Osnabrück Wie stehen Sie zur AfD, Dominicus? Der Osnabrücker Bischof im politischen Interview
Nationalismus, Migration, Krieg und Frieden: Im beginnenden Bundestagswahlkampf wird um viele Themen gerungen, zu denen die katholische Kirche eine Haltung hat. Wie steht der Osnabrücker Bischof Dominicus dazu? Ein Interview mit NOZ-Chefredakteurin Louisa Riepe.
Nein, im imposanten Treppenhaus des Bischofshauses möchte er nicht fotografiert werden. Bischof Dominicus hat dem politischen Interview für die Weihnachtsausgabe der Neuen Osnabrücker Zeitung zwar zugestimmt. Aber er möchte offenbar sicherstellen, welches Bild von ihm in seinem Bistum entsteht. Von oben herab, auf einer Stufe stehend, will er nicht abgebildet werden. Viel eher neben dem Adventskranz, an dem noch die erste Kerze brennt. Auf Augenhöhe quasi. Und so verläuft auch das Gespräch mit NOZ-Chefredakteurin Louisa Riepe:
Frage: Bischof Dominicus, Sie haben Ihr Amt in schwierigen politischen Zeiten übernommen. Krieg in der Ukraine, Krieg im Nahen Osten, Machtwechsel in den USA und jetzt auch noch Wahlkampf in Deutschland. Wie beeinflusst Sie das in Ihrer Arbeit?
Antwort: In allen Gesprächen, die ich derzeit führe, spielt die Frage eine Rolle, was Frieden in der Welt bedeutet. Ich bemerke eine große Angst und Unsicherheit. Gerade wenn man die Wahlen in den USA betrachtet, fragen sich die Menschen: Was wird bei uns passieren? Und gleichzeitig denke ich, wir haben jetzt die Chance, selbst etwas für Demokratie, auch für eine Politik des Friedens zu tun. Deshalb möchte ich die Menschen und gerade auch Jüngere ermutigen, zur Wahl zu gehen, sich auseinanderzusetzen mit dem, was die Parteien in ihren Programmen schreiben, und durch ein überlegtes Wählen selbst Verantwortung zu übernehmen.
Frage: Derzeit liegt in den Umfragen mit der CDU eine Partei ganz vorn, die das Adjektiv „Christlich“ im Namen trägt. Und an zweiter Position liegt mit der AfD eine Partei, deren Positionen nicht mit christlichen Werten zusammenpassen – so hat es die Bischofskonferenz Anfang 2024 selbst erklärt. Wie stehen Sie heute, fast ein Jahr später, dazu?
Antwort: Ich stehe weiterhin zu der Positionierung, mit der wir uns klar gegen jede Form des völkischen Nationalismus wenden. Die Bischofskonferenz hat deutlich gemacht, dass wir sehr wachsam auf Parteien am rechten Rand schauen müssen. Es braucht aus meiner Sicht die Auseinandersetzung mit den politischen Inhalten: Wo bleiben unsere freiheitlichen Werte erhalten? Wo steht die Würde des Menschen – und zwar aller Menschen – wirklich im Mittelpunkt? Wie gehen wir mit anderen um? Akzeptieren wir Anderssein? Oder grenzen wir aus? Die Bischöfe haben nicht gesagt, dass man nicht miteinander reden sollte. Man muss in einem demokratischen Staat auch Personen, die eine Partei wie die AfD wählen, ernst nehmen. Aber das heißt nicht, dass wir zu allem Ja und Amen sagen müssen.
Frage: Das heißt ganz konkret: In Ihrem Bistum hat sowohl derjenige Platz, der beispielsweise sagt: „Ich stehe Migration aufgeschlossen gegenüber“, als auch derjenige, der sagt: „Ich sorge mich vor Überfremdung“?
Antwort: Ich würde alle auffordern, wirklich hinzusehen. Ich erlebe selbst, wie viele erstmal schauen, wenn ich als Ordensmann gekleidet daherkomme: „Huch, was kommt da für einer?“ Da ist Erschrecken und Neugierde. Beim Anderen nicht nur an der äußeren Fassade hängenzubleiben, sondern tiefer zu schauen, das ist die Chance für Verständigung, für Frieden. Und von daher kann ich nur alle Gläubigen ermutigen, in unserem Bistum diese Offenheit zu leben. Mir hat sie bisher immer geholfen.
