Hamburg  Kann die Linkspartei Sahra Wagenknecht noch überholen? Das sagen Wahlforscher

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 17.01.2025 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Erste Wahlforscher sehen die Linkspartei und ihre einstige Galionsfigur Sahra Wagenknecht in Umfragen schon wieder auf einer Höhe Foto: IMAGO/Matthias Gränzdörfer
Erste Wahlforscher sehen die Linkspartei und ihre einstige Galionsfigur Sahra Wagenknecht in Umfragen schon wieder auf einer Höhe Foto: IMAGO/Matthias Gränzdörfer
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Die neue Partei von Sahra Wagenknecht machte ihren ehemaligen Genossen schwer zu schaffen. Doch in einigen Umfragen liegen die Linkspartei und das BSW mittlerweile gleichauf. Wie wahrscheinlich ist es, dass die Linkspartei ihre einstige Galionsfigur überholt?

Das vergangene Jahr war für die Linkspartei kein besonders erfolgreiches: In Brandenburg flog sie aus dem Landtag, in Sachsen verlor sie mehr als die Hälfte ihrer Stimmen, in Brandenburg fuhr sie das schlechteste Ergebnis seit 1994 ein und musste in Person von Bodo Ramelow den einzigen Ministerpräsidenten-Posten räumen.

Während die Linken schwächelten, hatte Sahra Wagenknecht gut lachen. Die einstige Genossin führte ihr neues, nach ihr benanntes Bündnis (BSW) aus dem Stand zu Erfolgen bei Landtagswahlen und Europawahl. In Thüringen wird sie künftig gar mit regieren. Und in Umfragen zur Bundestagswahl lag das BSW bislang deutlich vor der Linkspartei, ist durchschnittlich noch immer mehrere Prozentpunkte entfernt.

Doch die Forschungsgruppe Wahlen (FGW), zuständig für das „ZDF-Politbarometer“, sieht mittlerweile Linke und BSW gleichauf bei vier Prozent. Wird die Linke ihre ehemalige Mitstreiterin bis zur Wahl gar noch überholen?

Das könne nicht seriös beantwortet werden, meint FGW-Vorstand Matthias Jung. „Angesichts der aktuellen Stärke von Linke und BSW, die ja auf Augenhöhe liegen, und der bekannten hohen Volatilität in der Wählerschaft ist es völlig offen, wer in einigen Wochen bei der Bundestagswahl von den beiden Parteien stärker ist“, meint der Wahlforscher.

Linken-Spitzenkandidat Jan van Aken gibt sich entsprechend kämpferisch: „Für Die Linke geht es gerade nach oben, für das BSW nach unten. Die entzaubern sich gerade selbst und stehen nur noch für Streit untereinander“, sagte er unserer Redaktion. So richtig nach oben geht es für die Linkspartei bislang allerdings nicht. Durchschnittlich bewegt sie sich seit Monaten zwischen drei und vier Prozent.

Doch für das BSW ging es zuletzt tatsächlich bergab, von mehr als acht Prozent im Herbst auf derzeit rund fünf Prozent durchschnittlich. Für Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht kein Grund zur Sorge, wie sie im Interview verriet. „Viele Menschen haben sich noch nicht entschieden, wen sie wählen. Das gilt in besonderem Maße für von uns erreichbare Wähler“.

Diesen Eindruck bestätigt auch Hermann Binkert, Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstitutes Insa. Im „Insa-Meinungstrend“ sind das BSW (6,5 Prozent) und die Linkspartei (3,5 Prozent) derzeit noch recht weit auseinander. „Ich gehe nicht davon aus, dass die Linkspartei das BSW bis zur Bundestagswahl überholt“, so Binkert.

Neben den aktuellen Umfragen würden auch die „sicheren Stimmen“ in diesem Zweikampf für das BSW sprechen. Sichere Stimmen sind bei Insa jene, die sich schon sicher auf eine Partei festgelegt haben. Dort kommt die Linke derzeit auf zwei Prozent, das BSW auf vier Prozent.

Darüber hinaus analysiert Insa auch die Potenziale von Parteien, also wie viele Wähler mit aktuell anderer Präferenz sich doch noch für das BSW oder die Linke entscheiden könnten. Die Potenzialanalyse liegt der Redaktion vor. Die Linke hat dort ein Potenzial von zusätzlichen neun Prozentpunkten, das BSW gar zwölf Prozentpunkte.

Auffällig: vor allem Wähler, die aktuell Richtung CDU und AfD tendieren, könnten sich vorstellen, stattdessen auch das BSW zu wählen. Insa-Chef Binkert legt sich fest: „Das BSW hat mit Sahra Wagenknecht die profiliertere Spitzenkandidatin und das BSW ist auch inhaltlich profilierter.“

Nun dürfte bei allen persönlichen Fehden beiden Parteien nur zweitrangig darum gehen, vor der jeweils anderen zu landen. Um den Einzug in den Bundestag müssen sie beide zittern. Laut Parteienforscher Philipp Thomeczek von der Universität Potsdam müssten sich beide Parteien auf womöglich weniger Stimmen einstellen als noch bei der Europawahl. „Bei der Europawahl gab es ja keine Sperrklausel, Wählerinnen und Wähler mussten also keine strategischen Überlegungen anstellen. Insofern ist das Ergebnis der kleineren Parteien bei der Europawahl eher positiv beeinflusst worden“, sagt er. Wenn am Ende beide Parteien unter der 5-Prozent-Hürde landen, könnte die Linkspartei Sahra Wagenknecht aber dennoch die lange Nase zeigen. Sollten drei Kandidaten ein Direktmandat holen, könnte die Linke dennoch in den Bundestag einziehen – ganz, ohne dass sie das BSW beim Stimmenanteil überholt hat.

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