Berlin  „Nord bei Nordwest“: Der reale „Mehmet“ ist ein erfolgreicher Unternehmer

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 27.12.2024 17:49 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Als Mehmet stolpert Cem-Ali Gültekin in „Nord bei Nordwest“ in immer neue Berufe - sogar in den des Polizisten. In der Realität ist er ein zielstrebiger Unternehmer. Foto: ARD/Gordon Timpen, SMPSP
Als Mehmet stolpert Cem-Ali Gültekin in „Nord bei Nordwest“ in immer neue Berufe - sogar in den des Polizisten. In der Realität ist er ein zielstrebiger Unternehmer. Foto: ARD/Gordon Timpen, SMPSP
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Was macht Cem-Ali Gültekin, wenn er nicht „Nord bei Nordwest“ und „Mord mit Aussicht“ dreht? Wir haben den Schauspieler und Comedy-Schulleiter auf einer seiner Kabarett-Bustouren begleitet.

„Hallo, herzlich willkommen! Schön, dass ihr da seid!“ Bei seinen Comedy-Stadtrundfahrten begrüßt Cem-Ali Gültekin das Publikum an der Bustür persönlich. Je eher er einen Eindruck von seinen Gästen kriegt, desto besser. In den kommenden zwei Stunden wird er uns alle nämlich – ein bisschen informativ, aber vor allem humorig – über die Berliner Museumsinsel kutschieren.

Die Stimmung im Reisebus erinnert schon beim Start an einen Junggesellenabschied. Und wenn Gültekin die Leute dann in seine nicht immer jugendfreien Witze einbezieht, braucht er ein Gespür dafür, wer auf den Tonfall einsteigt und wer eher nicht.

Auf den Comedy-Touren durch Berlin, Hamburg oder Dresden kann man einem Künstler nahekommen, den die meisten nur aus dem TV-Krimi kennen: In der ARD-Reihe „Nord bei Nordwest“ spielt Gültekin als Mehmet Ösker eine echte Kultfigur. Auch in „Mord mit Aussicht“ gehört der 43-Jährige zur Stammbesetzung – hier als Mehmet Özdenizmen. Kaum zu glauben, dass er da noch Zeit für so viele weitere Projekte findet.

Denn Gültekin hat nicht nur seine Comedy-Touren zum deutschlandweiten Entertainment-Unternehmen ausgebaut. In Hamburg leitet er auch noch eine Schauspielschule für angehende Komiker. Wie schafft er das alles? Um das rauszufinden, haben wir den Schauspieler nach der Bustour auf ein Katerfrühstück getroffen, in einem kleinen Café direkt gegenüber vom Berliner Friedrichstadtpalast.

Frage: Herr Gültekin, Sie machen in ganz Deutschland Comedy-Bustouren. Lachen die Leute in Sachsen anders als in Norddeutschland?

Antwort: Vom Humor her sind wir alle ziemlich gleich. Die Gags, die in Berlin funktionieren, kommen in Dresden genauso gut an. und trotzdem gibt‘s natürlich Unterschiede. In Köln zum Beispiel sind die Touren eine reine Party. Vielleicht liegt es am Gedanken des Karnevals. In Hamburg macht es auch total viel Spaß, schon weil es meine Heimatstadt ist. Aber die Leute sind ein bisschen gesetzter.

Frage: In Hamburg haben Sie auch Ihre Comedy-Schule gegründet. Funktioniert das wie eine Schauspielschule: Vier Jahre lang ganztägig Unterricht und dann ist man lustig?

