Rückengesundheit Warum haben mehr jüngere Menschen Bandscheibenvorfälle?
Wo trifft es die Wirbelsäule meist? Wie bleibt der Rücken gesund? Ein Gespräch mit Dr. Holger Alex vom Borromäus Hospital Leer über Sport, richtiges Telefonieren und wohltuende Einsteifung im Alter.
Leer - Schmerzen, Kribbeln, Taubheitsgefühle: Bandscheibenvorfälle gehören zu den häufigsten Rückenerkrankungen in Deutschland. Besonders jüngere Menschen leiden häufiger darunter. Woran das liegt, was das Erkennen eines Bandscheibenvorfalls erschwert und was man zur Vorbeugung tun kann, darüber sprach die Redaktion mit Dr. Holger Alex, Sektionsleiter der Orthopädie am Borromäus Hospital Leer und ab dem 1. Januar 2025 dortiger Chefarzt der Orthopädie.
zur Person
Dr. Holger Alex ist seit 2023 Sektionsleiter der Orthopädie am Borromäus Hospital in Leer und wird ab dem 1. Januar 2025 dort Chefarzt der Orthopädie sein. Holger Alex (60) ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, spezielle orthopädische Chirurgie, Chirotherapie, Physikalische Therapie und Balneologie sowie zertifizierter Fußchirurg der Deutschen Assoziation für Fuß und Sprunggelenk e.V. (D.A.F.). Er kommt ursprünglich aus der Nähe von Osnabrück und war zuvor ab 2005 Chefarzt der Orthopädie im Bonifatius Hospital in Lingen.
Herr Alex, kommen viele Fälle von Bandscheibenvorfällen in der Orthopädie im Borromäus Hospital an?
Das kommt immer drauf an. Operationen an der Wirbelsäule machen primär die Neurochirurgen. Und meistens landen Menschen mit Bandscheibenvorfällen erst mal in einer niedergelassenen Praxis. Natürlich kommen Patienten auch zu uns. Sie kommen dann oft mit unklaren, tiefen Schmerzen im unteren Rücken- und Gesäßbereich. Da muss dann geklärt werden: Ist das jetzt ein Rückenschmerz oder ein Hüftgelenkschmerz? Probleme im Hüftgelenk können wie ein Bandscheibenvorfall auch in das Bein ausstrahlen. Das ist häufig eine Problematik, die sich uns darstellt.
Gibt es in der Region mehr Jüngere, die unter Bandscheibenvorfällen leiden?
Grundsätzlich kann man sagen, dass ja 20 Prozent aller Menschen unter 40 Jahren mal einen Bandscheibenvorfall haben, und ab 40 Jahren kommt das noch ein bisschen häufiger vor ohne jegliche Probleme. Diese kommen meistens im unteren Wirbelsäulenbereich, seltener im Halswirbelsäulenbereich und fast gar nicht im Brustwirbelsäulenbereich. In Deutschland gibt es pro Jahr etwa 180.000 Operationen von Bandscheibenvorfällen. Ostfriesland unterscheidet sich davon nicht groß, aber die Anzahl der durchgeführten Operationen ist regional sehr unterschiedlich hoch.
Trifft es mehr jüngere Leute als noch vor zehn oder 20 Jahren?
Das kann man gar nicht so sagen. Das häufigste Alter für Bandscheibenvorfälle liegt zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr. Da sind also die berufstätigen, aktiven Leute, die möglicherweise auch wenig Zeit haben für Sport, beruflich engagiert sind, Familie haben. Man sieht schon häufiger Probleme, weil insgesamt in der Bevölkerung weniger Sport getrieben wird und das Übergewicht eine große Rolle spielt. Im Grunde ist der Rückenschmerz auch eine Wohlstandskrankheit. Bewegungsmangel, Übergewicht und mangelnder Sport sind sicherlich Risikofaktoren für Bandscheibenvorfälle oder Rückenschmerzen. Andererseits ist durch den Arbeitsschutz die körperliche Belastung in den einzelnen Berufen deutlich zurückgegangen. Ich kann mich noch erinnern, dass vor 30 Jahren ein Sack Zement im Baumarkt 50 Kilo wog. Heute sind es gerade mal 20 Kilo. Das Heben und Bewegen von schweren Lasten kann auch einen Bandscheibenvorfall auslösen.
Überlastung, zu wenig Bewegung und Übergewicht sind nachvollziehbare Faktoren. Laut der AOK zum Beispiel ist auch Rauchen ein Feind der Bandscheiben. Stimmt das?
