Ärztliche Versorgung  Notaufnahmen in der Region stoßen an ihre Grenzen

| | 16.12.2024 19:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Rund 12,4 Millionen ambulante Fälle wurden 2023 in den bundesweiten Notaufnahmen behandelt. Foto: Dittrich/dpa
Rund 12,4 Millionen ambulante Fälle wurden 2023 in den bundesweiten Notaufnahmen behandelt. Foto: Dittrich/dpa
Artikel teilen:

Zigtausende Patienten suchen pro Jahr ärztliche Hilfe in den Notaufnahmen. Bundesweit wurde sogar ein neuer Höchststand verzeichnet. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Berlin/Leer - In deutschen Krankenhäusern sind im vergangenen Jahr mehr als zwölf Millionen ambulante Notfälle behandelt worden. Wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte, waren diese 12,4 Millionen Fälle der höchste Wert seit Beginn der Erfassung 2018. Damit seien im Schnitt täglich 34.000 Menschen in Notaufnahmen behandelt worden. Auch in den Krankenhäusern in Ostfriesland haben die Zahlen neue Höchstwerte erreicht. „Wir sind am Rande unserer Kapazitäten“, sagt Dr. Kirsten Heisler, Leiterin der Notaufnahme am Leeraner Klinikum.

Vergangenes Jahr wurden dort 28.000 Patienten behandelt. „In diesem Jahr werden wir auf knapp 31.000 kommen, 2019 waren es 24.600 – das ist eine enorme Steigerung. Viel mehr geht dann auch nicht mehr, unsere Kapazitäten sind allmählich erschöpft“, sagt die Medizinerin.

Die Mehrheit ist kein Notfall

In der Ammerland-Klinik in Westerstede wurden in diesem Jahr bereits mehr als 37.000 Patienten behandelt. Und auch am Borromäus-Hospital in Leer und dem Krankenhaus Wittmund steigen die Zahlen. Und bei allen Kliniken gilt, dass am Ende maximal 40 Prozent der Patienten aus der Notaufnahme auch stationär aufgenommen werden müssen – die Mehrheit wird lediglich ambulant behandelt.

Laut einer Umfrage des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen (GKV), die dem „RedaktionsNetzwerk Deutschland“ vorliegt, waren sich 28 Prozent derjenigen, die eine Notaufnahme aufgesucht hatten, bewusst, dass sie auch in einer Praxis hätten behandelt werden können.

Der Vorstand der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, kritisiert: „Immer mehr kassenärztliche Bereitschaftsdienste und ambulante Notfallpraxen werden zusammengestrichen.“ Auch die Erreichbarkeit der niedergelassenen Ärzte sei unbefriedigend. „Das ist der Grund, warum Krankenhäuser mit ihren Notaufnahmen überlastet sind.“

Das sehen die Krankenhäuser in der Region genauso. „Häufig kommen Hilfesuchende in die Notaufnahmen, weil sie keinen Hausarzt finden oder keinen zeitnahen Termin beim Facharzt oder in Fachzentren für eine stationäre Versorgung erhalten“, teilt Sabine Grüning, Pressesprecherin der Ammerland-Klinik mit.

Es fehlen Haus- und Fachärzte

„Vor allem auch außerhalb der Öffnungszeiten von Arztpraxen nutzen viele Patienten die Notaufnahme auch als Ersatz für einen Besuch beim niedergelassenen Arzt“, bestätigt auch Hauke Mucha, Pressesprecher am Borro. „Es lässt sich definitiv festhalten, dass die Kolleginnen und Kollegen in der Notaufnahme einem immer höheren Arbeitsaufwand und Patientenaufkommen ausgesetzt sind.“

Dabei befinde sich in den Räumlichkeiten des Borromäus Hospitals auch die Bereitschaftsdienstpraxis der niedergelassenen Ärzte. „Diese ist in Zeiten außerhalb der üblichen Praxisöffnungszeiten – zum Beispiel abends oder am Wochenende – für die Behandlung von nicht lebensbedrohlichen Beschwerden, etwa hohem Fieber, starken Bauchschmerzen oder Erbrechen zuständig. Die Kollegen der Notaufnahme verweisen Patienten, die keine Notfälle sind im Zweifel an den Bereitschaftsdienst, gelegentlich kommt es aber vor, dass die Patienten keine Einsicht zeigen und auf eine Behandlung in der Notaufnahme bestehen“,erklärt Mucha.

Aber auch „die Schließung umliegender Notaufnahmen“ führt zu einem Anstieg der Patienten in der Notaufnahme am Krankenhaus Wittmund (2023: 16.415 – in diesem Jahr bisher 18.500), sowie die „niedrige Facharztdichte“, heißt es auf Nachfrage.

Für viele, die wider besseres Wissen ins Krankenhaus gegangen sind, spielt offenbar das Problem, bei niedergelassenen Ärzten keinen zeitnahen Termin zu bekommen, die entscheidende Rolle. Das zeigt die GKV-Umfrage: Auf die Frage, ob die Versicherten auf den Gang ins Krankenhaus verzichtet hätten, wenn sie über die Terminservicestellen innerhalb von 48 Stunden einen Termin erhalten hätten, antworteten 58 Prozent der Befragten mit Ja. „Wenn Versicherte nur deshalb die Notaufnahme im Krankenhaus aufsuchen, weil sie keine Sprechstundentermine in einer ärztlichen Praxis erhalten, dann läuft etwas gewaltig schief“, sagte die stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Spitzenverbandes, Stefanie Stoff-Ahnis.

Kein kinderärztlicher Notdienst mehr in Ostfriesland

„Ich habe schon einige Patienten gehabt, die neu nach Ostfriesland gezogen sind und sagen, wir finden einfach keinen Hausarzt oder Facharzt“, bestätigt auch Dr. Heisler. Viele niedergelassene Kollegen fänden einfach keinen Nachfolger und die Praxen müssten schließen. „Zehn bis 20 Prozent der Fälle müssten sicher nicht zu uns die Notaufnahme kommen“, schätzt Heisler. Die Patienten werden vor Ort nach Dringlichkeit eingeteilt – und müssen dann zum Teil lange warten. „Das erklären wir denen auch“, so Heisler. Zudem könne man an einem Bildschirm verfolgen, wann man an die Reihe komme.

In die Notaufnahme beim Klinikum Leer kommen zudem besonders viele Eltern mit ihren Kindern. Es fehle an Kinderärzten und es gebe auch keinen kinderärztlichen Notdienst mehr, so Heisler. „Deshalb kommen viele Eltern mit ihren Kindern direkt zu uns, weil sie wissen, dass hier am Haus Kinderärzte sind.“ Einen 24-Stunden kinderärztlichen Notdienst gebe es aber am Klinikum Oldenburg. „Da haben mir schon Eltern gesagt, dass ihnen der Weg zu weit war.“

Man habe die Besetzung in der Notaufnahme am Klinikum bereits personell aufgestockt und auch Strukturen verbessert, erklärt Heisler. „Wir sind viel effektiver geworden, aber viel mehr Luft nach oben haben wir nicht.“

Wer nicht lebensbedrohlich erkrankt ist, kann sich auch an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117 wenden. Die Praxis befindet sich am Leeraner Borromäus-Hospital. Sie ist in Zeiten außerhalb der üblichen Praxisöffnungszeiten – zum Beispiel abends oder am Wochenende – für die Behandlung von nicht lebensbedrohlichen Beschwerden, etwa hohem Fieber, starken Bauchschmerzen oder Erbrechen zuständig.

Mit Material von dpa

Ähnliche Artikel