Frage: Bleiben wir beim Thema Migration. Als stellvertretender Vorsitzender der Migrationskommission und Beauftragter der deutschen Bischofskonferenz für die Ostkirchen beschäftigt Sie das Thema sicher intensiv…
Antwort: Ja, es beschäftigt mich. Aber auch beispielsweise aus der Perspektive unserer Krankenhäuser, die Fachkräftemangel haben. Wenn ich höre: „Wir müssen die Grenzen zumachen“, dann sind wir gefragt, etwas dagegenzusetzen. Denn ich glaube, unser Sozialstaat würde gar nicht mehr funktionieren, wenn wir nicht auch Fachkräfte – zum Beispiel in der Pflege – aus dem Ausland hätten.
Frage: Was sagen Sie den Menschen, die sich sorgen, weil Menschen in ihr Land kommen, die eine andere Sprache sprechen, und eine andere Ausprägung des Glaubens leben, als sie selbst? Haben Sie für diese Menschen auch eine Antwort?
Antwort: Da gibt es Sorgen und Ängste. Und das ist auch normal. Das Fremde, das Unbekannte, da gehen die meisten erst mal auf Distanz. Das kann aber schon zwischen Osnabrück und Paderborn so sein. Ich glaube, man muss den Blick öffnen: Migration kann eine Bereicherung sein. Wir haben es im Generalkapitel meines Ordens gemerkt: Jemand, der von den Philippinen kommt, denkt anders als jemand aus Kasachstan, und der wiederum anders als jemand aus Indien, oder aus Lateinamerika. Aber wir haben gemerkt, dass der Austausch, das Erzählen, dieses sich miteinander vertraut machen, uns geholfen hat, viel mehr international zu denken und zu leben.
Frage: Inwiefern kann Kirche ein Ankerpunkt für Geflüchtete sein und zur Integration beitragen?
Antwort: Religiosität, Rituale und dergleichen haben immer etwas mit Integration zu tun. Ich erlebe die Menschen, die aus Syrien, aus dem Libanon, aus der Ukraine zu uns kommen, natürlich in meiner Aufgabe als Beauftragter für Gläubige aus den katholischen Ostkirchen für die Bischofskonferenz. Die kommen aus Kriegsgebieten, die kommen aus Verunsicherung, die kommen aus Familienverhältnissen, die auseinandergerissen sind, hier nach Deutschland, und dann suchen sie nach einem Stück Halt, Geborgenheit, Sicherheit, Frieden. Das können dann der Gottesdienst sein, die kirchlichen Strukturen oder die Möglichkeit, in der eigenen Sprache zu sprechen. Und ich spüre, dass auf dieser Basis dann auch Integration geschehen kann.
Frage: Schauen wir vielleicht noch mal auf ein anderes Wahlkampfthema. In den nächsten Wochen wird sicherlich um die Frage gerungen werden: „Sollte Deutschland die Ukraine im Krieg unterstützen, oder nicht?“ Haben Sie da eine Positionierung?
Antwort: Die Diskussion wird derzeit stark auf Waffenlieferungen reduziert. Die Frage möchte ich lieber anderen überlassen. Ich versuche, den Menschen zu helfen, mit den Möglichkeiten, die wir als Kirche haben.
Frage: Als Kirchenmann haben Sie sicher auch einen besonderen Blick auf das Heilige Land…
Antwort: Israel ist ein Schmelztiegel unterschiedlicher Völker und Religionen. Gerade in Jerusalem beäugen sich die Religionen und grenzen sich voneinander ab. Das Gegenteil erlebe ich hier an der Drei-Religionen-Grundschule in Osnabrück. Ich merke, wie gut dort die Unterschiede dargestellt, aber auch Gemeinsamkeiten erkannt und der Schulalltag miteinander gestaltet werden. Ob das Neujahrsfest für die jüdischen, der Ramadan für die muslimischen oder der Advent für die christlichen Kinder: Jedes hat seine eigene Form, seinen Platz und seinen Wert. Und ich denke, das ist eine Bereicherung, wenn ich schon als Kind diese Wertschätzung für das andere erlebe.
