Schleswig-Holstein  Todesangst durch Böller und Raketen an Silvester: Was wir den Haus- und Wildtieren antun

Dana Ruhnke
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Von Dana Ruhnke
| 19.12.2024 16:34 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Für viele Menschen ist die Knallerei an Silvester ein Spaß, für die meisten Tiere der reinste Horror. Foto: Tasso e.V.
Für viele Menschen ist die Knallerei an Silvester ein Spaß, für die meisten Tiere der reinste Horror. Foto: Tasso e.V.
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Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. An keinem anderen Tag entlaufen in Deutschland so viele Hunde wie an Silvester und Neujahr. Während sich viele Menschen an Böllern und Raketen erfreuen, lösen sie bei Haus- und Wildtieren größte Panik aus. Mit teils dramatischen Folgen.

Am ganzen Körper zitternd, mit weit aufgerissenen Augen unterm Bett versteckt oder schlimmsten Falls ums eigene Leben rennend Richtung Autobahn. Viele Haustierbesitzer kennen diesen Anblick an Silvester – und oft auch Tage davor und danach.

Laute Böller und Raketen sind für viele Menschen ein Spaß, für die meisten Tiere aber der blanke Horror und purer Stress. Sie erleben unter Umständen Todesangst. Nicht nur für Wildtiere kann diese Panik auch lebensgefährlich werden. So entlaufen jedes Jahr an Silvester und Neujahr besonders viele Hunde.

Die Statistik des Tierregisters Tasso e.V. meldete für den Jahreswechsel 2023/24 (31. Dezember und 1. Januar) deutschlandweit 457 entlaufene Hunde. Im Jahr davor waren es sogar 667 Hunde und 500 entlaufene Katzen – ein trauriger Rekord. Von einer höheren Dunkelziffer müsse man ausgehen, heißt es auf der Homepage des Vereins.

An einem durchschnittlichen Tag liege die Zahl entlaufener Hunde bei 82, so die Tierschutzorganisation.

Noch bis vor einigen Jahren hat sich die Gruppe AG Silvesterhunde die Arbeit gemacht, Statistiken zu erheben, in die etwa auch private Vermisstenmeldungen eingingen. Demnach gab es beispielsweise an den beiden Tagen um den Jahreswechsel 2021/22 18 tot aufgefundene Hunde in ganz Deutschland. Das Schicksal vieler anderer Tiere blieb unklar.

Neben dieser offensichtlichen Gefahr und des erheblichen Stresses, den die Tiere auch in den eigenen vier Wänden erleben, kann die Silvesterknallerei auch eine sogenannte Geräuschangst auszulösen oder verstärken. Und das wiederum bedeutet erhebliche Einschränkungen auch im Alltag, etwa durch Baustellenlärm, Flugzeuge oder Gewitter und langfristig durch den mitunter dauerhaften Stress auch mögliche gesundheitliche Folgen.

Tierschützer und Tierfreunde fordern auch deshalb seit Jahren ein Verbot von privatem Feuerwerk. So auch der Deutsche Tierschutzbund. „Gerade für Wildtiere, die durch Lärm und Lichtblitze in Panik geraten, ist es gefährlich. Nicht nur, dass sie sich auf der Flucht verletzten können, sie brauchen ihre wenigen Energiereserven im Winter auch dringend“, hieß es gegenüber unserer Redaktion.

Die Auswirkungen von Silvesterfeuerwerk auf unsere Wildvögel wurden bereits mittels Bewegungsdaten erforscht. Diese belegen unter anderem, dass die Vögel, die am Silvesterabend plötzlich von ihren Schlafplätzen aufflogen, bis zu 16 Kilometer größere Entfernungen zurücklegten und deutlich höher aufstiegen als üblich. Für die Tiere eine kräftezehrende Flucht, die viel Energie kostet.

Das bestätigt auch Natascha Gaedecke, Ornithologin aus Schleswig-Holstein. Sie beobachte das bei sich in der Region regelmäßig, besonders bei den Wasservögeln, wie Singschwänen, Kranichen oder Gänsen. „Das ist massiver Stress. Die kommen teilweise tagelang durch das Geknalle nicht richtig zur Ruhe. Fressen kaum, weil sie nicht runtergehen können.“

Bei kleineren Singvögel, die in den Gärten und Ortschaften leben, drohen zusätzlich Anflugunfälle. „Spatzen, Stare, andere Singvögel können nachts nicht gut sehen. In ihrer Panik fliegen sie teilweise gegen Fenster, Strommasten oder ähnliches, verletzen sich oder sterben.“ Ein solches Massensterben machte vor einigen Jahren in Italien Schlagzeilen. Hunderte tote Stare pflasterten damals nach dem Silvesterfeuerwerk die Straßen und Gehwege in Rom.

Und doch: Ab dem 28. Dezember startet wieder der Verkauf von Feuerwerkskörpern. Anbieter erwarten sogar eine besonders hohe Nachfrage. Das zeigen die diesjährigen Importzahlen. Und auch wenn das Zünden offiziell erst ab dem 31. Dezember 0 Uhr bis zum 1. Januar 24 Uhr erlaubt ist, muss spätestens ab dann wieder mit den ersten Raketen und Böllern gerechnet werden.

So bleibt den Tierschützern nur Tipps zu geben, wie man seine Haustiere möglichst sicher über die für sie so stressigen Tage bringen kann. Dazu zählt in erster Linie eine gute Absicherung der Hunde bei Spaziergängen. Freigängerkatzen sollten zudem möglichst frühzeitig nicht mehr rausgelassen werden.

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