Berlin Ampel-Crasher Christian Lindner will es nochmal wissen
Christian Lindner hat sich mit dem Ampel-Aus einen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert. Ob als Held oder als Enfant terrible der Politik ist noch offen.
Schlimmer geht es für einen Politiker im Wahlkampf kaum. „Der Täuscher” titelte der Spiegel über einer wenig sympathischen Nahaufnahme von Christian Lindner im Dezember. Glaubwürdigkeit ist die wichtigste Währung der Politik, erst recht im Wahlkampf vor einer Bundestagswahl . Doch auch als Enfant terrible kann man erfolgreich sein.
Ein Polit-Stratege sondergleichen, das ist Lindner zweifellos. Das Ende des Drehbuchs für das Ampel-Aus war aber mit Sicherheit anders geplant, mit einem Happy End für seine FDP. Stattdessen erlebte sie den größten Shitstorm ihrer Geschichte. Christian Lindner, 45 Jahre alt, seit 6. November Bundesfinanzminister a. D. und – in Wahlergebnissen – der erfolgreichste Vorsitzende, den die FDP je hatte, ist seit Wochen bemüht, die D-Day-Affäre einzufangen. „Zeit” und „Süddeutsche Zeitung” hatten berichtet, wie die FDP seit September Ausstiegsszenarien aus der Ampel plante – „D-Day” und „offene Feldschlacht” inklusive. „Wo ist die Nachricht?”, versuchte Lindner die Sache herunterzuspielen.
Einen Rücktritt seines Generalsekretärs und einen Rücktritt seines Bundesgeschäftsführers später nennt Lindner das D-Day-Papier, das inzwischen öffentlich wurde, ein „Praktikanten-Papierchen”. War da was? Weiter geht’s.
Doch so einfach ist es nicht. Das Problem der Affäre reicht nämlich tiefer. Der Skandal ist nicht, dass die FDP sich vorbereitete, sondern wie sie es tat. Kühl-kalkulierend, heimlich, unernst. Journalisten hätten auch eine Verantwortung, empörte sich Lindner noch im November über die Frage eines „Spiegel”-Journalisten, ob die FDP es auf ihren Rauswurf aus der Ampel anlege. Wie weit dürfen Polit-Darstellung und Politik auseinander liegen?
Geht es nach Lindners vorgeblichen Maximen, dann besser nicht allzu weit. Im Wahlkampf beherzigt er stets den Spruch „Bleib bei Deiner Botschaft”. Nicht heute das eine und morgen das andere versprechen. Klar sein.
Beim Regieren stieß er damit an Grenzen. Oft genug schloss die Koalition Kompromisse, die Lindner selbst wenige Tage später wieder infrage stellte. Erst beschloss die Ampel in einem der vielen Haushaltsstreits Kürzungen bei den Agrarsubventionen, wenige Tage später biederte sich Lindner am Brandenburger Tor den wütenden Bauern an.
Im Sommer dieses Jahres war ihm das Ringen mit der Ampel, die seine FDP in lange nicht gekannte Umfragetiefs führte, anzumerken. Es kostete ihn sichtbar Mühe, in Interviews die Contenance zu wahren, wenn es um die Zukunft der Regierung ging. Lindner findet für solche Krisen-Situationen Sprachregelungen. Für diesen Herbst hieß sie „Herbst der Entscheidungen”. Ausgeschlossen hat er das vorzeitige Ampel-Ende damit zumindest nicht. Aber die Gefahr, am Ende als Buhmann vom Platz zu gehen, war ihm wohl bewusst.
Immerhin 15 Prozent der Befragten einer YouGouv-Erhebung gaben an, das Ansehen der FDP sei durch die D-Day-Affäre bei ihnen gestiegen. Parteienforscher Uwe Jun von der Universität Trier, meint: „Für ein Comeback spricht, dass Parteichef Lindner als Wahlkämpfer bisher immer ganz erfolgreich war. Und dafür spricht auch, dass die Partei in wirtschafts-, finanz- und sozialpolitischen Fragen standhaft geblieben ist und damit ihrer Stammwählerschaft treu.“
Lindner, der Probleme gerne als „dornige Chancen” bezeichnet, setzte noch im D-Day-Hagelsturm ein neues Thema. Eher beiläufig ließ er in einer Talk-Show den Satz fallen, man müsse auch in Deutschland „mehr Musk und Milei wagen”. Wohl wissend, dass schon die Namen des Tech-Milliardärs und der des neoliberalen argentinischen Präsidenten die politische Konkurrenz in Schnappatmung versetzen, legte er kurz darauf mit einem Gastbeitrag im „Handelsblatt” nach. Der Titel: „Arroganz gegenüber Musk und Milei können wir uns nicht leisten.” Darin schreibt er bewundernd von der „disruptiven Energie”, mit der Milei und Musk die argentinische Volkswirtschaft und die amerikanische Bürokratie reformieren.
Weniger Staat, weniger Bürokratie, Entfesselung der Wirtschaft – mit diesen Themen will auch der FDP-Chef den kurzen Wahlkampf bestreiten, an dessen Ende ihm eine weitere Regierungsbeteiligung seiner FDP mit ihm als Finanzminister vorschwebt. Eine Rosskur für Deutschland, sozusagen, so das Versprechen. Lindner, stets davon überzeugt, dass die Medien an ihn sowieso härtere Maßstäbe anlegen als an andere, ist wieder im Angriffsmodus. Wenn es nicht gerade wieder um besagte Papiere und Pläne geht, wirkt er wie befreit.
Obwohl er seit Jahren in der Spitzenpolitik ist, werden viele aus ihm nicht vollends schlau. Olaf Scholz macht öffentlich, dass er den FDP-Chef für einen schlechten Menschen hält. Auch die SPD ist im Wahlkampf nicht zimperlich, deshalb sind solche Aussagen mit Vorsicht zu genießen. Lindner aber polarisiert ganz sicher mehr als je zuvor. Er will das jetzt in einen Vorteil ummünzen.
Als er im Dezember in einem Fernsehinterview mit der Aussage konfrontiert wird, dass 80 Prozent der Bevölkerung seine FDP nicht mehr für vertrauenswürdig halten, sagt er trotzig: „Ich wende mich an die anderen 20 Prozent.”
Es ist alles andere als ausgemacht, dass die Geschichte des langjährigen Parteichefs der FDP am 23. Februar zu Ende geht. Er hat sich und seine Partei schon oft neu erfunden. Persönlich sind Lindners Aussichten für 2025 ohnehin alles andere als trübe. Seine Frau Franca Lehfeldt erwartet im Frühjahr ihr erstes Kind. Der Nachwuchs, das kündigte Lindner schon an, werde sogleich einen ETF-Sparplan erhalten. Ein echter Stratege wird Vater.