Berlin  Jürgen von der Lippe: „Die woke Klientel wird mein Programm hassen, aber das ist mir egal“

Lars Laue
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Von Lars Laue
| 17.01.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Das bunte Hawaii-Hemd ist sein Markenzeichen: Im Interview erzählt Jürgen von der Lippe, wie es dazu kam. Foto: André Kowalski
Das bunte Hawaii-Hemd ist sein Markenzeichen: Im Interview erzählt Jürgen von der Lippe, wie es dazu kam. Foto: André Kowalski
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Komiker, Musiker, Entertainer, Autor: Jürgen von der Lippe ist ein künstlerisches Ausnahmetalent. Im Interview verrät der 76-Jährige, warum es ihn auf die Bühne zog und weshalb er bis heute süchtig nach Applaus ist. Auch macht er keinen Hehl daraus, was er gar nicht leiden kann: Gendern zum Beispiel.

Der Entertainer und Komiker Jürgen von der Lippe, bekannt für seine teils anzüglichen Witze, will seinem Stil treu bleiben. Im Interview sagte der 76-Jährige: „Die Menschen sind einfach genervt von woke und gendern. Sprachvorschriften, erdacht von Leuten, die keine Ahnung von Sprache haben, weil davon angeblich die Welt besser wird. Für mich bestes Bühnenmaterial. Hinzu kommt ja noch, dass viele Männer heutzutage völlig verängstigt sind und sich gar nicht mehr trauen, zu flirten. Viele gehen nicht mehr allein mit einer fremden Frau in einen Aufzug. Das ist alles Comedy-Gold.“

Der Unterhaltungskünstler räumt in dem Gespräch überdies ein, privat nicht nur gute Laune zu haben. „Ich kann gerne auch mal scheiße drauf sein. Ich bin ja nicht nur Komiker, sondern manchmal auch Mensch und launisch.“ Er verbeiße sich zuweilen in Dinge und werde „einfach unleidlich.“

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Frage: Herr von der Lippe, heute ohne Hawaii-Hemd?

Antwort: Na, sicher. Der Metzger würde doch auch nicht mit einer blutbefleckten Schürze zum Interview kommen. Die bunten Hemden sind eine reine Dienstkleidung.

Frage: Wie kam es dazu?

Antwort: Das hat sich aus meiner Weigerung entwickelt, bei TV-Auftritten Sakkos zu tragen. Ich kleide mich ohnehin lieber locker und habe zum Beispiel gar keinen Anzug.

Frage: Sie haben keinen Anzug im Schrank?

Antwort: Nö. Ich habe, zwei, drei alte Smokings von früher, aber die passen mir gar nicht mehr. Ich fühle mich im Anzug auch nicht wohl. Wenn ich mit Hemd und Krawatte irgendwo hin soll, habe ich schon keine Lust mehr.

Frage: Sie heißen ja eigentlich Hans-Jürgen Dohrenkamp. Ist das der Grund für Ihren Künstlernamen?

Antwort: Mein erster Manager, der selber Liedermacher war und mit Titeln wie „Jimmy, komm’ wir fressen eine Leiche“ jeden Saal leer sang, meinte: Dohrenkamp, das ist nix. Nun komme ich ja gebürtig aus Bad Salzuflen im Lipperland. Von der Lippe sozusagen. Und meine Vermutung, dass findige Feuilletonisten bei von der Lippe zu vielerlei Wortspielen angeregt würden, hat sich bestätigt.

Frage: Wann haben Sie festgestellt, dass Sie mit Ihrer Art, mit Ihrem Humor Geld verdienen können?

Antwort: Dass ich schneller als manch andere an einer bestimmten Situation einen komischen Aspekt entdecke, wusste ich schon zu Schulzeiten. Deswegen wurde ich als Junge aus kleinen, aber nicht uninteressanten Verhältnissen – mein Vater war Barkeeper in einer Striptease-Bar – auch immer zu den Partys der Arztsöhnchen eingeladen. Aber ich war kein Klassenclown, denn ich bin eigentlich sehr schüchtern.

Frage: Und wollten ja auch ursprünglich Lehrer werden.

Antwort: Richtig. Ich hatte zunächst in Aachen auf Lehramt studiert, wo es aber keine Auftrittsmöglichkeiten gab. Ich bin dann nach Berlin und habe die ersten Bühnenerfahrungen in den dortigen Folkclubs gesammelt. Dabei habe ich aber weiter Germanistik, Linguistik und Philosophie studiert, ohne zu wissen, dass diese Kombination in Berlin nicht lehramtsfähig war, und habe an der Uni ausländischen Studenten Deutsch beigebracht. Als ich mich dann zum Examen gemeldet habe, hieß es, April, April: Entweder zurück nach Nordrhein-Westfalen oder ein anerkanntes Nebenfach nachstudieren. Darauf hatte ich nun überhaupt keinen Bock und von meinen Auftritten, meiner Tätigkeit beim Radio und für Zeitungen konnte ich damals schon ganz okay leben. Es war also nicht nach dem Motto „... und er beschloss, Komiker zu werden“, sondern eher ein Gottesurteil.

