Wertschöpfung in Ostfriesland  Hohe Produktivität – im Kreis Leer wären höhere Löhne möglich

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 30.12.2024 18:27 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Bauarbeiter bauen bei Sonnenaufgang an einem Wohnhaus. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Bauarbeiter bauen bei Sonnenaufgang an einem Wohnhaus. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
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Das Lohn-Niveau im Kreis Leer könnte deutlich höher sein, als es ist. Denn die wirtschaftliche Produktivität ist dort – anders als in den anderen ostfriesischen Kreisen – relativ hoch. Ein Analyse.

Ostfriesland - Ostfriesland ist eine Niedriglohn-Region. In den Landkreisen Aurich, Leer und Wittmund liegen die mittleren Arbeitseinkommen (Medianentgelte) pro Monat sogar tiefer als in ostdeutschen Bundesländern, wie aus Statistiken der Bundesarbeitsagentur hervorgeht. Warum? Ist die Produktivität im Nordwesten derart schlecht?

Mittlere Monatseinkommen im Jahr 2023. Quelle: Bundesarbeitsagentur
Mittlere Monatseinkommen im Jahr 2023. Quelle: Bundesarbeitsagentur

„Je mehr Wertschöpfung pro Arbeitsstunde erwirtschaftet wird, desto mehr kann auch an Löhnen verteilt werden“, schreibt das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung auf Anfrage unserer Zeitung. Als Maßstab für die Produktivität nennt es das „Bruttoinlandsprodukt pro Arbeitsstunde“.

Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung für Ostfriesland

„Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist die wichtigste Größe der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung“, erklärt des Statistische Bundesamt. „Das BIP zeigt an, wie viel in einem Land in einem bestimmten Zeitraum wirtschaftlich geleistet wurde.“ Es enthält die Bruttowertschöpfung – zuzüglich Gütersteuern und abzüglich Gütersubventionen.

Das Bruttoinlandsprodukt 2023 – der Maßstab für wirtschaftliche Leistung in Deutschland. Quelle/Grafik: Statistisches Bundesamt
Das Bruttoinlandsprodukt 2023 – der Maßstab für wirtschaftliche Leistung in Deutschland. Quelle/Grafik: Statistisches Bundesamt

Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung der Statistik-Ämter des Bundes und der Länder für das Jahr 2022 ist die aktuellste, was Daten bezüglich der Landkreise und der Kreisfreien Städte anbelangt (Stand: Dezember 2024). Vergleicht man dort das BIP je Arbeitsstunde der Erwerbstätigen in den 400 Kreisen und Städten, dann rangieren die Landkreise Wittmund (54,11 Euro, Platz 293) und Aurich (52,41 Euro, Platz 332) relativ weit unten.

Das Bruttoinlandsprodukt als Maßstab wirtschaftlicher Leistung

Zur Einordnung: Landesweit liegt der Wert bei 60,98 Euro, bundesweit bei 63,13 Euro. Das niedrigste BIP pro Erwerbstätigen-Stunde liegt bei 41,46 Euro (Hildburghausen) und das höchste bei 116,05 Euro (Ingolstadt). Die Stadt Emden hat es mit 64,52 Euro auf Rang 75 geschafft, der Landkreis Leer mit 61,18 Euro auf Rang 116. Auf dieser Grundlage ist die Produktivität in Emden als überdurchschnittlich hoch zu bewerten, aber auch der Kreis Leer schneidet relativ gut ab.

Bezüglich Emden ist das wenig überraschend, weil dort ein VW-Werk steht, das vielen Arbeitnehmern aus dem Umland einen Job beschert und das Lohn-Niveau in der Kreisfreien Stadt deutlich über das der umliegenden Landkreise hebt. Insoweit trifft der Zusammenhang zu, den die Hans-Böckler-Stiftung geschildert hat: Je höher die Wertschöpfung, desto höher die Löhne.

Höhere Produktivität gleich höhere Löhne – da gibt es Unterschiede

Mit Blick auf die Medianentgelte 2022, welche die Bundesarbeitsagentur ermittelt hat, passt das auch zu den Ergebnissen der Landkreise Wittmund und Aurich: Die Produktivität ist relativ niedrig, die Arbeitseinkommen ebenfalls. Auf den Landkreis Leer bezogen, geht diese Gleichung hingegen nicht auf: Das Monatsmedianentgelt von 3134 Euro (Platz 325 im Deutschland-Ranking) ist 45 Euro unter dem des Landkreises Aurich (Platz 317), das BIP pro Erwerbstätigen-Stunde von 61,18 Euro (Platz 116 im Deutschland-Ranking) aber gut 7 Euro höher als im Kreis Aurich (Platz 332).

