Berlin Neuer Altersbericht: Wann wachen Politik und Gesellschaft endlich auf?
Kein Wunder, dass die meisten Parteien den neuen Altersbericht im Bundestagswahlkampf ignorieren. Denn er legt den Finger tief in die Wunde: Aber nicht nur der Politik, auch der Gesellschaft.
Was es bedeutet, wenn die Zahl der Über-80-Jährigen in den kommenden 25 Jahren um mehrere Millionen steigen wird, während die jüngeren Generationen schrumpfen, wird von den einen gezielt verdrängt und von den anderen leichtfertig ignoriert. Ein rasant wachsender Teil der Bevölkerung braucht Rente und Pflege, was von immer weniger Arbeitenden finanziert werden muss.
Die Tatsache ist beunruhigend genug. Ökonomen warnen täglich davor, dass der Fachkräftemangel in unserem älter werdenden Land zum Standortrisiko Nummer 1 wird. Geradezu schockierend aber ist, wie im Bundestagswahlkampf und in den aufgeregten Debatten damit umgegangen wird.
Man nehme die hysterischen Reaktionen auf den Vorschlag aus der Wirtschaft, angesichts eines beispiellosen Rekordkrankenstandes zum Karenztag zurückzukehren: Allein die Idee, jemandem könne irgendetwas weggenommen werden, um Gesundheitswesen und Wirtschaft zu stabilisieren, schürt kollektive Wut und Abwehr. Aber wer bitte kennt keine Fälle von Missbrauch?
Am Krassesten verweigert sich die SPD der Zukunft. Sozialstaat, Pflege- und Rentensystem sind ja schon jetzt in Schieflage. Und ohne Reformen (also Abstriche) wird es immer schlimmer. Und wie lautet das zentrale Wahlkampf-Motto von Kanzler Olaf Scholz? „Mehr für Dich. Besser für Deutschland.“ Ob das Wählertäuschung ist oder Naivität, möge der Wähler entscheiden.
Auch Friedrich Merz von der Union macht sich einen schlanken Fuß. Ein höheres Renteneintrittsalter, um auf die steigende Lebenserwartung zu reagieren? Aus dem Programm geflogen. Eine Reform der Vermögensbesteuerung, um für eine gerechtere Lastenverteilung zu sorgen? Das will Markus Söder nicht. Stattdessen tut Merz so, als könnten Sanktionen für Bürgergeldbezieher und ein Stopp der Zuwanderung Deutschlands Zukunft sichern: Stammtisch statt Wirtschaftskompetenz.
Möge der Blick in den Altersbericht doch noch dazu beitragen, dass Politik und Gesellschaft aufwachen. Sonst bleibt zu fürchten, dass es nach der Bundestagswahl nicht wieder bergauf geht, sondern immer weiter bergab.