marx-Monument. Foto: picture-alliance/dpa/Schmidt
Die deutsche Musikerin Paula Carolina singt zur Eröffnung von Chemnitz als Europäische Kulturhauptstadt vor dem Karl-Marx-Monument. Foto: picture-alliance/dpa/Schmidt
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Chemnitz hat einen fulminanten Start als Kulturhauptstadt Europas 2025 erlebt. Die eigentliche Arbeit kommt aber erst noch. Dabei geht es nicht allein um das Thema Rechtsextremismus.

Sehen und gesehen werden: Für die Kulturhauptstadt 2025 gilt das auch. In Chemnitz geht es aber nicht um eine abgehobene Society, die sich im Glanz der Künste glamourös selbst bespiegelt. Hier geht es um Menschen, die gesehen werden, den eigenen Blick wieder klären möchten.

Wie geht das am besten? Indem sie etwas miteinander machen und einander dabei in die Augen schauen. Eine Stadt baut sich wieder auf – mit der Arbeit am Miteinander. Die Kulturhauptstadt als soziales Experiment: So könnte Chemnitz zum Musterfall avancieren.

Dabei wäre es verkürzt, das Projekt der Kulturhauptstadt Chemnitz auf die Arbeit gegen Rechtsextremismus zu reduzieren. Sicher, als Aufmarschzone der Radikalen, als Rückzugsraum für die Terrorgruppe NSU hat Chemnitz fatale Bilder und Nachrichten geliefert. Die Industriestadt hat ihren Ruf weg. So schien es. Jetzt sollen andere, vor allem buntere und fröhlichere Bilder dieses Image korrigieren.

Die eigentliche Veränderung muss aber da geschafft werden, wo Fernsehteams nicht mehr dabei sind – bei der Arbeit in den vielen, meist kleinen und unspektakulär wirkenden Projekten. Menschen sollen heraus aus mentaler Erschöpfung, heraus aus dem Kreislauf negativer und deshalb lähmender Selbstbilder. Das ist der eigentliche Sinn des Jahres der Kulturhauptstadt.

Es geht also nicht darum, ein Publikum zu bespaßen, sondern Menschen das Gefühl zu geben, dass sie etwas bewirken können. Nur dann verflüchtigt sich das Gefühl, abgehängt und vergessen zu sein. Damit sind Chemnitzer übrigens nicht allein. In einer Welt, die globaler und digitaler wird, leben viele Menschen an vielen Orten mit dem Gefühl, nicht mehr mitzukommen.

Was vermag da Kultur? Sie bietet die Bühne, auf der sich Menschen neu wahrnehmen und erfahren können. Chemnitz bietet dafür eine gute Basis. Denn die Stadt ist real, in ihrem Glanz, in ihren Brüchen. Chemnitz kann man anfassen und spüren. Das zählt. Die Extremisten sind wieder einmal, was sie immer sind – eine kleine Minderheit.

Was von dieser Kulturhauptstadt ausgehen kann, ist ein Gefühl befreiender Brüderlichkeit. Wir alle sind Chemnitz. Wäre das nicht ein guter Ansatz?  

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