London In dieser europäischen Stadt stehen die Menschen am längsten im Stau
Laut einer aktuellen Studie gibt es in Europa nirgends so viele Staus wie in London. Die verunreinigte Luft fordert Todesopfer. Dabei hat sich in der britischen Millionen-Metropole in den letzten Jahren einiges getan – zumindest die Luftqualität scheint verbessert.
Es ist 18 Uhr an einem Freitagabend. Die typischen roten Doppeldeckerbusse, Taxis und private Pkw schieben sich Stoßstange an Stoßstange durch die Straßen in der Nähe von Finsbury Park, einem Bahnhof im Norden Londons. Der Verkehr bewegt sich zeitweise so langsam, dass die Fußgänger auf dem angrenzenden Bürgersteig schneller sind als die motorisierten Fahrzeuge auf der Straße.
Die Briten im Bus nehmen den Verkehr zumindest nach außen entspannt hin. Meckern ist ihre Sache nicht. Dabei hätten sie Grund zur Klage: Londons Straßen sind nach wie vor die verkehrsreichsten Europas. Autofahrer verbrachten 2024 durchschnittlich 101 Stunden und damit rund vier Tage im Stau, wie der Verkehrsdatenanbieter Inrix herausfand.
Zum vierten Jahr in Folge führt die Hauptstadt die Stau-Bilanz in Europa an. Laut der Studie sind die „Konzentration von Bevölkerung, Beschäftigung und wirtschaftlichen Aktivitäten“ für die vielen Staus verantwortlich. In London leben knapp neun Millionen Menschen, Tendenz steigend. Und: Bauarbeiten auf den Hauptverkehrsstraßen der Stadt hätten zu erheblichen Verkehrsbehinderungen geführt, so Bob Pishue, der Autor des Berichts.
Auf dem zweiten Rang hinter der Mega-City rangiert Paris mit durchschnittlich 97 Staustunden je Autofahrer, gefolgt von Dublin. Dass die Londoner die Situation mit Fassung ertragen, hat wohl auch damit zu tun, dass sich die Situation in mancherlei Hinsicht auch verbessert hat. Denn während Staus weiterhin ein Problem sind, hat sich zumindest die Luftqualität in der Metropole verbessert.
Denn vor einigen Jahren schoben sich Busse, Taxis und Lieferwagen überwiegend mit Dieselmotoren durch die Metropole. 2014 lag der Jahresmittelwert für Stickstoffdioxid – für die Diesel-Pkw der Hauptverursacher in Städten sind – ein Vielfaches über dem Grenzwert. Rund 40.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr wurden damals in Großbritannien auf die zunehmende Luftverschmutzung zurückgeführt, mehrere Tausend davon in London.
Das erste Opfer, auf dessen Totenschein dies als Ursache vermerkt wurde, war die neunjährige Ella. Das Mädchen wohnte im Südosten der Metropole an einer stark befahrenen Straße. Im Jahr 2013 starb sie nach einem schweren Asthmaanfall, der zu einem Herzstillstand führte. Indem ihre Mutter Rosamund Adoo-Kissi-Debrah die Geschichte ihrer Tochter erzählt, will sie etwas verändern.
Der Labour-Bürgermeister Sadiq Khan schloss sich seit seinem Amtsantritt 2016 ihrer Mission an, indem er sich für Verkehrsberuhigung in der Metropole einsetzt: So hat er die Umweltzone ULEZ („Ultra Low Emission Zone“) auf den Großraum London ausgeweitet. Sie soll Autos, die die Anforderungen bezüglich der Emissionen nicht erfüllen, durch Gebühren aus dem Stadtgebiet verdrängen. Hinzu kamen „Low Traffic Neighbourhoods“ (LTNs), also Straßen und Wohngebiete, in denen der Autoverkehr auf Anwohner beschränkt ist.
Erkennbar sind sie an großen Pflanzenkübeln oder fest installierten Pollern in der Straßenmitte, die die Zufahrt für Autos sperren, aber die Durchfahrt für Fahrräder und Fußgänger erlauben. London ist in den vergangenen Jahren außerdem deutlich fahrradfreundlicher geworden. Um die Luftqualität zu verbessern, hat die Stadt den Radverkehr massiv gefördert.
So wurden Wohngebiete und Straßen für den Durchgangsverkehr gesperrt. Es entstanden sogenannte Fahrradautobahnen, die Vororte mit dem Stadtzentrum verbinden. Ferner wurde ein neues Netz markierter Radwege geschaffen, insbesondere entlang der Themse und der Hauptverkehrsachsen.
Die Maßnahmen haben in London jedoch auch Proteste und Kontroversen unter den Bürgern ausgelöst. Im Frühjahr 2024 versammelten sich Demonstranten im Zentrum der Metropole, um ein Ende des Ausbaus der ULEZ zu fordern. Die Teilnehmer äußerten ihre Besorgnis über die finanziellen Auswirkungen für Besitzer älterer, nicht vorschriftsmäßiger Fahrzeuge.
Die konservativen Tories warfen Khan vor, einen Krieg gegen die Autofahrer zu führen. Auch die Einführung verkehrsberuhigter Straßen sorgte für Unmut. Händler fürchteten Einbußen und Bewohner beklagten, dass der Verkehr an einer Stelle verringert, in den Umgehungsstraßen jedoch verstärkt wird. Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass durch die Maßnahmen und die Ausweitung der Umweltzone die Schadstoffemissionen und die damit in Verbindung stehenden langfristigen Gesundheitsprobleme zurückgegangen sind und zumindest in Teilen des Zentrums der Metropole auch der Verkehr abgenommen hat.
Khan wurde unter anderem wegen seiner Bemühungen in diesem Bereich vor wenigen Wochen von König Charles III. sogar zum Ritter geschlagen. Doch auch wenn sich die Luftqualität in London über die Jahre verbessert hat, kämpft die Stadt insbesondere in stark vom Verkehr belasteten Gebieten noch immer mit schädlichen Schadstoffwerten – und mit anhaltenden Staus.