Osnabrück „Dinner for One“: Was Sie über den Kult-Sketch noch nicht wussten
Seit Jahrzehnten amüsieren sich Zuschauer über den Silvester-Klassiker „Dinner for One“. Doch steckt hinter Miss Sophies feucht-fröhlicher Geburtstagsfeier mehr als nur Slapstick?
Was wäre Silvester ohne den Kult-Sketch „Dinner for One“? Miss Sophies 90. Geburtstag gehört zum Silvesterabend einfach dazu und lädt jedes Jahr wieder von Neuem zum Lachen ein.
Selbst wenn man die Aufzeichnung des Bühnenstücks schon etliche Male angeschaut hat, so fallen einem doch immer wieder andere Kleinigkeiten auf, die man bisher übersehen hat. Mit dem folgenden „Dinner-for-One“-Wissen werden Sie den Klassiker in Zukunft mit ganz anderen Augen sehen.
Worum geht es eigentlich? Miss Sophie (May Warden) hat zu ihrer Geburtstagsfeier ihre besten Freunde eingeladen, wie in jedem Jahr. Allerdings sind die mittlerweile alle verstorben und so sitzt sie an ihrem 90. Geburtstag ganz allein an einem leeren Tisch, der aber noch für alle Verblichenen eingedeckt ist.
Doch die Stühle für Sir Toby, Admiral von Schneider, Mr. Winterbottom und Mr. Pommeroy bleiben natürlich unbesetzt. So muss ihr Butler James (Freddie Frinton) einspringen und nicht nur jedem der imaginären Gäste die Speisen auftragen sowie Getränke einschenken, sondern sehr zur Unterhaltung der Zuschauer auch jeden einzelnen Toast, den Miss Sophie ausbringt, in deren Namen erwidern. Mit James‘ steigendem Alkoholpegel spitzt sich die Slapstick-Komödie immer mehr zu.
Doch, ist das wirklich alles, was in dem Kult-Sketch steckt? Der Silvester-Klassiker lässt schließlich jede Menge Raum für Interpretationen. So ist es vielleicht auch kein Wunder, dass sich schon ganze Generationen von Kritikern an dem Stück abgearbeitet haben.
Könnte „Dinner for One“ eine satirische Anspielung auf eine vermeintliche Affäre von Königin Victoria mit ihrem Diener John Brown sein, über die einige Zeit vor der Entstehung des Stücks vielfach spekuliert wurde?
Oder ist das Ganze gar als versteckte Kritik an der britischen Aristokratie zu verstehen, die einfache Leute wie den Butler James ausbeutet und skrupellos für die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse ausnutzt? Vielleicht ist das ja aber auch ein wenig zu viel der Interpretation und „Dinner for One“ ist ganz einfach das, was es zu sein vorgibt: ein Stück lustige Unterhaltung, nicht mehr und nicht weniger.
Wer lacht denn da so laut? Der Sketch „Dinner for One“ wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von dem britischen Autor Lauri Wylie geschrieben und zuerst auf verschiedenen Theaterbühnen aufgeführt. Im deutschen Fernsehen wurde er das erste Mal im Dezember des Jahres 1961 in der Live-Sendung „Bitte, lassen Sie sich unterhalten“ ausgestrahlt. Peter Frankenfeld holte ihn dann im März des Jahres 1963 noch einmal ins deutsche TV und zwar im Rahmen seiner Live-Sendung „Guten Abend, Peter Frankenfeld“.
Da der Sketch so gut ankam, entschied man sich beim NDR dazu, eine Aufzeichnung zu machen, die in der Zeit vom 30. April bis zum 4. Mai 1963 im Studio B des NDR in Hamburg mit May Warden und Freddie Frinton aufgenommen wurde. Ursprünglich war geplant, die Aufzeichnung nicht mit Publikum zu machen, aber Frinton bestand auf der Anwesenheit lachender Zuschauer, sodass auf die Schnelle Mitarbeiter des NDR abkommandiert wurden.
Die NDR-Telefonistin Sonja Göth, Ehefrau des Beleuchters Viktor Göth, war eine dieser Zuschauerinnen. Trotz mehrfacher Ermahnung durch den Aufnahmeleiter ließ sie sich nicht davon abbringen, lauthals loszuprusten, wenn ihr danach war, und so ging ihr hervorstechendes Lachen in die TV-Geschichte ein.
Warum beschwerten sich Englisch-Lehrer? In der 1963er Aufzeichnung des Bühnenstücks wird Englisch gesprochen. Im deutschen Fernsehen stellt man dem Sketch allerdings eine deutschsprachige Einleitung des Moderators Heinz Piper voran. Dem unterlief bei seiner Anmoderation ein Fehler. Er zitiert James‘ ikonische Frage mit den Worten: „Same procedure than last year?“ Richtig muss es aber heißen: „Same procedure as last year?“
Das blieb nicht ohne Folgen und im Laufe der Ausstrahlungen meldeten sich immer mehr Englisch-Lehrer, Muttersprachler sowie andere Fans zu Wort, um auf diesen Fehler hinzuweisen. 1988 wurde der Fehler nachträglich behoben und der entsprechende Abschnitt der Tonspur ausgetauscht. Wer ganz genau hinschaut, kann den ursprünglichen Fehler auch heute noch an der Lippenbewegung Pipers erkennen.
