Osnabrück Ernährungs-Doc Matthias Riedl hält Proteinsnacks für „krankmachendes Zeug“
Statt Frühstück gibt es einen Eiweißshake und nach dem Training den Proteinriegel: Der Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl kritisiert, dass Influencer Fitnessprodukte wie diese für Sportler als essenziell bewerben. Und er erläutert, warum er sie für ungesund hält. Die Unternehmensgruppe „The Quality Group“ widerspricht.
Nach dem Sport schnell einen Proteinriegel snacken? Selbstgemacht können sie laut Dr. Matthias Riedl gesund sein, „gekauft ist es ein hoch verarbeitetes Lebensmittel, mit Aroma, Chemie, Zucker und damit ungesund.“ Riedl ist Ernährungsmediziner, Internist und Diabetologe.
Wie eine bekannte Riegelmarke auf ihrer Webseite schreibt: „Egal, ob Du nach einem intensiven Workout bist oder einfach nur einen nahrhaften Snack für unterwegs suchst, unsere Proteinriegel sind die perfekte Wahl, um Deine Eiweißbedürfnisse auf leckere Weise zu stillen.“ Aber stimmt das?
Matthias Riedl empfiehlt, die Ernährung je nach Sportart und individuellen Zielen anzupassen. Was für einen Marathonläufer geeignet ist, lässt sich nicht uneingeschränkt auf einen Kraftsportler übertragen. Die Trainingsintensität spielt eine ebenso entscheidende Rolle: Während für Leistungssportler eine striktere Ernährungsweise sinnvoll sein kann, reicht für Freizeitjogger oft eine weniger rigorose Herangehensweise.
Problematisch sei, „was die Industrie gerade macht, indem sie Eiweißriegel und Eiweißshakes für den Sportler als ‚Must-Have‘ (also unbedingt notwendig, Anm. der Redaktion) proklamiert“, kritisiert Riedl. Gerade in Fitnessclubs und bei jungen Menschen seien solche Produkte verbreitet. „Und das stellt keiner infrage. Dabei sind die Fitnesspulver mit Mineralölrückständen verunreinigt“, sagt der Ernährungsmediziner. Verbraucherzentrale und Foodwatch bestätigen, dass Lebensmittel durch Produktion und Verpackungen belastet werden können.
Hinzu kommen Riedl zufolge „noch mal ein künstliches Aroma“ und „noch ein Süßstoff, damit das nur irgendwie schmeckt“. Damit zählten Fitness-Müslis, -Riegel oder -Pudding zu den hochverarbeiteten Lebensmittel. Sein saloppes Fazit:
Zahlreiche zugesetzte Vitamine hält der Mediziner für überflüssig. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) schreibt: „Deutschland ist kein Vitaminmangelland. Vitaminmangelkrankheiten kommen bei gesunden Erwachsenen in Deutschland äußerst selten vor.“ Trotzdem werben viele Hersteller auf Verpackungen mit zugesetzten Vitamine.
Stattdessen rät Riedl: „Zum Ernährungsmediziner gehen und messen lassen, ob man einen Mangel hat.“ Anschließend könnten vorhandene Defizite gezielt behandelt werden.
„Die Eiweißmenge muss stimmen“, führt Riedl aus. Wie er erläutert, empfiehlt die DGE am Tag 0,8 Gramm pro Kilogramm Körperwicht. Das heißt ein gesunder Erwachsener bis 65 Jahre braucht 56 Gramm Eiweiß am Tag.
Riedl rät, die Eiweißmenge nach der Formel auf drei Mahlzeiten zu verteilen. „Das Eiweiß sollte zur Hälfte pflanzlichen Ursprungs sein, etwa aus Hülsenfrüchten, Nüssen, Pilzen oder Gemüse.“
„Ich erlebe aber bei jungen Männern, dass diese nach dem Sport diesen Chemie-Eiweiß-Drink nehmen und dann bei Mutti noch ein Schnitzel essen und so schnell bei zwei bis drei Gramm Eiweiß pro Kilogramm am Tag landen.“ Das sei mehr als das Doppelte der benötigten Menge.
„Das wird auch noch befeuert von Influencern, namentlich aus dem Dunstkreis von More Nutrition beispielsweise, die mit diesen Eiweiß-Konzentraten jährlich ihren Umsatz verdoppeln.“ Das umstrittene Unternehmen More Nutrition vertreibt unter anderem Nahrungsergänzungsmittel, Proteinpulver und Zuckerersatz. Die Dachmarke The Quality Group fuhr nach eigenen Angaben 2023 einen Umsatz von 680 Millionen Euro ein.
Es ist nicht abschließend geklärt, ob der Süßstoff Sucralose durch Hitze zu krebserregenden Stoffen zerfällt. Zu diesem vorläufigen Ergebnis kommt das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) und empfiehlt, bis weitere Daten vorliegen, Produkte mit diesem Süßungsmittel nicht zu backen, zu braten oder zu frittieren. Auf Instagram werden die „More“-Produkte wie „Chunky Flavour Dark Cookie Crumble“ mit Backrezepten beworben.
Das Unternehmen „The Qualitiy Group“ widerspricht dem in einem Statement: „Die Sicherheit und Qualität unserer MORE-Produkte haben für uns oberste Priorität. Unabhängige Tests und strenge Prüfungen in unserem Hause bestätigen regelmäßig, dass unsere Produkte höchsten Qualitätsstandards entsprechen.“ Die „getroffenen, unsubstantiierten Aussagen“ zu ihren Produkten seien nicht belegt und nicht zutreffend.
Riedl kritisiert derweil: „Diese Berieselung von jungen Menschen mit Influencer-Werbung, die einen hohen Eiweißkonsum proklamiert, halte ich für fatal“. Die Verbraucherzentrale wiederum bescheinigt eiweißangereicherten Mitteln „kaum zusätzlichen Nutzen“.
Wer sich einen exzessiven Eiweißkonsum schon in der Jugend aneigne, so Riedl weiter, ziehe das möglicherweise bis weit ins Erwachsenenalter durch. Wird die Ernährung beibehalten, obwohl kein Intensivsport betrieben wird, führe das Riedls Erfahrung nach zu Übergewicht – was das Risiko für Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes Typ 2 oder Krebs erhöhe.