Kolumne „Alles Kultur“  Warum Böllern – oder besser, warum nicht?

Annie Heger
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Eine Kolumne von Annie Heger
| 30.12.2024 07:31 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Annie Heger
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Freiheit endet da, wo andere darunter leiden, findet unsere Kolumnisten. Beim Feuerwerk fängt für Sie das Leiden relativ früh an.

Ich hörte am Wochenende erneut von der Tante einer Freundin in Ostfriesland, die seit dem vergangenen Jahr ihren Herrnhuter Stern vor Totensonntag aufhängt – und zwar, weil ich hier in einer Montagskolumne gesagt habe, dass das okay sei. Meine Kolumne wird also nicht nur gelesen, sondern ernst genommen. Menschen ziehen daraus Konsequenzen. Das freut mich, macht mir aber auch bewusst: Worte haben Macht und ich damit Verantwortung. Morgen ist Silvester. Zeit für eine explosive Frage: Warum böllern?

„Weil’s einfach dazugehört, und zwar schon immer. Das gehört zu unserer Kultur.“ Klingt mächtig – doch privates Böllern, wie wir es kennen, gibt es erst seit etwa 70 Jahren. Davor wurde zwar auch Lärm gemacht, um Geister zu vertreiben, das private Böllern ist aber eher eine Tradition „light“. Und dazu kam es ursprünglich aus China.

Zur Person

Annie Heger (41), geboren in Aurich und heute hauptsächlich in Hamburg lebend, singt, ist Schauspielerin und moderiert Shows, Festivals, Varietés und Galas. Außerdem ist sie Plattdeutsch-Aktivistin.

„Freiheit!“ rufen viele. Klar, wir leben in einem Land, wo man selbst entscheiden kann, ob man sich für einen kurzen Kick und ein paar „Ohs!“ und „Ahs!“ Böller und Raketen für Hunderte von Euro kauft oder doch lieber einen Duden, dem Kind eine Puppe oder der Nachbarin ein Lächeln schenkt, weil sie es gerade nicht kann und für den Rest was wirklich Gutes tut. Es liest sich abgedroschen, doch Freiheit endet dort, wo andere leiden: Menschen mit Asthma, ohne Asthma, Haustiere, überlastete Notaufnahmen, die Umwelt, Kriegstraumatisierte – die Liste ist lang.

„Die Heger will uns doch nur den Spaß verderben!“ – nein, ich will den Spaß zurück, und zwar für alle. Einen, der länger nachhallt als jeder Raketenknall.

Aber was könnte eine neue Tradition sein? Eine, die verbindet, statt zu belasten, mit weniger explodierten Daumen und kleinerem Müllberg. Vielleicht gehen wir alle raus auf die Straße oder öffnen unsere Fenster und singen um Mitternacht so laut wir können. Ganze Dörfer, ganze Städte voll von Gesang. So wie der Jubelchor nach Deutschlands WM-Sieg 2014 in Rio. Klingt kitschig? Ja. Doch mein ganzer Körper kribbelt bei der Vorstellung. Denken Sie doch mal darüber nach: Warum böllern? Oder noch besser: warum nicht. – Frohes Neues!

Kontakt: kolumne@zgo.de

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