Frage: Genau das wird im Nahen Osten aber wahrscheinlich auf Jahre hinaus sehr schwierig sein, angesichts der vielen Kriegsversehrten, Toten und traumatisierten Familien.
Antwort: Da ist das Gespräch schwieriger. Aber es gibt auch dort Initiativen wie die meiner Mitbrüder auf dem Berg Zion, die regelmäßig Israelis, Araber und Christen einladen – immer schon. Wir brauchen solche Orte, wo man wirklich zusammenkommen kann, trotz aller Unterschiedlichkeit, bei allen Problemen. Glaube braucht immer Erlebnisorte. Wenn ich mich mit Religion auseinandersetzen will, dann kann ich zwar ein Buch lesen. Aber das Wesentliche erlebe ich im Miteinander, in der Gemeinschaft.
Frage: Was im Wahlkampf möglicherweise auch eine Rolle spielen könnte, ist das Thema Abtreibung. Ist es Ihnen Recht, dass der mühsam gefundene Kompromiss der 90er Jahre jetzt noch mal aufgeschnürt wird?
Antwort: Das ist eine spitze Frage. Da stehen zwei Dinge vermeintlich unversöhnlich nebeneinander :die Selbstbestimmung der Frau und das Recht des Ungeborenen. Natürlich kann es Situationen geben, die einen Schwangerschaftsabbruch rechtfertigen. Aber grundsätzlich trete ich ein für das Leben vom Anfang bis zum Ende. Und ich glaube, gerade wenn das Thema in den Wahlkampf hineingetragen und nur noch polarisiert wird, wird man ihm nicht gerecht.
Frage: Wie stehen Sie zur Rolle der Frau in der Kirche? Ihr Vorgänger hatte sich ja sehr stark für eine Aufwertung eingesetzt.
Antwort: Wir haben hier im Bistum an vielen Leitungsstellen hochkompetente Frauen. Das werde ich sicher nicht ändern. Ich glaube, da ist auch noch Luft nach oben. Es muss aber immer auch um Qualifizierung gehen, das ist eine Frage der Wertschätzung. Wenn ich wegen meiner Arbeit, meiner Qualifikation, an Top gesetzt werde, das tut dann gut. Wir können auch in unseren Gremien und Konferenzen noch viel deutlicher Kleriker, Laien, Männer und Frauen zusammenbringen und auch mit Autorität ausstatten.
Frage: Die deutschen Bischöfe gelten ja durchaus als mutig, auf die Bedürfnisse der Gläubigen einzugehen. Wie viel Spielraum bekommen Sie denn da von Rom?
Antwort: Ich merke, es hat sich in den letzten Jahren etwas verändert. Bei der römischen Weltsynode hat der Papst nicht nur Bischöfe, sondern auch nicht geweihte Frauen und Männer mit Stimmrecht hinzugeholt, und Internationalität stand plötzlich auch viel deutlicher im Mittelpunkt. Die Segnung von homosexuellen Paaren wurde in der Aula offen vor dem Papst, vor der Kurie angesprochen. Mit Blick auf die Weltkirche frage ich mich: Können wir solche Themen immer noch allgemein regeln oder müssen wir regionaler denken? Und auch hier bei uns glaube ich, dass wir immer weniger Dinge mit bistumsweiten Regelungen lösen können: Wir müssen schauen, was in den einzelnen Dekanaten vor Ort geht. Und ich hoffe, dass die Spielräume und Möglichkeitsräume größer werden, wenn sie dezentralisiert werden.
Frage: Bischof Dominicus, eine letzte Frage noch zum Abschluss: Wie verbringen Sie den Heiligen Abend?
Antwort: Der Weihbischof, der Generalvikar und ich werden eine Tradition fortsetzen, die Bischof Bode schon begonnen hatte. Wir werden an Heiligabend in die Krankenhäuser gehen, um dort den Patienten eine frohe Weihnacht zu wünschen, die im Krankenhaus bleiben müssen. Ich glaube, ich bin von morgens zehn bis 16 Uhr am Heiligen Abend unterwegs. Wir besuchen in den Tagen vor Weihnachten auch Einrichtungen für Wohnungslose, um einfach deutlich zu machen: Die Begegnungen dort haben keinen geringeren Stellenwert als das große Pontifikalamt, das ich am ersten Weihnachtstag im Dom feiere.