Schleswig-Holstein Psychologe: Wie wir es schaffen, zuversichtlicher zu werden
Psychologe Lukas Entezami erklärt, warum wir Deutschen besonders negativ sind, wie uns das Schwarzmalen schadet und welche Gründe es für Zuversicht gibt.
Der Psychologe Lukas Entezami ist Coach und Berater für positive Psychologie in Berlin. Im Interview sagt er: „Wir nehmen die Welt schlechter wahr, als sie ist.“ Denn es gibt viele Gründe für Optimismus.
Frage: Herr Entezami, worüber haben Sie sich heute schon gefreut?
Antwort: Ich habe heute Morgen das Fenster aufgemacht – ich bin gerade in der Uckermark – und mich über die frische Landluft und die Geräusche gefreut: die Vögel, ein Traktor…
Frage: Sind Sie ein positiver Mensch?
Antwort: Ich würde sagen, mittlerweile ja.
Frage: Das heißt, es war nicht immer so?
Antwort: Es gibt natürliche Optimisten, die so auf die Welt kommen und die Grundeinstellung haben, dass alles gut wird. Dazu gehöre ich nicht. Nicht weil ich super pessimistisch bin, aber weil ich schon genau abwäge und schaue, was passieren oder schiefgehen könnte. Aber ich habe es mir angeeignet, zuversichtlicher durch die Welt zu gehen und mehr auf das Schöne zu achten.
Frage: Welche Gründe gibt es denn heutzutage für Optimismus?
Antwort: Das ist eine gute Frage. Es kommt uns manchmal so vor, dass da nicht mehr viele Gründe sind. Ich glaube aber, es gibt eine Menge. Der Erste ist, dass es sich lohnt, zuversichtlich zu bleiben, weil uns das dazu befähigt, etwas zu tun und zu verändern. Ein weiterer Grund ist, dass wir die Welt manchmal schlechter wahrnehmen, als sie ist. Ich möchte nicht kleinreden, dass wir riesige Herausforderungen haben, globale Kriege, die Klimakatastrophe. Aber in vielen Faktoren verbessern wir uns als Welt seit Jahren, etwa beim prozentualen Anteil von Armut, Analphabetismus, Kindergesundheit und Kindersterblichkeit. Wir haben viele Errungenschaften, die wir gar nicht wahrnehmen, weil wir so ein Narrativ haben von: Es geht alles den Bach runter.
Frage: Wie kommt diese negative Sicht auf die Welt?
Antwort: Der wichtigste Grund dafür ist der „negativity Bias“, so lautet der Fachausdruck in der Forschung dafür, dass wir dazu neigen, negativen Nachrichten mehr Gewicht zu geben als positiven. Und dann spielen auch die Medien eine Rolle, die vor allem erzählen, was schlecht läuft.
Frage: Sie haben gerade gesagt, was global gut läuft. Auch wenn man nach Deutschland guckt, geht es uns ja grundsätzlich nicht schlecht: Wir leben in Wohlstand und Frieden, haben eine gute Gesundheitsvorsorge, Meinungsfreiheit, Demokratie… Trotzdem hat man das Gefühl, dass für viele Menschen alles schlecht ist. Wieso?
Antwort: Den Eindruck kann ich auf Studien stützen, die zeigen, dass der negativity bias in Deutschland besonders stark ausgeprägt ist. Wir haben also eine noch größere Tendenz als in anderen Ländern, auf das zu schauen, was nicht läuft. Wir empören uns, regen uns auf und bestätigen uns immer wieder darin, wie schlecht alles ist.
Frage: Wie erklären Sie sich das?
Antwort: Ich glaube, es hat viel mit unserer Kultur zu tun. Wir sind generell etwas vorsichtiger, umsichtiger, vorausschauender. Ein großer Fokus liegt auf Genauigkeit, Korrektheit und möglichen Risiken. Vielleicht ist es auch durch unsere Geschichte bedingt, dass wir vorsichtiger geworden sind. Wenn man es durch die positiv psychologische Brille sieht, kann man sagen: Wir können kritisch denken und gut Urteile fällen. Vielleicht nutzen wir das aber manchmal zu viel. Wir pauschalisieren und vergessen dabei die Dinge, die gut laufen.
Frage: Was macht dieses Schwarzmalen mit uns?
Antwort: Häufig gibt es erst mal ein Gefühl von Gemeinsamkeit: Wir haben das Schlechte erkannt. Das kann kurzfristig Erleichterung bringen. Aber vor allen Dingen löst es negative Gefühle aus: Ängste und Sorgen, Grübeln und Gedankenspiralen. Und es führt zu dem Verlust von Hoffnung und guten Gefühlen wie Dankbarkeit. Häufig sind negative Gefühle dann auch eine Weile da und ziehen weitere negative Gefühle nach sich. Was wir wissen: Negative Gefühle verengen unser Blickfeld und unser Denken. Wir laufen wie mit Scheuklappen rum und fokussieren uns vor allem auf das, was nicht gut läuft. Unter dem Einfluss positiver Gefühle bekommen wir dagegen weite Sichtweisen. Wir nehmen mehr wahr und denken breiter.
Frage: Das heißt, wir sind dann offener?
Antwort: Genau. Durch positive Emotionen wie Dankbarkeit, Freude, Interesse oder Gelassenheit werden unser Blick und unser Denken weiter, wir probieren neue Verhaltensweisen aus, haben andere Perspektiven, stärken unsere Beziehungen, entdecken unsere Fähigkeiten. Das führt zu mehr Ressourcen und diese führen wiederum zu guten Emotionen, so dass eine Aufwärtsspirale entsteht.
Frage: Wie bekommt man es denn hin, sich von dem Negativdenken nicht anstecken zu lassen?
Antwort: Der erste Schritt, um dem entgegenzuwirken, ist, kritisch zu prüfen: Ist das so wahr? Ist es wirklich so schlecht? Ich bin ein Fan von Differenziertheit. Wenn man alles positiv sieht, ist das auch nicht ausgewogen. Man sollte sagen: Das ist gut, das wissen wir aus der Forschung. Und hier gibt es Probleme. So eignet man sich mit der Zeit neue Gewohnheiten, Rituale und Denkweisen an und kommt aus einer pessimistischen Sichtweise raus. Wichtig ist auch, dass man Menschen hat, die einen dabei unterstützen. Denn es ist schwer, sich zu verändern, wenn sich das Umfeld nicht ändert.
Frage: Letzte Frage: Worauf freuen Sie sich heute noch?
Antwort: Ich freue mich darauf, heute noch joggen zu gehen und mit meiner Partnerin zu Abend zu essen.