Frage: Sind Sie zufrieden damit und lässt es sich gut leben davon?

Antwort: Nicht zufrieden, sondern glücklich und: ja.

Frage: Sie gehen nach wie vor auf Tour und bringen kommendes Jahr ein neues Buch raus. Müssen Sie noch arbeiten?

Antwort: Ich bin jetzt 76, müsste nicht, aber habe nach wie vor Bock auf Bühne. Wir sind Junkies und brauchen das und solange der Körper, das Hirn und natürlich das Publikum mitspielen, geht es weiter.

Frage: Was genau brauchen Sie, was erfüllt Sie an Ihrem Job?

Antwort: Es ist diese unmittelbare Bestätigung, die es so in keinem anderen Beruf gibt. Meine Frau zum Beispiel malt. Irgendwann ist das Bild nach langer Zeit fertig und dann passiert erstmal nichts. Vielleicht gibt es dann eine Ausstellung. Das könnte ich nicht. Lachen und Applaus kommen sofort, machen glücklich und süchtig. Und ich brauche auch Abwechslung, war im Jahr 2024 mit fünf verschiedenen Programmen auf der Bühne. Das ist Rekord bisher.

Frage: Sie sind durchaus auch bekannt für anzügliche Witze. Kann man Zoten heute noch bringen oder hat der Herrenwitz ausgedient?

Antwort: Herrenwitz ist ein dummes Wort aus der Mottenkiste. Ich ziehe „genitalreferentielles Material“ vor und das wollen die Leute – unter anderem – hören. Die Menschen sind einfach genervt von woke und gendern. Sprachvorschriften, erdacht von Leuten, die keine Ahnung von Sprache haben, weil davon angeblich die Welt besser wird. Für mich bestes Bühnenmaterial. Hinzu kommt ja noch, dass viele Männer heutzutage völlig verängstigt sind und sich gar nicht mehr trauen, zu flirten. Viele gehen nicht mehr allein mit einer fremden Frau in einen Aufzug. Das ist alles Comedy-Gold. Danke, liebe Woke.

Frage: Haben Sie für Ihre Kalauer noch keinen Shitstorm abbekommen?

Antwort: Ich weiß es nicht, weil ich mich darum nicht kümmere. Die woke Klientel wird mein Programm hassen, aber das ist mir egal. Mein Publikum mag es und nur darum geht‘s.

Frage: Ihr neues Buch heißt „Sextextsextett“. Worauf dürfen Ihre Leser und Ihre Fans sich freuen?

Antwort: Auf 75 lustige Geschichten und Glossen.

Frage: Und wieder kommt „Sex“ vor.

Antwort: Ja, weil ich als Buchtitel immer den witzigsten Titel einer der Storys nehme und das war dieser Zungenbrecher. Aber in den 75 Texten spielt Sex nur sechsmal thematisch eine Hauptrolle. Am weitaus häufigsten beschäftige ich mich in dem Buch mit Sprache.

Frage: Warum sollte man das Buch kaufen und lesen?

Antwort: Weil es kurze Storys sind, die sich locker und häppchenweise weglesen lassen, wo immer man auch gerade ist. Beim Arzt im Wartezimmer, auf dem Klo, im Bett, im Zug, wenn der wieder stehengeblieben ist, und überall kann gelacht werden.

Frage: Hat ein Routinier wie Sie vor Auftritten noch Lampenfieber?

Antwort: Hatte ich zu Beginn natürlich schon und habe reihenweise Hemden durchgeschwitzt. Das ist heute aber zum Glück vorbei.

Frage: Hatten Sie schonmal einen Blackout?

Antwort: Aber klar. Auf der Bühne überspiele ich das locker, aber ich habe mal in einer Talkshow im Fernsehen eine Pointe völlig versemmelt. War aber nicht so schlimm, denn nichts sehen Menschen lieber als fremdes Scheitern.

Frage: Im Fernsehen waren Sie kürzlich in „Tietjen campt“ mit Bettina Tietjen zu sehen. Dabei sind Sie doch bekennender Anti-Camper. Was hassen Sie am Campen?