Rauchen ist eher nicht so ein Faktor. Etwa 90 Prozent der Menschen haben im Laufe ihres Lebens mal Rückenschmerzen, davon haben circa ein bis drei Prozent einen klinisch relevanten Bandscheibenvorfall, der operiert werden muss. Es gibt Untersuchungen, die besagen, dass 50 Prozent aller Rückenschmerzen gar nicht somatisch sind (also keine körperliche Ursache haben, Anm. d. Red.). Häufig sind sie psychosomatisch bedingt. Da kommt dann zum Beispiel hinzu, dass es wirtschaftlich schwierige Zeiten sind, Unsicherheiten im Beruf und so weiter. Das wird gerne mal mit Rückenschmerzen kompensiert, sozusagen als Hilferuf der Seele. Das muss man dann herausfinden: Es ist jetzt ein Bandscheibenvorfall oder eine Veränderung an der Wirbelsäule, die Schmerzen verursacht – oder ist eine psychosomatische Ursache möglich?
Bei Schmerzen gibt es aber doch ein Problem am Rücken.
Nicht immer. Da muss man eben genau aufpassen. Ich habe im Laufe meines Lebens schon tragische Geschichten erlebt, wo letztendlich gesunde Menschen kaputt operiert worden sind, weil unnötigerweise operiert wurde. Zum Beispiel ist eine Bandscheibenvorwölbung in der Regel noch kein Grund für eine Operation. Als es noch kein MRT gab, wurde erst eine rein klinische Untersuchung gemacht, um festzustellen, ob jemand einen Bandscheibenvorfall hat oder nicht. Heute ist das die Reflexhandlung in jeder Praxis: Es kommt jemand mit Rückenschmerzen und wird gleich zum MRT geschickt, häufig weil auch die Patienten darauf drängen. Das ist eigentlich der falsche Weg. Der richtige Weg wäre, erstmal konservativ zu behandeln und mögliche andere Ursachen auszuschließen, die zu den Rückenschmerzen führen.
Was wäre dann eine konservative Behandlung?
Das ist die Suche nach der Ursache, die zu Rückenschmerzen führen könnte, zum Beispiel Übergewicht und Bewegungsmangel. Dann braucht es eine vernünftige Rückenschule und regelmäßiges Training für die Rücken- und Bauchmuskulatur, auch vorbeugend. Oder Übungen zum Arbeitsschutz, wie sie in der Reha praktiziert werden, dass man praktisch die berufsbedingten typischen Bewegungen mit dem Patienten zusammen trainiert und rückengerechtes Verhalten eintrainiert. Dazu gehört zum Beispiel, keine schweren Lasten aus dem Rücken zu heben, sondern aus den Knien und Beinen heraus.
Wie stellt man fest, ob es ein Bandscheibenvorfall ist?
Wenn Bandscheibengewebe auf eine Nervenwurzel drückt, ist das der kritische Bandscheibenvorfall. Jede Nervenwurzel hat eine zugehörige Kernmuskulatur und Reflexe. Über bestimmte Hautareale, die jeder einzelnen Nervenwurzel zugeordnet werden können, ist relativ genau die Höhe eines Bandscheibenvorfalles lokalisierbar: Welche Seite ist davon betroffen, links oder rechts? Welche Nervenwurzel ist genau betroffen? Und gibt es entsprechende neurologische Ausfälle, die dieser Nervenwurzel zugeordnet werden können?
Wie geht man damit um, wenn jemand mit Beschwerden kommt?
Man muss mit dem Patienten ein Gespräch führen und erstmal beruhigen, dass Rückenschmerzen jetzt nichts Ungewöhnliches sind, und dann natürlich klinisch ausschließen, dass wirklich eine relevante Problematik vorliegt. Dann würde man mit konservativer Therapie anfangen. Die sollte mindestens über ein Vierteljahr erfolgen, bevor man überhaupt über eine Operation nachdenkt. Natürlich nur, insofern keine neurologischen Ausfälle vorliegen. Hier ist eine Operation oder eine andere invasive Maßnahme eventuell sogar dringlich erforderlich. Operationsbedürftige Rückenschmerzen sind ja nur mit einem bis drei Prozent der Fälle überhaupt von Bandscheibenvorfällen verursacht. Es gibt viele andere Ursachen für Rückenschmerzen: Verschleiß an der Wirbelsäule, an den Wirbelgelenken, Fehlstellungen in der Wirbelsäule, Fehlstellung in der Statik, bei Beinlängendifferenzen zum Beispiel. Das kann auch Rückenschmerzen verursachen. Das ist natürlich eine sehr komplexe Untersuchung, und man muss dann genau die Ursache für die Beschwerden des Patienten herausfinden. Das ist häufig gar nicht so einfach.
Wie kann man denn einem Bandscheibenvorfall vorbeugen?
Vernünftig leben ist die beste Medizin, das sagte schon Paracelsus.
Das kann ja vieles bedeuten.
