Osnabrück Wissenschaftler warnen vor Diabetes durch Softdrinks
Süß, erfrischend, bunt, unwiderstehlich: Weltweit werden mit Softdrinks knapp 700 Milliarden US-Dollar umgesetzt. Ein gewaltiger Markt, der jedoch laut einer aktuellen Studie weltweit zu einer gewaltigen Diabetes-Welle geführt hat.
Das Forscherteam der Tufts University in Boston hat für seine Untersuchung auf zwei Datenquellen zurückgreifen können: Einerseits auf die Global Dietary Database, in der die Ernährung und Gesundheit von rund 6 Millionen Kindern und Erwachsenen aus 185 Ländern erfasst wurde, und andererseits auf die Ergebnisse von 450 ähnlichen Einzelstudien aus 181 Ländern.
Bei der Analyse dieses großen Datenpools stellte sich heraus, dass gezuckerte Soft-Drinks weltweit wohl für mehr als 2,2 Millionen neue Diabetesfälle und 1,2 Millionen neue Herzerkrankungen pro Jahr verantwortlich sind.
Besonders dramatisch ist die Situation in den Entwicklungsländern. In Afrika südlich der Sahara tragen gezuckerte Getränke zu mehr als 21 % aller neuen Diabetesfälle bei, in Lateinamerika und der Karibik sind es fast 24 %. „Soft-Drinks werden in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen besonders stark vermarktet und verkauft“, erklärt Studienleiter Dariush Mozaffarian.
Was unter anderem daran liegt, dass dort die Softdrinks mit Status-Gewinn verbunden sind, weil sie für einen westlichen Geschmack und Lebensstil stehen. „Außerdem ist man in diesen Ländern weniger auf die langfristigen gesundheitlichen Folgen vorbereitet, die der Konsum dieser schädlichen Lebensmittel mit sich bringt“, betont Mozaffarian.
Zuckerhaltige Limonaden liefern viele Kalorien, die außerdem – weil ja praktisch nichts drumherum ist, wie etwa Ballaststoffe oder Proteine – schnell verdaut werden und kaum zur Sättigung beitragen. Dadurch prescht der Blutzuckerspiegel nach oben, mit entsprechenden Folgen für den Stoffwechsel. Harvard-Forschende ermittelten, dass Soft-Drinks stark zum viszeralen Fett im Bauchraum beitragen, was als besonders gefährlich gilt, weil es Entzündungen fördert und das Risiko für Herzerkrankungen und Diabetes erhöht.
In Deutschland wurde die gesundheitliche Gefahr durch die Soft-Drinks zwar erkannt, ihr Zuckergehalt sollte im Rahmen der „Nationalen Reduktionsstrategie“ von 2015 bis 2025 um 15 Prozent sinken. Die Getränkeindustrie wurde jedoch nicht juristisch dazu verpflichtet, sondern sollte freiwillig dazu beitragen – und so wurden bis zum Jahre 2021 gerade mal 2 Prozent erreicht.
„Die freiwillige Zuckerreduktion bei Soft-Drinks kommt nicht voran“, beklagt Oliver Huizinga von der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG). Wenn sich der Trend so fortsetze, würde das anvisierte Ziel erst in Jahrzehnten erreicht.
Wie sich eine effektive Zuckersenkung erreichen lässt, zeigt Großbritannien. Dort wurden die Hersteller zur Zahlung einer Steuer verpflichtet, in Höhe von – umgerechnet – 0,21 Euro für über 5 Gramm Zucker pro 100 Milliliter Limonade. Daraufhin sank der Zuckergehalt zwischen 2015 und 2021 von 5,3 auf 3,8 Gramm, also um über 25 Prozent.
Fraglich ist allerdings, ob der eingesparte Zucker durch Süßstoff ersetzt werden sollte, um den Kunden das ursprüngliche Süß-Erlebnis zu erhalten. Susan Swithers von der Purdue University im US-amerikanischen Indiana warnt, dass der permanent durch Süßstoffe getäuschte Körper seine Zuckerverwertung zurückschraubt, weil sie ja nicht mehr gebraucht wird.
„Es handelt sich dabei um eine klassische Konditionierung“, so die Psychologin. So wie beim Pawlowschen Hund. Mit der Folge, dass am Ende generell der Zucker aus der Nahrung nur schlecht verstoffwechselt wird, sodass der Blutzuckerspiegel unaufhaltsam nach oben driftet. Süßstoffe führen also nicht aus dem Zuckerberg, unter dem die Wohlstandsgesellschaft ächzt. „Wir müssen uns vielmehr vom Süß-Geschmack an sich emanzipieren“, betont Swithers.