Kreis Pinneberg Faltenkiller Botox eine Chance für Migräne-Patienten? Das sagt ein Neurologe dazu
Die Schönheitsärztin Inga Schlüter setzt Botox auch bei Migräne-Patienten ein und hat damit nach eigenen Angaben Erfolg. Der Neurologe Professor Dr. Arne May sagt, unter welchen Voraussetzungen das funktionieren kann und welche Risiken mit der Behandlung verbunden sind.
Botox ist bekannt als Mittel gegen Falten und ein Bestseller. Aber das Nervengift kann offenbar noch mehr, hilft unter anderem Migräne-Patienten und gegen Zähneknirschen. Das jedenfalls ist die Erfahrung der Schönheitsärztin Inga Schlüter aus dem schleswig-holsteinischen Pinneberg, die das Mittel in ihrer Praxis auch zu medizinischen Zwecken einsetzt. Der Leiter der Kopfschmerzambulanz im Hamburger Universitätsklinikum, Professor Dr. Arne May, bestätigt im Gespräch mit unserer Redaktion die Wirksamkeit von Botox, nennt allerdings auch die Grenzen und spricht über die Risiken.
Inga Schlüter spritzt das Nervengift in ihrer Praxis für Schönheitseingriffe nicht nur bei Migräne-Patienten, sondern auch bei Menschen, die zu nächtlichem Zähneknirschen neigen und mit den Folgen wie Kopf-, Kiefer- und Ohrenschmerzen zu kämpfen haben, direkt in den Kaumuskel. Er sei bei den Betroffenen stark vergrößert, werde dadurch kleiner und entspanne sich. Bei Migräne-Patienten gebe es mehrere Punkte, etwa den Nacken, die Schläfen und die Stirn. Die Wirkung halte je nach Patient drei bis sechs Monate an, so Inga Schlüter.
Auch der Neurologe Arne May setzt Botox ein, allerdings ausschließlich bei Patienten mit chronischer Migräne. Für diese Fälle sei es zugelassen, die Krankenkassen übernehmen die Kosten. Die Gruppe derer, die positiv auf diese Behandlung ansprechen, ist allerdings vergleichsweise klein. „Es hat sich gezeigt, dass Botox bei ausgewählten Patienten funktioniert, eben denen mit einer chronischen Migräne, das heißt einem migräneartigen Kopfschmerz, der fast jeden Tag da ist“, sagt er. Bei einer episodischen Migräne, Spannungs- oder anderen Kopfschmerzen funktioniere das Nervengift aber nicht. Bei krankhaftem Zähneknirschen allerdings ist eine Botoxbehandlung wiederum sehr hilfreich und wird auch im UKE angewandt.
Wird Botox bei einem an einer chronischen Migräne leidenden Menschen eingesetzt, sind bis zu 34 Injektionen nach einem genau festgelegten und wissenschaftlich fundierten Ablauf (Prempt-Schema) nötig. Sie erfolgen an Punkten am Kopf, Hinterkopf und im Nacken. Darunter sind solche oberhalb der Augenbrauen, an den Ohren, an der Nasenwurzel, und am Muskel, der zu den Schultern führt. „Geht man nach diesem Schema vor, können wir tatsächlich bestätigen, dass Patienten mit chronischer Migräne davon profitieren. Das sagen auch die Studien“, so Arne May. Wenn es funktioniert, hält die Wirkung jeweils etwa drei Monate an.
Warum Botox Migräne-Patienten helfen kann, „wissen wir noch nicht genau“, so Arne May. Bekannt sei, dass das Gift die chemische Verbindung vom Muskel zum Nerv blockiere, der Muskel dann erschlaffe. Deshalb wird Botox auch bei Spastiken etwa nach einem Schlaganfall eingesetzt und könne das Leiden enorm lindern.
Arne May ist nach eigener Aussage zwar kein Fan der Faltenunterspritzungen mit Botox, sieht allerdings durchaus die Verdienste der Schönheitsindustrie um die Erforschung des Einsatzes in der Medizin. Weil sich nicht nur die Falten durch das Nervengift zurückbildeten, sondern Migräne-Patienten auch eine Linderung ihres Leidens wahrnahmen, gaben die Hersteller groß angelegte und gut gemachte Studien in Auftrag, die die subjektive Wahrnehmung zumindest in Teilen bestätigten. Arne May:
Das Alter der Patienten spielt bei der Botox-Behandlung keine Rolle. In der Kopfschmerzambulanz des UKE behandelt Professor Dr. Arne May auch relativ junge Patienten, so sie denn in die Gruppe der chronischen Kranken fallen. Allerdings geht mit den Injektionen immer auch ein gewisses Risiko einher – auch daraus macht der Mediziner keinen Hehl. „Die Nebenwirkungen sind lokal, also in den meisten Fällen gering, aber sie sind möglich.“ Arne May:
Durch die Überdosierung bei einem einzelnen Muskel würden die entsprechenden Rezeptoren geblockt, der Schaden sei angerichtet, „und das bleibt dann so, bis das Botox wieder abgebaut ist“. Diese Fälle kämen aber selten vor, „weil sehr gut untersucht ist, wie hoch die Dosis für welchen Muskel sein darf“. Deshalb spricht nach Ansicht des Arztes nichts gegen eine langfristige Behandlung mit Botox.