Kiel  Scholz‘ „Tünkram“: Woher kommt der Begriff? – Sprachforscher erklärt

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 17.12.2024 12:52 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Expertise für Tünkram: Woher hat Olaf Scholz sein Plattdeutsch? (Archivfoto) Foto: imago images/Chris Emil Janßen
Expertise für Tünkram: Woher hat Olaf Scholz sein Plattdeutsch? (Archivfoto) Foto: imago images/Chris Emil Janßen
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„Fritze Merz erzählt gern Tünkram“. Mit einem flapsigen Zitat spaltet Olaf Scholz die Nation. Aber spricht der Kanzler hier überhaupt korrektes Plattdeutsch? Wir fragen einen Experten.

Ausgerechnet Olaf Scholz! Der Kanzler, dem vom ersten Amtstag an Unnahbarkeit vorgeworfen wurde, gibt sich volksnah. Im Interview mit dem „heute journal“ sagte er am Montagabend über seinen CDU-Herausforderer: „Fritze Merz redet gern Tünkram.“ Zu respektlos? Friedrich Merz selbst verbat sich die Verballhornung seines Namens. Norddeutsche Wähler treibt eine andere Frage um: Ist „Tünkram“ korrektes Platt?

Wir fragen den Sprachwissenschaftler Prof. Michael Elmentaler von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Im „Norddeutschen Sprachatlas“ (NOSA) hat er Variation und Wandel der niederdeutschen Dialekte über die letzten 130 Jahren dokumentiert. Hier notiert er uns die wichtigsten Fakten zum Fall, Quellenangaben inbegriffen.

Frage: Herr Prof. Elmentaler, ist Scholzens „Tünkram“ überhaupt korrektes Platt?

Antwort: Ja. Das „Schleswig-Holsteinische Wörterbuch“ von Mensing führt „Tünkraam“ an und führt das Nomen zurück auf das Verb „tünen“ mit der Bedeutung ‚zusammenhanglos reden‘, ‚dummes, ungereimtes Zeug reden‘, ‚faseln‘ u.a. Mensing schreibt dazu: „Das Wort kommt in dieser Bedeutung im älteren Niederdeutsch nicht vor (zuerst 1771 im Brem. Wörterbuch. 5, 130 als ‚lügen‘, 1781 bei Dähnert im Pomm. Wörterbuch. ‚Unwahrheit reden‘)“ und „1810 ist es aus Dithmarschen bezeugt: ‚dummes Zeug sprechen‘“.

Antwort: Angesichts einer dann doch mehr als 200-jährigen Existenz von „tünen“ und einer mindestens hundertjährigen Karriere von „Tüünkraam“ muss man die beiden Wörter meines Erachtens als traditionelle niederdeutsche Wörter ansehen. In der Schreibung „Tüünkraam“ steht das Wort auch im „Plattdeutschen Wörterbuch“ von Lindow und im SASS „Plattdeutschen Wörterbuch“; beide Wörterbücher haben den Anspruch, sich auf den gesamten nordniederdeutschen Raum zu beziehen, also auch „Oldenburg, Bremen, Nordniedersachsen“.

Frage: In welcher Region ist der Begriff belegt?

Antwort: Nach Auskunft der Wörterbücher ist „Tüünkraam“ im nordniederdeutschen (= nordniedersächsischen) Raum belegt. In der Kürze der Zeit habe ich es nicht geschafft, noch im „Niedersächsischen Wörterbuch“ nachzusehen, aber ich nehme an, dass es darin auch verzeichnet ist. Osnabrück gehört nun zwar politisch zu Niedersachsen, dialektal aber zum Westfälischen. Im „Westfälischen Wörterbuch“ ist das Verb „tünen“ in der Bedeutung ‚erzählen, flunkern‘ angegeben. Deshalb und auch weil Osnabrück ziemlich nah an der Grenze zum Nordniederdeutschen liegt, könnte ich mir vorstellen, dass „Tüünkraam“ auch im Osnabrückischen verwendet werden kann. Man könnte da auch nochmal in ein osnabrückisches Wörterbuch gucken.

Frage: Welche anderen Begriffe für dummes Zeug kennt das norddeutsche Idiom?

Antwort: ... zum Beispiel: „dumm Tüüch“, „Tüdelkraam“, „Tüderkraam“. „Spijöök“ oder „Spijökenkraam“ hat eine etwas andere Bedeutung (‚Spaß, Scherz, Albernheit‘).

Frage: Was hätte Scholz sagen müssen, wenn er „Fritze“ Merz wirklich hätte beleidigen wollen?

Antwort: Also, das Schimpfwort-Repertoire für das Niederdeutsche gibt einiges her. Da kann man ein beliebiges „Plattdeutsches Schimpfwörterbuch“ konsultieren. Ich möchte dem Kanzler diesbezüglich aber keine öffentlichen Ratschläge geben, da komme ich ja in Düvels Köök.

Frage: Mundart kann Konflikte entschärfen. Sollten Politiker wieder mehr Mundart reden?

Antwort: In Schleswig-Holstein gibt es ja manchmal plattdeutsche Debatten, aber meist nur zu plattdeutschen Themen. Ansonsten wäre es im politischen Diskurs wohl eher hinderlich, wenn die Schwaben, die Bayern und die Plattdeutschen einander missverständen – mal davon abgesehen, dass heute nur ein Bruchteil der Politiker und Politikerinnen einen Dialekt sprechen dürfte.

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