Wie heißt der Butler mit Nachnamen? Kenner des britischen Adels meldeten ebenfalls einen Fauxpas an. Miss Sophie spricht ihren Butler in dem Stück mit seinem Vornamen, nämlich James, an. Das ist bei den blaublütigen Herrschaften allerdings absolut unüblich.
Ein Butler wird nämlich mit seinem Nachnamen angesprochen und auch nur mit diesem. Den erfahren wir als Zuschauer der NDR-Aufzeichnung allerdings nicht. In einer frühen Version mit Ernest Egon Regon als Butler, der das Stück mit seiner Ehefrau June Royal aufführte, wurde der Butler nicht mit dem Vornamen James, sondern mit dem Nachnamen Higson angesprochen.
Gibt es nur diese eine Version des Sketches? Im deutschen Fernsehen wird „Dinner for One“ seit 1972 regelmäßig zu Silvester ausgestrahlt. Dabei handelt es sich um die schwarzweiße Version des Klassikers mit May Warden als Miss Sophie und Freddie Frinton als Butler James, die 1963 im Studio B des NDRs in Hamburg in englischer Sprache aufgezeichnet wurde. Das Bühnenstück ist aber sehr viel älter. Der britische Autor Lauri Wylie schrieb es Anfang des 20. Jahrhunderts. Die ersten Aufführungen fanden 1934 statt, damals allerdings noch mit anderen Schauspielern. Witzigerweise übernahm May Warden die Rolle der Miss Sophie von ihrer eigenen Tochter Audrey, die das Stück zusammen mit ihrem Ehemann, dem Schauspieler Len Howe, schon aufführte, lange bevor Freddie Frinton es das erste Mal sah.
Als Frinton die Rolle des Butlers übernahm, führte er das Stück anfänglich noch mit Audrey auf, bis diese die Rolle dann Mitte der 1950er Jahre schließlich endgültig an ihre Mutter May Warden übergab.
Da das „Dinner for One“ so erfolgreich war, ist es vielleicht auch kein Wunder, dass es zahlreiche Neuinszenierungen und Bearbeitungen gab. Für 1968 war eigentlich eine neue Farbaufzeichnung geplant, die aber aufgrund des Ablebens Frintons in selbigem Jahr nicht mehr stattfinden konnte. 1999 wurde stattdessen die alte Schwarzweiß-Fassung am Computer nachkoloriert, was allerdings bei den Fernsehzuschauern nicht so gut ankam.
Zudem wurden zahlreiche weitere Versionen sowie Parodien aufgenommen. „Dinner for One“ gibt es inzwischen u. a. auch in fränkischer, hessischer sowie Kölscher Mundart und auf Plattdeutsch. Otto Walkes und Ralf Schmitz nahmen ihre eigene Version auf, ebenso wie viele andere Schauspieler und Komiker. Einige verlegten die Handlung in die Zukunft, andere in die Vergangenheit.
Das Schweizer Fernsehen nahm ihre Fassung noch mit Freddie Frinton und May Warden im Jahr 1963 auf, die sich aber in einigen Details von der Hamburger Aufzeichnung unterscheidet. So fehlen die deutschsprachige Einleitung sowie einige Requisiten, etwa die weiße Tischdecke oder die Kerzenständer.
Warum wird „Dinner for One“ ausgerechnet zu Silvester ausgestrahlt? Obwohl der eigentliche Sketch komplett in Englisch ist und mit Silvester rein gar nichts zu tun hat, wurde er in Deutschland zu einem echten Klassiker, der seit 1972 regelmäßig zum Jahreswechsel ausgestrahlt wird. Dabei war die Aufzeichnung eigentlich als Lückenfüller geplant und wurde auch anfänglich als solcher immer mal wieder gesendet.
Dass „Dinner for One“ nun ausgerechnet zu Silvester gezeigt wird, hat aber einen Grund. Was passt schließlich besser zu Silvester als Mr. Pommeroys „Happy new year, Miss Sophie!“. Eigentlich war damit ja aber das neue Lebensjahr des Geburtstagskindes gemeint.
Sind nur die Deutschen im „Dinner for One“-Fieber? Die deutsche Aufzeichnung schaffte es sogar in das Guinnessbuch der Weltrekorde als „häufigster jährlich ausgestrahlter Comedy-Sketch“. Seit über 50 Jahren wird die Slapstick-Komödie nun schon zu Silvester gesendet. Das Schweizer Fernsehen nahm schon 1963 eine eigene Version mit Frinton sowie Warden auf und auch in Österreich und Luxemburg schaut man sich den Klassiker gerne an. Interessanterweise war „Dinner for One“ ausgerechnet in Großbritannien bis vor einigen Jahren weitgehend unbekannt und wurde nur vereinzelt ausgestrahlt. Im Gegensatz dazu waren die Dänen, die Schweden und die Norweger schon früh im „Dinner for One“-Fieber. Lediglich in Schweden war der Sketch sechs Jahre lang verboten, da sich die Behörden über den hohen Alkoholkonsum echauffierten. Seit 1969 heißt es aber auch in Schweden wieder „Skal“. Heute lacht man sogar in Südafrika und in Australien über den stolpernden Butler und die seltsame Tischgesellschaft.