Osnabrück  Glück in der Garage: In Chemnitz soll Kultur die Gesellschaft reparieren. Kann das gutgehen? 

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 18.01.2025 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Schauplatz der Kulturhauptstadt: Garagen aus der DDR-Zeit typische Garagen aus DDR-Zeit in Chemnitz. Foto: IMAGO/ecomedia/robert fishman
Schauplatz der Kulturhauptstadt: Garagen aus der DDR-Zeit typische Garagen aus DDR-Zeit in Chemnitz. Foto: IMAGO/ecomedia/robert fishman
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Wo spielt die Kultur? In Chemnitz schaut man nicht in Oper oder Museum nach, sondern in „3000 Garagen“. Die Kulturhauptstadt startet mit einem Projekt, das Garagen als Orte der Begegnung entdeckt. Ein Erfolgsmodell?

Garagen gibt es überall, aber nirgends sind sie so wertvoll wie 2025 in Chemnitz. Ein Witz? Nein. Das ist die Kernbotschaft der Kulturhauptstadt Europas. Sie heißt: „3000 Garagen“. Ausgerechnet in der Garage soll gefunden werden, was gerade nicht nur in Ostdeutschland so sehr abhandengekommen zu sein scheint – die Glücksformel des sozialen Zusammenhalts. Kann das gelingen?

Der Perspektivenwechsel ist jedenfalls radikal: Wenn es um Kultur gehen soll, wird in Chemnitz nicht mehr auf Oper oder Museum geschaut, sondern in Garagen. 30000 gibt es davon in Chemnitz, zu DDR-Zeiten in Eigenleistung errichtet. Ein Chemnitzer Mythos. Hinter verbretterten Gebäudefronten soll er zu finden sein, der Schatz, den alle suchen.

Was glänzt da so golden wie ein heiliger Gral? Die Sehnsucht nach Verständnis und Zusammenhalt, nach dem Ende einer Zeit des zermürbendem Hasses.

Ich weiß nicht, ob ich diesen Ansatz pragmatisch oder nicht sehr romantisch finden soll. Kultur als Suche nach dem eigentlichen Ich, nach dem besseren Wir – darin liegt ein Vertrauen in die Kraft der Kultur, das ich beeindruckend finde. Die Kultur steht nicht mehr auf dem Podest, ihre Macher kommen zu den Leuten, trauen ihnen etwas zu. Das hat etwas.

Damit hat Chemnitz als Kulturhauptstadt vor allem jetzt schon ihr Signet. Und das nicht nur als Verweis auf nüchterne Alltagskultur. Wer weiß schon, dass Chemnitz tatsächlich die Garagenhauptstadt ist? Henry van de Velde, der Alleskönner des Jugendstils, versah schon 1903 die Villa für den Fabrikanten Esche mit einer Remise für Automobile. Das ist Weltrekord – im Garagenbau.

Das klingt ironisch, ist aber nicht so gemeint. Das Glück in der Garage gehörte zur Alltagskultur der DDR. Die Garage war mehr als überdachter Abstellplatz, sie war Rückzugsraum und Partyzone. Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein: Der Goethe-Vers fand dort seine Verwirklichung, wo an Trabant oder Wartburg gebastelt wurde und der SED-Staat fern war.

Jetzt wird am gesellschaftlichen Miteinander geschraubt. Zeigt was ihr habt, erzählt eure Geschichte: Die Kulturhauptstadt Chemnitz bezieht vor allem aus diesem Appell ihre Energie – und ihre Glaubwürdigkeit. Eine Kultur des Kümmerns: Damit soll Zusammenhalt gestärkt werden. Man will Extremisten nicht mehr einfach das Feld überlassen. Gut so.

Das Leben ist offenbar erst auf dem Garagenhof so richtig schön, jedenfalls in Chemnitz. Das Projekt wirkt wie ein Crowdfunding des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Die Gesellschaft als Automobil – und nun schauen alle miteinander unter den Wagenboden, prüfen Federung und Bremsen.

Ich mag diesen Ehrgeiz der gemeinsamen Anstrengung. Vielleicht schauen sich ja andere davon etwas ab und schauen mal in ihren Garagen nach. Allerdings zeigt das Projekt auch, dass die Kultur wieder einmal der Reparaturbetrieb der Gesellschaft sein soll. Hoffentlich geht das gut.

Es gibt aber auch keine Wahl mehr. Wer weiß das Mittel gegen die Drift in der Gesellschaft, gegen Hass und Hetze? Vielleicht finden es die Chemnitzer hinter der Garagentür. Ich wünsche es ihnen.

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