Antwort: Das wäre toll, aber der Sprung, sich vier Jahre lang zu verpflichten ist für die Comedy-Szene viel zu groß. Wir sind die ersten, die eine fundierte Ausbildung anbieten. Normalerweise starten Comedians, indem sie einfach mit irgendeinem persönlichen Text auf die Bühne gehen. Erst machen sie drei Minuten, dann 20 Minuten und irgendwann ganze Shows. Der Gedanke, zwei oder drei Jahre die Schulbank zu drücken, ist da zu weit weg. Bei uns dauert die Ausbildung sechs Monate mit 20 Wochenstunden. Sie richtet sich nicht nur an angehende Comedians, sondern auch an Menschen, die sich weiterentwickeln wollen. Manche sind schon 20 Jahre im Beruf und wollen sich endlich auf die Bühne trauen. Es kommen aber auch Leute, die in ihrem Beruf sicherer auftreten wollen, Versicherungsvertreter, Lehrer, Menschen, die vor anderen sprechen müssen.

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Frage: Was mussten Sie selbst in Ihrer Zeit als Comedy-Debütant lernen?

Antwort: Wann immer bei mir etwas schieflief, war es mangelnde Vorbereitung. Ich wurde am Anfang meiner Karriere zum Beispiel für Moderationen gebucht. Da habe ich gesagt: Klar, kein Problem – ich bin ja lustig. Und dann wollte ich improvisieren. Aber um in der Improvisation frei zu sein, muss du wissen, was du tust. Das Publikum verzeiht dir sehr viel, aber wenn du nicht vorbereitet bist, hast du keine Chance. Sowas passiert mir heute natürlich nicht mehr.

Frage: Schauspieler und Comedians haben unterschiedliche Aufgaben: Im Theater spricht man normalerweise nicht ins Publikum, als Comedian bleibt man bei einem meist kleineren Set an Figuren. Warum braucht der Komiker trotzdem klassische Schauspieltechniken?

Antwort: Auf Schauspielschulen lernt man mit fremden Texten zu arbeiten, den Körper und die Stimme als Werkzeug zu verstehen. Als Comedian erzähle ich persönliche Geschichten, aber in einer überhöhten Form. Das ist ebenfalls eine Figur, die ich spiele, auch wenn sie mir sehr nahesteht. Schauspieltechniken helfen dabei, Gedanken, Haltung und das Timing zu perfektionieren. Ein technisch gut geschriebener Gag zündet nicht, wenn die Haltung des Comedians nicht stimmt. Das Gesamtpaket muss stimmen.

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Frage: Die meisten Leute dürften Sie ohnehin als Schauspieler kennen, vor allem aus „Nord bei Nordwest“ und „Mord mit Aussicht“. In beiden Krimireihen spielen Sie einen Mehmet. Ist das in Wahrheit vielleicht sogar dieselbe Figur?

Antwort: Nein, Mehmet Ösker aus „Nord bei Nordwest“ ist ein Optimist, ein Träumer, der mit einer großen Naivität von einem Job in den nächsten stolpert. Seine Berufe wechseln ständig und jedes Mal glaubt er an den großen Durchbruch – das hat sich erst später zu einem Running Gag entwickelt, der mittlerweile von den Fans gefeiert wird. Auf Social Media gibt’s sogar Listen, wo die Fans neue Jobs für Mehmet vorschlagen. Mehmet Özdenizmen in „Mord mit Aussicht“ ist nicht so exzentrisch. Der hat auch seinen Charme, ist mehr ein Freund zum Anlehnen. Spaß machen mir aber beide Rollen, weil sie so viel positive Energie ausstrahlen.

Frage: Das Rollenfach des komischen Migranten hat eine lange Geschichte im deutschen Film, angefangen bei Rinaldo Talamonti, der im „Schulmädchen-Report“ den verrückten Italiener gespielt hat. Haben Sie sich früher über solche Südländerklischees geärgert?