Wertschöpfung und mittlere Monatseinkommen im Jahr 2022. Quellen: Statistik-Ämter des Bundes und der Länder, Bundesarbeitsagentur
Wertschöpfung und mittlere Monatseinkommen im Jahr 2022. Quellen: Statistik-Ämter des Bundes und der Länder, Bundesarbeitsagentur

Während die Bundesarbeitsagentur das Medianentgelt der sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten (ohne Auszubildende) nur als Monatswert veröffentlicht, geben die Statistik-Ämter die Bruttolöhne und -gehälter auch je Arbeitsstunde der Arbeitnehmer an. Damit lässt sich das Bruttoinlandsprodukt der Erwerbstätigen (Arbeitnehmer und Selbstständige) mit dem Bruttoarbeitseinkommen der Arbeitnehmer (ohne Selbstständige) vergleichen – pro Arbeitsstunde.

Arbeitseinkommen im Verhältnis zur Wertschöpfung – pro Arbeitsstunde

Der Bruttolohn beziehungsweise das Bruttogehalt im Landkreis Leer lag im Mittel des Jahres 2022 bei 24,18 Euro pro Arbeitnehmer-Stunde – das BIP pro Erwerbstätigen-Stunde bei 61,18 Euro. Daraus resultiert die Frage: Wer kassiert die Differenz von 37 Euro?

Ein Teil fließt als Arbeitgeber-Anteil in die Sozialversicherungen. Es macht daher Sinn, das Arbeitnehmerentgelt (enthält die Arbeitgeberbeiträge) mit dem Bruttoinlandsprodukt zu vergleichen – wiederum je Arbeitsstunde. Für den Kreis Leer ergibt das eine Differenz von 31,66 Euro. Diese Zahlen erwecken den Eindruck, als würde nicht einmal die Hälfte der Werte, welche die Arbeitnehmer erarbeiten, in ihrer Lohntüte landen.

Nicht nur Menschen erarbeiten Werte, sondern auch Maschinen

Löhne und Gehälter gehören zur „Verteilungsseite des Bruttoinlandsprodukts“, wie das Bundeswirtschaftsministerium auf eine Presseanfrage hin erklärt – genauso wie die „Unternehmens- und Vermögenseinkommen“ sowie „Abschreibungen auf das Anlagevermögen“. Was steckt hinter den Abschreibungen auf Anlagevermögen?

In der industriellen Produktion wie bei VW in Emden beispielsweise schaffen auch Roboter Werte. Das BIP wird also nicht nur mit Arbeitnehmer-Stunden und Selbstständigen-Stunden, sondern auch mit Maschinen-Stunden erwirtschaftet.

Bezüglich Unternehmens- und Vermögenseinkommen fehlen Daten

Nach Auskunft des Bundeswirtschaftsministeriums ist „zu beachten, dass eine eigenständige, komplette Berechnung des BIP über die Verteilungsseite – das heißt ausgehend von den verschiedenen Einkommensarten – für Gesamtdeutschland seitens der amtlichen Statistik nicht durchgeführt wird, weil über den Betriebsüberschuss beziehungsweise die Unternehmens- und Vermögenseinkommen nur lückenhafte statistische Basisdaten vorliegen.“

Diese Größen würden daher als Saldengrößen aus dem gesamtwirtschaftlichen Kreislauf abgeleitet, erläutert das Ministerium. „Auf Ebene der Landkreise sind diese Daten daher noch weniger verfügbar.“ Demnach lässt sich aus den vorhandenen Statistiken nicht herauslesen, jedenfalls nicht präzise, wie gerecht die pro Stunde geschaffenen Werte auf Arbeitnehmer und Arbeitgeber verteilt werden.

Verteilung der erwirtschafteten Werte – eine Frage der Fairness

„Darüber, wie fair eine Bezahlung ist, sagt der Anteil des Arbeitnehmerentgelts am BIP wenig aus“, schreibt das Institut der deutschen Wirtschaft Köln auf Anfrage. „Ist die Fertigung beispielsweise sehr kapitalintensiv (beispielsweise bei weitgehend automatisierter Produktion) sind auch die Abschreibungen hoch und der Anteil des Arbeitnehmerentgelts relativ klein. Außerdem können auch die Arbeitnehmer beispielsweise Aktien halten (also Vermögenseinkommen erzielen) und umgekehrt ist das (fiktive) Gehalt der Selbstständigen Teil des Unternehmenseinkommens.“

Aussagekräftiger als die Relation der Arbeitnehmerentgelte zum BIP ist nach Bewertung des Statistischen Bundesamts der „Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen, also die Lohnquote“. Was die Lohnquote betrifft, gibt es aber offenbar keine Daten auf Ebene der Landkreise und Kreisfreien Städte. Mit Blick auf die Regionen bleibt es folglich dabei: Es lässt sich aus den bisher gesammelten Daten nicht herauslesen, jedenfalls nicht exakt, wie fair die pro Stunde geschaffenen Werte auf Arbeitnehmer und Arbeitgeber verteilt werden.

