Osnabrück Was liest Du gerade? Ein literarischer Jahresrückblick zeigt, was uns umtreibt
Wer liest noch Bücher? Offenbar mehr Menschen, als die Statistiken sagen. Die Bücher des Jahres 2024 zeigen, was die Gesellschaft umtreibt. Eine Sondierung zum Jahresende.
Vorbei die Zeiten, in denen sich Menschen mit der Frage begrüßten: Und was liest Du gerade? Sage mir, was Du liest und ich weiß, welche Fragen Dich beschäftigen. Viele Leute fragen heute eher nach der Serie, die der andere gerade streamt und erwarten, dass es genau die Serie ist, die man selbst auch gerade schaut.
Und dennoch: Sage mir, was Du liest und ich sage Dir, wie es Dir geht, ja, wer Du bist. Diese Weisheit gilt für mich immer noch. Der Blick auf die Bücher eines Jahres fügt sich, wenigstens versuchsweise, zum Psychogramm einer Gesellschaft. Wer nach dem Bucherfolg des Jahres fragt, erhält eine erstaunliche Antwort: Nicht die Jugend, nicht das Internet beschäftigt eine stille Mehrheit, sondern schlicht: das Altern - und das Buch mit dem gleichnamigen Titel.
Elke Heidenreichs ebenso kluge wie schnoddrige Lebensbilanz treibt die Menschen um, weil sie sich in ihr wiedererkennen. „Erst waren wir die verhassten Revoluzzer, in der Mitte des Lebens die angepassten Spießer, jetzt sind wir die Alten, die an allem Schuld sind“: Mit solchen Sätzen hart an der Grenze des Lamentos spricht sie all jenen aus der Seele, die sich aus dem aktiven Leben verabschieden und nun das Alter vor sich haben.
„Das meiste ist vollkommen unwichtig. Man sollte einfach atmen und dankbar sein“: Wie klingt so ein Satz – weise oder banal? Elke Heidenreich trifft den Ton einer Gesellschaft auf der Suche, nach Sinn und Mitte, Hoffnung und Perspektive.
Geht es genau darum auch in Angela Merkels Memoiren? „Freiheit“: Unter diesem Titel versammelt die Altkanzlerin 700 Seiten der Erinnerung. Wie geht das Land mit dem Erbe einer Kanzlerin um, die unglaubliche 16 Jahre lang Deutschland womöglich mehr bemutterte als wirklich führte?
Das Buch soll auf dem Rückzug sein, nur ein Pläsir weniger wirklicher Leser. Ich glaube das nicht. Ich habe gestaunt, als der Spiegel mit „Die besten 100 Bücher aus 100 Jahren“ einen neuen Literaturkanon publizierte. Orientierung ist gefragt.
Bücher können wie jene „Projektoren“ wirken, die Clemens Meyer als Titelwort für jenen Roman wählte, für den er nicht den Deutschen Buchpreis erhielt und prompt die Jury beschimpfte. Bücher können auch Reflektoren sein, Spiegel, in die wir schauen, um uns zu erkennen. Thomas Manns „Der Zauberberg“ ist so ein Buch, eine Bilanz als Kompendium einer Ära, beunruhigend mit einer Kernaussage, das nichts bleibt, wie es ist – womöglich auch eine scheinbar fest gefügte Welt des Wohlstands nicht.
Neue Beweglichkeit ist gefragt. Das zeigen mir Bücher, die 2024 viel diskutiert wurden. Martina Hefters Roman „Hey guten Morgen, wie geht es Dir?“ erzählt die Geschichte einer digitalen Fernbeziehung zwischen einer Deutschen und einem Mann aus Afrika. Und was ist mit Han Kangs „Vegetarierin“? Der Roman erschien schon vor Jahren. Mit der Verleihung des Literaturnobelpreises an die südkoreanische Autorin rückte das Buch aber neu in die Debatte, als Kritik an sozialen Normen, als Plädoyer für ein neues Verhältnis von Mensch und Natur.
Einer meiner Klassiker ist übrigens Hannah Arendts „Vita activa“, das Grund- und Hauptbuch eines Lebens, das deshalb schön ist, weil es immer wieder ein neuer Anfang sein kann: „weil jeder Mensch aufgrund des Geborenseins ein initium, en Anfang und ein Neuankömmling in der Welt, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen“.
Gilt das nicht auch für jedes Buch? Und sollte man gerade deshalb nicht immer wieder fragen: Was liest Du gerade?