Antwort: Als ich ein Teenager war, lief das nicht mehr im Fernsehen. Ich kann nur für meine eigenen Rollen sprechen. Und der Mehmet aus „Nord bei Nordwest“ wurde mit der Zeit immer lustiger, ursprünglich war der gar nicht so angelegt. Im ersten Drehbuch war das nur ein einfacher Handwerker. Der sollte Arbeitsklamotten tragen, mit seinem Pick-up den Schrott wegfahren und sich ab und an bei Frau Pufal ein Bier zapfen. Ob der einen türkischen Background hatte, wurde gar nicht thematisiert. Er sollte auch gar nicht gebrochen Deutsch sprechen. Das hat sich alles nach und nach entwickelt. In der ersten Folge war zum Beispiel die Rede von einem angespülten Boot – und statt „gestrandet“ sollte Mehmet „geufert“ sagen. Dann habe ich angefangen, damit zu spielen und immer ein bisschen mehr zu machen. Bis jetzt hat es mir keiner weggenommen. Ist Mehmet ein Klischee? Ich glaube nicht. Wenn wir hier durch die Straßen gehen, würden wir ganz viele Mehmets treffen.

Frage: Bei der Goldenen Kamera war „Nord bei Nordwest“ mal in der Kategorie Heimatfilm nominiert, obwohl es ja zuallererst eine Krimireihe ist. Funktioniert es für Sie auch als Heimatfilm? Und wenn das norddeutsche Setting wirklich den Reiz ausmacht – wozu dann all die Leichen?

Antwort: Dass wir als Heimatfilm nominiert werden, haben wir uns natürlich nicht selbst ausgesucht. Aber klar: Als Hamburger bin ich am Wasser aufgewachsen und alles was mit Wasser und Deichen zu tun hat, ist für mich Heimat. Wenn wir auf Fehmarn drehen oder in Travemünde auf dem Priwall, fühle ich mich zu Hause. Dass wir so erfolgreich sind, hat ganz bestimmt auch damit zu tun: Wir vermitteln ein gutes norddeutsches Gefühl. Aber „Nord bei Nordwest“ ist und bleibt natürlich ein Krimi. Und Krimis leben nun mal davon, dass Leute auf eine nicht ganz so schöne Weise sterben.

Frage: Am Anfang Ihrer Karriere haben Sie auch Theater gespielt. Welches Haus müsste anfragen, damit Sie eine große tragische Rolle spielen?

Antwort: An Angeboten mangelt es gar nicht und auch nicht an Lust. Ich vermisse das Theater sehr. In den ersten Jahren habe ich ja noch keine Filme gedreht, sondern die Comedy-Tour aufgebaut und parallel Theater gespielt. Gerade diese klassischen Stücke liebe ich. So einen Schiller, einen Shakespeare zu spielen, das hat so viel Spaß gemacht, auch in der alten Sprache, das würde ich mir wieder wünschen. Es gab auch immer mal wieder Anfragen, aber ich habe einfach keine Zeit mehr, mich für drei, vier Monate an ein Haus zu binden. Ich drehe eine Serie und eine Krimireihe im Jahr und um die Comedy-Schule und meine Bustouren muss ich mich auch noch kümmern.

Frage: Das stimmt. Die wenigsten werden Sie wahrscheinlich so wahrnehmen, aber Sie sind ja nicht nur Künstler, sondern auch Unternehmer.

Antwort: Eben. Und das sehr gern. Zahlen waren schon immer mein Ding. Meine Firmen und das ganze Unternehmerische macht mir Spaß. Die Schule und die Comedy-Tour sind meine Babys. Und ich mache das alles ja nicht nur alleine. Bei den Bustouren gibt es ein Team von knapp 30 Künstlern, die jedes Wochenende in den verschiedenen Städten meine Comedy Programme spielen. In 17 Jahren haben wir über 10.000 Touren veranstaltet und bespielen im Jahr um die 50.000 Menschen.

Frage: Da fehlt mir eigentlich nur noch eine Zahl: Sind Sie schon Millionär?

Antwort: Kommt drauf an, wie man Millionär definiert. Ich habe nicht eine Million Cash auf meinem Konto liegen. Das würde ich aber auch niemandem raten, aufgrund der Inflation. Millionär im Herzen bin ich aber auf jeden Fall.

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