Wertschöpfung pro Stunde um 67,20 Euro höher als Arbeitnehmerentgelte

Fakt ist aber, dass die Unternehmens- beziehungsweise Unternehmergewinne in der Differenz zwischen den Arbeitnehmer-Löhnen und dem Bruttoinlandsprodukt stecken. So lautet das Fazit des Statistischen Bundesamts auf die Anfrage unserer Redaktion: „Die von Ihnen betrachtete Relation der Arbeitnehmerentgelte am BIP (beziehungsweise am Volkseinkommen) kann durchaus Aussagen zur Verteilung der Einkommen aus Produktionstätigkeit erlauben, muss jedoch mit Vorsicht interpretiert werden.“

Zieht man vom Bruttoinlandsprodukt je Arbeitsstunde der Erwerbstätigen das Arbeitnehmerentgelt je Arbeitsstunde ab, dann reicht die Differenz von 12,74 Euro in Bremerhaven bis 67,20 Euro in Mainz – während es auf Bundesebene 26 Euro sind und auf Niedersachsen-Ebene 26,70 Euro.

Die Wertschöpfung (Bruttoinlandsprodukt), die Bruttolöhne und das Arbeitnehmerentgelt auf die Arbeitsstunde heruntergerechnet – und wie weit sie auseinanderliegen. Quelle: Statistik-Ämter des Bundes und der Länder

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Die Unterschiede zwischen Wertschöpfung und Entlohnung pro Stunde

Gibt es in Mainz so viele oder so teure Maschinen und andere Anlagen, dass die Abschreibungen derart viel höher ausfallen als in Bremerhaven – oder waren in Mainz die Unternehmensgewinne so viel höher? In Mainz sitzt Biontech, ein Produzent von Corona-Impfstoff. Die Zahlen stammen aus der der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung des Pandemie-Jahres 2022.

Als Beispiel für ein Gebiet, in dem Wertschöpfung und Arbeitnehmereinkommen besonders weit auseinanderliegen, sei der brandenburgische Landkreis Spree-Neiße genannt: Dort wird ein BIP von 90,09 Euro pro Erwerbstätigen-Stunde erzielt (Platz 7 von 400), aber der Bruttolohn pro Arbeitnehmer-Stunde beträgt nur 25,40 Euro (Platz 327). Derweil befindet sich Bremerhaven mit einem Bruttolohn von 30,19 Euro pro Stunde auf Rang 103, mit einem BIP von 50,16 Euro pro Erwerbstätigen-Stunde aber auf Rang 366.

Ostfriesische Verhältnisse – auffällige Abweichung im Landkreis Leer

Im Landkreis Aurich stellt sich das Verhältnis vergleichsweise ausgeglichen dar: Platz 333 beim BIP und Platz 384 beim Bruttolohn. Im Landkreis Wittmund sind es die Plätze 293 (BIP) und 396 (Bruttolohn). Nur in vier Kreisen ist das Bruttolohn-Niveau also niedriger – im Kreis Cloppenburg und in drei ostdeutschen Landkreisen.

In Emden sind es Platz 75 beim BIP und 112 beim Bruttolohn. Am weitesten auseinander in Ostfriesland sind das BIP pro Erwerbstätigen-Stunde und der Arbeitnehmer-Bruttostundenlohn im Kreis Leer: Platz 116 und Platz 380. Das sind – je Arbeitsstunde der Erwerbstätigen beziehungsweise der Arbeitnehmer gerechnet – die eingangs erwähnten 37 Euro Unterschied.

Die Schlussfolgerung: Im Kreis Leer könnten höhere Löhne bezahlt werden

Der Arbeitnehmer-Bruttolohn pro Stunde liegt in den ostfriesischen Landkreisen nur ein paar Cent auseinander: 24,18 Euro sind es im Kreis Leer, 23,60 Euro im Kreis Wittmund und 24,05 Euro im Kreis Aurich. Prozentual groß sind dahingegen die Unterschiede beim BIP pro Erwerbstätigenstunde: 52,41 Euro im Kreis Aurich, 54,11 Euro im Kreis Wittmund und 51,18 Euro im Kreis Leer.

Es drängt sich die Frage auf: Ist der Anteil der maschinellen Produktion im Landkreis Leer soviel höher als in den anderen ostfriesischen Landkreisen oder greifen dort (manche) Unternehmen soviel mehr von der Wertschöpfung ab? Die vorliegenden Statistiken geben darauf keine Antwort.

Im Sinne einer vorsichtigen Interpretation, die das Statistische Bundesamt angemahnt hat, lässt sich folgender Schluss aus den amtlichen Daten ziehen: Im Landkreis Leer gibt es Arbeitgeber, die ihre Belegschaft besser bezahlen könnten, als sie es tun.

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