Antwort: Das ist einfach nicht meine Urlaubsform. Man hängt aufm Campingplatz aufeinander und dann haste mit den Nachbarn Pech. Es ist räumlich begrenzt und unter Umständen weit zu den sanitären Anlagen. Es ist unheimlich laut im Zelt. Ich finde campen schlicht vollkommen unattraktiv und lobe mir meine Butze auf Mallorca. Das ist für meine Frau und mich wie ein zweites Zuhause. Ein- oder zweimal im Jahr. Und ich kann dort wunderbar schreiben, anders als im Zelt.

Frage: Hat ein Spaßmacher wie Sie eigentlich stets gut Laune?

Antwort: Ganz und gar nicht. Ich kann gerne auch mal scheiße drauf sein. Ich bin ja nicht nur Komiker, sondern manchmal auch Mensch und launisch.

Frage: Wie sieht ein schlecht gelaunter Jürgen von der Lippe aus?

Antwort: Ich verbeiße mich in Dinge und werde einfach unleidlich, aber nie gewalttätig, obwohl ich mal Boxen gelernt habe.

Frage: Ehrlich?

Antwort: Ja, als Schüler bei Post Aachen. Ich will nicht sagen, dass ich ein großes Talent war, hatte auch keinen Riesenpunch, aber war recht schnell.

Frage: Was macht Ihnen schlechte Laune? Worüber ärgern Sie sich?

Antwort: Zum Beispiel, wenn mir jemand blöd kommt. Es hängt meist so zu 80 Prozent von meiner Verfassung ab, wie ich dann reagiere. An manchen Tagen kann ich das besser ab als an anderen. Bin ich im Stress, reagiere ich auch mal unsouverän, was mir hinterher sehr leidtut.

Frage: Und worüber freuen Sie sich? Wie lautet Ihr Rezept, um gut gelaunt durchs Leben zu gehen?

Antwort: Da reicht manchmal ein tolles Café mit leckerem Frühstück oder ein gemütlicher Italiener mit einer richtig guten Pizza oder geilen Nudeln. Wenn Qualität und Atmosphäre stimmen, ist die Welt in Ordnung. Der Italiener kann natürlich auch Türke sein, Vietnamese, Inder, Grieche oder Schwabe.

Frage: Sie werden in diesem Jahr 77, denken Sie da nicht doch hin und wieder an Ruhestand?

Antwort: Überhaupt nicht. Solange ich noch kann, Spaß habe und das Publikum mich haben will, mache ich weiter.

Frage: Zu einem Ihrer Hobbys zählt das Kochen. Was macht aus Ihrer Sicht einen perfekten Gastgeber aus?

Antwort: Brillat-Savarin hat gesagt: Jemanden einladen, heißt, die Sorge für sein Glück auf sich nehmen. Also muss ich vorher wissen, wer was gerne isst und trinkt, gibt es Allergien, ist jemand Vegetarier, welche Musik wird gewünscht, soll anschließend gespielt oder gemacht werden, und, und, und.

Frage: Was ist mit Alkohol?

Antwort: Beim Kochen muss ich mich ein wenig zurückhalten, aber ansonsten trinke ich schon sehr gerne einen guten Wein oder ein Bier, wenn‘s passt. Currywurst mit Wein ist schon schräg.

Frage: Sie sind noch viel auf Tour, aber eben auch schon 76. Wie halten Sie sich fit?

Antwort: Ich habe einen kompletten Sportraum bei mir zu Hause und den nutze ich.

Frage: In Ihrem Berliner Schloss oder wie wohnt Jürgen von der Lippe?

Antwort: In einer Wohnung in einem ganz normalen Haus. Ich hatte die Wahl zwischen Gästezimmer und Sportraum und habe mich dann für die Fitnessabteilung entschieden.

Frage: Einer Ihrer Sketche heißt „Wenn ich Bundeskanzler wär‘“. Was wäre denn dann?

Antwort: Wahrscheinlich wäre gar nicht so viel anders als jetzt. Über Olaf Scholz lässt sich ja gut schimpfen, aber wenn man sich die Zwänge mal so anschaut, dann hatte diese Ampel auch keine allzu große Chance.

Frage: Im Februar haben wir Neuwahlen in Deutschland. Gehen Sie hin?

Antwort: Nicht direkt, weil ich da schon auf Tour bin, aber ich mache Briefwahl.

Frage: Wo liegt denn Ihre politische Heimat?

Antwort: Ich war als Student Juso, bin aber nach ein paar Monaten aus der SPD wieder ausgetreten, weil mir diese Ellenbogenmentalität und diese Machtkämpfe nicht gefallen haben. Der Homo politicus ist nicht so meins. Und man weiß: Je älter man wird, desto eher neigt man dazu, konservativer zu werden, was ja nichts Schlimmes ist. Ich weiß aber noch nicht, wen ich wähle.

Frage: Aber Sie wissen, wen Sie nicht wählen?

Antwort: Nicht die AfD.

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