Damit meine ich: alles in vernünftigem Ausmaß. Körperliche Betätigung, Sport treiben, auf sein Gewicht achten, bei der Arbeit natürlich Arbeitsschutzmaßnahmen einhalten, dass man eben keine falschen Bewegungen durchführt und eine möglichst wechselartige Tätigkeit hat, also bei sitzender Tätigkeit zwischendurch gehen oder stehen. Ich sage Büroleuten: Holen Sie sich einen Schreibtisch, den man nach oben fahren kann, und wenn Sie telefonieren, telefonieren sie im Stehen, da kommt man auch besser rüber. Ich stehe jetzt zum Beispiel und laufe hier in meinem Zimmer auf und ab.
Warum kommt man dann besser rüber?
Ich sag mal, wenn Sie innerlich aufgerichtet sind, und das sind Sie im Stehen, ist das natürlich ein Unterschied, als wenn Sie schlapp im Sessel hängen.
Gibt es Sportarten, die Sie für die Bandscheiben- und Rückengesundheit empfehlen würden?
Grundsätzlich ist erstmal jeder Sport oder jede körperliche Betätigung gut und alles, was im Übermaß passiert, ist eher nicht so gut. Es gibt natürlich Sportarten, die sind weniger gut geeignet, zum Beispiel Sprungdisziplinen, Hallensportarten wie Handball, Volleyball, die sind nicht so gut geeignet. Weitsprung bedeutet extreme Belastungen für den Rücken. Im Fitnessstudio mit schweren Gewichten zu arbeiten, wenn man sowieso schon Rückenprobleme hat, das sollte man natürlich auch nur unter Anleitung eines wirklich gut ausgebildeten Trainers machen, um dadurch eine Überbelastung für den Rücken zu vermeiden.
Was in Ostfriesland ja gerne gemacht wird, ist Fahrradfahren, Spazierengehen und Fußballspielen. Wie sieht es damit aus?
Also die ersten zwei Betätigungen sind sicherlich gut und Fußball ist aus Sicht des Orthopäden und Unfallchirurgen natürlich sowieso eine ungünstige Sportart, weil sie sehr verletzungsträchtig ist. Aber wie gesagt, wenn das Glück im Sport liegt oder beim Fußballspielen, wird man gesunden Menschen das nicht verbieten oder untersagen. Es ist besser zu spielen und dadurch körperlich fit zu sein. Das ist auch eine Prävention für einen Bandscheibenvorfall.
Was ist denn mit Joggen und Schwimmen?
Joggen ist auch okay, wenn man vernünftige Laufschuhe hat und auf einem vernünftigen Untergrund läuft. Auf Asphalt mit Birkenstocklatschen zu laufen ist sicherlich das Ungünstigste, aber mit einem hochwertigen guten Laufschuh auf weichem Waldboden zu laufen, dagegen ist sicherlich nichts einzuwenden. Wenn man sehr viel läuft, sollte man zwei Paar Schuhe haben, weil der Schuh nach einem Zehn-Kilometer-Lauf mindestens ein bis zwei Tage braucht, bis er wieder die Funktion hatte, die er eigentlich ursprünglich hatte. Vernünftiges Schwimmtraining ist auch nicht verkehrt.
Ich habe gelesen, dass die Bandscheiben-Abnutzung dem aufrechten Gang geschuldet ist.
Ja, das stimmt. Der Mensch ist eigentlich ein Vierbeiner und letztendlich ist die Wirbelsäule evolutionär noch nicht soweit, dass sie mit dem aufrechten Gang umgehen kann. Die Wirbelsäule hat vermehrt Probleme im unteren Wirbelsäulenbereich, im mittleren Wirbelsäulenbereich und im Halswirbelsäulenbereich. Genau an den Umschlagsstellen der Wirbelsäulenkrümmungen sind sozusagen die Schwachstellen.
Liegt es auch daran, dass wir immer älter werden?
Auch darauf ist die Wirbelsäule nicht ausgelegt. Aber dafür gibt es auch die wohltuende Einsteifung im Alter. Wenn sich die Bandscheiben abnutzen, versucht der Körper mit Knochenspangen diese Instabilitäten zu versteifen. Das sieht man dann auf dem Röntgenbild bei älteren Menschen. Die Wirbelsäule tut dann natürlich auch irgendwann nicht mehr weh. Wenn Sie einen Knochenbruch haben, dann wird die Stelle ja auch ruhiggestellt. Bewegungen, die auf die Gelenke einwirken, was im Rücken vermehrt wird durch schlechte Muskulatur und eine schlechte Bandspannung – das ist das, was die Schmerzen verursacht. Der Bandscheiben Verschleiß führt zu einer Instabilität zwischen den einzelnen Wirbelkörpern – somit zu einer vermehrten Belastung der verbindenden Gelenke und Bänder. Und das sind die anatomischen Strukturen, die zu den Schmerzen führen.