Osnabrück  Wann Perfektionismus uns erfolgreich macht - Experten erklären den Nutzen des Wahns

Jörg Zittlau
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Von Jörg Zittlau
| 02.01.2025 14:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Eine neue Studie zeigt, unter welchen Umständen Perfektionismus zu Erfolg statt Stress führt. Foto: Unsplash/Scott Graham
Eine neue Studie zeigt, unter welchen Umständen Perfektionismus zu Erfolg statt Stress führt. Foto: Unsplash/Scott Graham
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Perfektionismus kann motivierend sein, birgt jedoch Gefahren für die mentale Gesundheit. Eine aktuelle Studie zeigt, wie soziale Medien den Druck auf junge Erwachsene verstärken und welche Rolle Versagensängste und Prokrastination dabei spielen.

Perfektionismus gilt als problematisch, weil er unglücklich und sogar krank machen kann. Dies hängt jedoch, laut einer Studie der Universität Kaiserlautern-Landau, unter anderem davon ab, ob sie von Versagensangst und Prokrastination begleitet wird.

Das Forschungsteam um Tanja Lischetzke und Christine Altstötter-Gleich hat für seine Untersuchung 183 angehende Lehrkräfte während des Referendariats ausgesucht. „Wir haben uns bewusst dafür entschieden, weil es sich um eine existenzielle Leistungssituation handelt“, erläutert Altstötter-Gleich. „Die berufliche Zukunft hängt davon ab, wie man in dem Referendariat abschneidet.“ Das wirke sich stärker auf die Leistungsbereitschaft aus als eine künstliche, im Labor geschaffene Situation.

Der Perfektionismus wie auch das Wohlbefinden wurde durch standardisierte Fragebögen ermittelt, die an mehreren Zeitpunkten während des neunmonatigen Versuchs verteilt wurden. Es zeigte sich, dass es den Perfektionisten durchaus gut ging, wenn sie hoffnungsvoll überzeugt waren, dass sich ihre Bemühungen auch auszahlen und von Erfolg gekrönt würden.

Wer hingegen hohe Ansprüche an sich selbst hatte und gleichzeitig eine starke Angst vor dem Versagen hatte, fühlte sich im Laufe des Referendariats zunehmend gestresst und unwohl.

Diese negativ gestimmten Perfektionisten neigten auch - und das umso stärker, je näher der Prüfungstermin rückte - besonders stark zur Prokrastination, also dazu, ihre Arbeiten aufzuschieben. Was naheliegend ist. Denn es motiviert eher zum Aussitzen als zum Handeln, wenn man dessen Erfolgschancen als gering einschätzt. Nur dass es eben auch den Prokrastinierenden im Laufe ihres Referendariats zunehmend schlechter ging.

Wer hingegen diszipliniert und ohne „Aufschieberitis“ für die Prüfung arbeitete, konnte getrost hohe Ansprüche an sich selbst haben - er kam trotzdem weitgehend stressfrei und auf einem hohen Wohlfühl-Level durchs Referendariat.

Perfektionismus an sich ist also nicht das Problem. Wer glaubt, ihn erfüllen zu können, wird ihn wahrscheinlich unbeschadet überstehen. Wer jedoch befürchtet, seinen eigenen hohen Ansprüchen nicht gerecht werden zu können und sein Handeln deshalb - wegen drohender Erfolgslosigkeit - zurückfährt und prokrastiniert, wird unter seinem Perfektionismus leiden.

„Am Ende kann das zu Depressionen und Burnout führen, die dann behandelt werden müssen“, betont Altstötter-Gleich.

Und die Zeichen stehen darauf, dass da eine Menge Arbeit auf die Psychotherapeuten wartet. Denn das perfektionistische Denken nimmt zu, und zwar gerade in den jüngeren Altersgruppen bis 25 Jahren. So kommt eine Analyse an fast 42000 Studenten in Kanada, Großbritannien und den USA zu dem Schluss: Junge Erwachsene sind heute viel perfektionistischer, als es ihre Altersgenossen in den 1980er Jahren waren.

Am deutlichsten, nämlich um 33 Prozent, hat der soziale Perfektionismus zugenommen. Die Studierenden der letzten Jahrzehnte glauben demnach immer stärker, dass ihre Umwelt überhöhte Erwartungen an sie stellt. Auch fühlen sie sich zunehmend brutaler und strenger von ihrem Umfeld beurteilt.

Das sei ein beunruhigender Trend, warnt Studienleiter Thomas Curran von der University of Bath Hill. Denn sozialer Perfektionismus bewirke Entfremdung: „Der Einzelne fühlt sich unverstanden und von anderen isoliert. Das macht ihn anfälliger für psychische Probleme wie Depressionen und Suizidgedanken.“

Als eine mögliche Ursache für den starken Trend zum Perfektionismus sieht Altstötter-Gleich die sozialen Medien. „Wir leben zwar schon länger in einer Leistungsgesellschaft“, so die Psychologin. „Aber ihre Standards werden jetzt durch die sozialen Medien offensiver angewendet.“ Man werde fortwährend begutachtet und per Like- oder Dislike-Clicks bewertet, und das auch mit einer zunehmenden Gnadenlosigkeit.

Nichtsdestoweniger bringt es nichts, sich als Digital-Asket von den sozialen Medien loszusagen. „Denn das Vermeiden hilft nicht“, erläutert Altstötter-Gleich. „Ich heile ja meine Angst vor Hunden auch nicht, indem ich ihnen kategorisch aus dem Weg gehe.“ Es gehe vielmehr darum, den Umgang mit den sozialen Medien zu schulen. „Denn es ist ja prinzipiell keine Katastrophe, wenn etwa die Zahl der Follower wegbricht - und diese Einschätzung kann man lernen“, so die Psychologin.

Was stattdessen gegen den grassierenden Perfektionismus hilft: eine veränderte Fehlerkultur. „Wir sollten wieder lernen, dass man aus Fehlern lernen darf“, rät Altstötter-Gleich. Dies werde in der therapeutischen Praxis, also in der Behandlung psychisch erkrankter Perfektionisten bereits so gehandhabt. „Aber wir sollten auch insgesamt in unserer Gesellschaft wieder dahinkommen, dass mit einem Fehler nicht unsere gesamte Persönlichkeit, sondern nur ein bestimmtes Verhalten gemeint ist.“

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