Hannover Lieferengpässe: 1000 Medikamente sind aktuell nicht verfügbar
Der Mangel ist so drastisch wie zu Coronazeiten: Allein 460 verschreibungspflichtige Arzneimittel sind aktuell nicht lieferbar. Patienten müssen auf Ersatzmittel zurückgreifen. Die Versorgung ist trotz des Engpasses gewährleistet, versichert das niedersächsische Gesundheitsministerium.
Niedersachsens Apotheker schlagen Alarm: Die Zahl der aktuell nicht lieferbaren Arzneimittel liegt aktuell bei rund 1000 Produkten, sagt Dr. Mathias Grau, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Landesapothekerverbandes (LAV). Darunter seien allein 460 verschreibungspflichtige Arzneimittel. Damit seien die Lieferengpässe ebenso groß wie im Corona-Jahr 2022, so der promovierte Pharmazeut aus Horneburg (Landkreis Stade). Damals waren es 520 verschreibungspflichtige Arzneimittel.
Einen Versorgungsmangel gibt es aber unter anderem bei Asthmasprays, sogenannten natriumperchlorathaltigen Arzneimitteln Schilddrüsen-Präparaten, nirsevimabhaltigen Arzneimitteln zur RSV-Prophylaxe sowie Kochsalzlösungen. Dies räumte das niedersächsische Gesundheitsministerium in Hannover auf eine „Kleine Anfrage“ des Landtagsabgeordneten Jozef Rakicky (Werte-Union) ein. Der Politiker wies darauf hin, dass gerade für Kinder Medikamente zur Milderung der Symptome einer Erkrankung mit RS-Viren wichtig seien.
Ein Versorgungsmangel besteht aktuell auch bei fosfomycinhaltigen Arzneimitteln (Antibiotikum) zur Herstellung einer Infusionslösung, so ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. Das Ministerium wolle dazu in Kürze eine Allgemeinverfügung veröffentlichen.
Laut Datenbank des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gibt es aktuell keine Lieferengpässe mehr für isotonische Kochsalzlösungen, die beispielsweise bei Operationen benötigt werden. Niedersachsen hatte im Herbst per Allgemeinverfügung gestattet, dass im Ausland zugelassene Kochsalzlösungen hierzulande in Umlauf gebracht werden dürfen.
LAV-Vizevorsitzender Grau führt die Engpässe unter anderem auf die Störung der Lieferketten nach Asien, aber auch auf exklusive Verträge der Krankenkassen mit einigen Arzneimittel-Herstellern zurück. „Wenn eine Charge ausfällt, gibt es oft nicht genügend Mitbewerber, die das kompensieren können.
Ministeriumssprecher Felix Thiel mahnt, die Begriffe „Lieferengpass“ und „Versorgungsmangel“ voneinander abzugrenzen. Ein Lieferengpass sei eine über voraussichtlich zwei Wochen hinausgehende Unterbrechung einer Auslieferung im üblichen Umfang oder eine deutlich vermehrte Nachfrage, der nicht angemessen nachgekommen werden kann. „Oftmals können diese Lieferengpässe durch alternative Arzneimittel, die zur Versorgung der Patientinnen und Patienten zur Verfügung stehen, kompensiert werden“, so Thiel. Bei einem Versorgungsmangel sei ein Arzneimittel nicht nur nicht verfügbar, sondern es stehe auch kein vergleichbares Arzneimittel ersatzweise zur Verfügung.
Grau betont, dass in jedem Fall die Versorgung der Patienten gewährleistet sei. In oft zeitintensiver Arbeit würden die Apotheker Ersatzmittel besorgen. Ist kein Arzneimittel derselben Wirkstoffgruppe zu erhalten, würde gemeinsam mit dem Arzt in seltenen Fällen eine Therapieänderung besprochen. Das sei aber sehr selten. Der Pharmazeut bezifferte den Mehraufwand pro Betrieb auf 20 bis 60 Stunden. Diese zusätzliche Arbeit werde in keiner Weise honoriert.