Bremen  Dreifache Mutter gibt weiter alles, um Landärztin zu werden

Lars Laue
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Von Lars Laue
| 23.12.2024 16:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Medizin-Studentin Annika Bölke sitzt mit ihrem vier Wochen jungen Sohn Theo zwischen Kinderküche und dem Modell eines Skeletts auf einem Hochstuhl und ist wild entschlossen, Ärztin zu werden. Foto: Lars Laue
Die Medizin-Studentin Annika Bölke sitzt mit ihrem vier Wochen jungen Sohn Theo zwischen Kinderküche und dem Modell eines Skeletts auf einem Hochstuhl und ist wild entschlossen, Ärztin zu werden. Foto: Lars Laue
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Annika Bölke studiert Medizin in Oldenburg. Mit ihren drei Kindern, ihren 35 Jahren und ihrem ursprünglichen Abschluss an einer Hauptschule ist sie keine gewöhnliche Studentin. Auch wenn der Spagat zwischen Familie und Studium manchmal „echt hart“ sei, denke sie nicht ans Aufgeben.

Mit einem Hauptschulabschluss Ärztin werden? Was im ersten Moment beinahe unmöglich erscheint, will Annika Bölke schaffen. Und die 35-Jährige ist auf dem besten Weg.

Nach einer schwierigen Kindheit, in der Schule „meist Nebensache“ gewesen sei, holt die gebürtige Bremerin ihr Abitur nach und bekommt über die Landarztquote in Niedersachsen (Infokasten) die Chance auf einen Medizin-Studienplatz.

„Zwischen Panik und Freude“ habe sie sich bewegt, als vor gut einem Jahr aus Oldenburg endlich die lang ersehnte Zusage fürs Medizin-Studium kam. Da war sie bereits zweifache Mutter, hatte als Pflegehelferin in einem Altenheim gearbeitet, sich zur Rettungssanitäterin fortgebildet und eine dreijährige Ausbildung zur Anästhesieschwester absolviert.

Mittlerweile steckt Annika Bölke im dritten Semester, hat alle bisherigen Prüfungen bestanden – und zwischenzeitlich ihr drittes Kind bekommen. Theo ist gerade einmal einen Monat alt, ihre beiden anderen Kinder sind zwei und vier. Wie sie das macht? „Manchmal weiß ich es auch nicht genau, es ist echt Hardcore“, gesteht Annika Bölke und spricht von Momenten, in denen sie immer mal wieder an ihre Grenzen gerate.

Die Prüfungen habe sie zwar alle bestanden, aber sie sei eben auch „keine Top-Studentin mit lauter Einsen“. Auch denke sie hin und wieder, ihren Kindern und ihrem Mann nicht gerecht werden zu können. Gehe es etwa zum Laterne laufen, könne sie nicht mit, weil sie sich stattdessen auf den menschlichen Stoffwechsel und den Bewegungsapparat konzentrieren und auf die nächste Prüfung vorbereiten müsse. „Das ist manchmal echt hart“, sagt sie, aber ans Aufhören denke sie „ganz sicher nicht“.

„Ich habe es bis ins Studium geschafft, jetzt ziehe ich das auch durch“, gibt die dreifache Mutter sich wild entschlossen, in einigen Jahren als Landärztin praktizieren zu können. Wenn alles glattläuft, ist sie im März 2029 mit dem Studium durch. Dann schließt sich ein Klinikjahr an, welches sie am liebsten in Twistringen (Kreis Diepholz) absolvieren möchte. Dort soll bis zum Jahr 2028 eine hochmoderne Zentralklinik mit 340 Betten entstehen.

Warum gerade Twistringen? „Weil das nur eine gute Viertelstunde entfernt von Schwaförden ist“, erklärt Annika Bölke. In der kleinen Gemeinde hatten sie und ihr Mann sich vor einigen Jahren ein günstiges Grundstück gesichert, auf dem sie demnächst bauen wollen. Das ist auch nötig, denn ihr jetziges Haus in Bremen-Nord ist mit seinen gerade einmal 89 Quadratmetern viel zu klein für die mittlerweile fünfköpfige Familie.

„Mein Traum ist es, später an unserem künftigen Wohnort als Hausärztin zu arbeiten“, sagt Annika Bölke. Ein Praktikum bei einem Hausarzt habe sie erst kürzlich wieder in ihrem Berufswunsch bestärkt: „Das ist genau das Richtige für mich.“

Bis dahin hat sie aber noch etliche Vorlesungen, Prüfungen und Praktika vor sich. Ihr Mann unterstütze sie derweil so gut es gehe. „Wenn ich zu Hause lernen muss, ist er mit den Kindern unterwegs. Wir haben Dauerkarten fürs Klimahaus in Bremerhaven und fürs Universum in Bremen“, verrät Bölke. Und wenn alle zu Hause seien, setze sie sich beim Lernen Schallschutz-Kopfhörer auf, denn Rückzugsmöglichkeiten gibt es in dem kleinen Haus in Bremen-Nord nicht.

Auch habe ihr Mann Daniel (32) seine Tätigkeit als Versicherungskaufmann endgültig an den Nagel gehängt und eine Ausbildung zum Rettungssanitäter absolviert. Sie habe ihm dabei ein wenig geholfen, sagt die angehende Ärztin Annika Bölke, profitiert nun aber auch von den neuen Arbeitszeiten ihres Mannes. „Er macht zweimal die Woche zwei 24-Stunden-Schichten und ist ansonsten zu Hause. Das hilft uns ungemein.“

Sonst wäre das Pensum wohl auch nicht zu schaffen und Aufgeben ist für eine ehrgeizige Frau wie Annika Bölke eben keine Option. „Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, ziehe ich es auch durch“, stellt sie entschlossen klar, freut sich nun aber erstmal auf ein paar ruhige Weihnachtstage mit ihren Lieben, bevor der Trubel nächstes Jahr weitergeht.

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