Hochwasser  So eng war es an Weihnachten 2023 in Langholt wirklich

| | 16.12.2024 11:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Mit vereinten Kräften wurde an Weihnachten in Langholt (Bild) und Hollen der Deich gesichert. Foto: Hellmers
Mit vereinten Kräften wurde an Weihnachten in Langholt (Bild) und Hollen der Deich gesichert. Foto: Hellmers
Artikel teilen:

Das Hochwasser hat vergangenes Jahr an Weihnachten die Region in Atem gehalten. Wie knapp war es wirklich und wie wurde der Schutz in diesem Jahr verbessert?

Langholt/Hollen - Nur noch wenige Tage und das Weihnachtshochwasser in Langholt und Hollen jährt sich zum ersten Mal. Es war der erste Weihnachtstag 2023, als gegen Mittag die ersten Feuerwehren im Landkreis Leer alarmiert wurden. Es folgten bange Stunden bis in den nächsten Vormittag hinein, um Deichbrüche zu verhindern. Zwischenzeitlich wurden sogar eine Evakuierung der Menschen in unmittelbarer Nähe vorbereitet. Wie ist die Lage nun an den Deichen?

Herausforderungen im Oberledingerland

Jeder, der sich mit dem Wasser im Landkreis Leer beschäftigt, nennt immer gerne das Beispiel: „Das Oberledingerland ist wie eine Schüssel.“ Gemeint ist, dass das Gebiet besonders tief liegt. Kommt es irgendwo zu Hochwasser, läuft die „Schüssel“ voll Wasser. Das zeigt auch eine Karte, die bei Joachim Eckhoff auf dem Schreibtisch liegt. Er leitet das Amt für Wasserwirtschaft des Landkreises Leer. Die Karte zeigt den Verlauf von Ems, Leda und Jümme sowie alle Polder. Auffällig: fast alle Polder liegen im Oberledingerland. Der Name des Gebietes der Gemeinden Westoverledingen, Ostrhauderfehn und Rhauderfehn sagt schon alles: „Land über der Leda.“ Das Wassermanagement in dem Gebiet sei schon aufwendig, sagt Eckhoff.

Wassermanagement und technische Lösungen

Das sieht Meino Kroon genauso. Er ist Geschäftsführer des Leda-Jümme-Verbandes. Er kümmert sich im speziellen um das Wasser, was in Richtung Leda und Jümme fließt. Er erklärt, Richtung Rheiderland fließt vor allem das Wasser vom Dollart, der Nordsee und der Ems. Das Regenwasser, das etwa aus dem Hümmling oder dem Ammerland in Richtung Nordsee fließt, passiert auf dem Weg das Oberledingerland.

Überschwemmung an der Straße am Buchweizenkamp in Langholt. Foto: Hellmers
Überschwemmung an der Straße am Buchweizenkamp in Langholt. Foto: Hellmers

Das war im vergangenen Jahr eben viel, viel mehr als sonst. „Normalerweise fallen pro Jahr 700 Liter Niederschlag pro Quadratmeter“, sagt er. 2023 waren es 1033 – und das zweite Halbjahr sei deutlich mehr betroffen gewesen, sagt Kroon. Die Situation hat sich an Weihnachten zugespitzt.

Schöpfwerke helfen bei Ebbe

Gewöhnlich läuft das Wasser über die Rote Riede in den Hauptfehnkanal und von dort in die Leda und dann in die Ems. Das funktioniert dank der Gezeiten. Bei Ebbe fließt das Wasser weiter Richtung Nordsee. Wenn die Ebbe nicht stark genug ist, gibt es technische Hilfsmittel: die Schöpfwerke. Die Pumpen dort – salopp formuliert – helfen bei schwachen Gezeiten nach.

Beim Schöpfwerk in Rhauderfehn wurde die Pumpe ausgebaut (Foto) und durch eine neue ersetzt. Foto: Ammermann
Beim Schöpfwerk in Rhauderfehn wurde die Pumpe ausgebaut (Foto) und durch eine neue ersetzt. Foto: Ammermann

Eines dieser Schöpfwerke befindet sich am Untenende in Westrhauderfehn. Dort wo einst der Verlaat war. Das 1961 gebaute und 1983 durch Pumpen verstärkte Werk wurde in diesem Jahr aufwendig für einen Millionenbetrag saniert. Bis zu 8000 Liter pro Sekunde können dort nun vom Untenender Kanal in Richtung Nordsee gepumpt werden.

Historische Hochwasserereignisse

Je weiter das Wasser Richtung Nordsee kommt, desto entspannter sei die Lage, erklären Kroon und Eckhoff übereinstimmend. Denn die Deiche an Leda und Ems wurden vor den Sperrwerken geplant. Dadurch seien die Deiche bis etwa Schatteburg noch auf Sturmflutniveau geplant und gebaut. Spätestens nach mit der Fertigstellung des Emssperrwerkes bei Gandersum 2002 kam aber keine Sturmflut mehr soweit ins Land.

Dammbau an der 4. Südwieke in Rhauderfehn: Nach der Schneekatastrophe 1979 ließ Schmelzwasser die Pegel steigen. Foto: GA-Archiv
Dammbau an der 4. Südwieke in Rhauderfehn: Nach der Schneekatastrophe 1979 ließ Schmelzwasser die Pegel steigen. Foto: GA-Archiv

Das Ledasperrwerk bei Leer wurde am 29. Juli 1954 in Betrieb genommen. Wie wichtig es sein wird, zeigte sich einige Wochen vor der Inbetriebnahme. An verschiedenen Stellen stürmte im Januar Wasser über die Binnendeiche, vor allem südlich von Potshausen. Mehrere Straßen waren überspült.

Eine Sturmflut hatte 1954, ein halbes Jahr vor Inbetriebnahme des Sperrwerkes, die Straße von Potshausen nach Stickhausen überflutet. Foto: Leda-Jümme-Verband
Eine Sturmflut hatte 1954, ein halbes Jahr vor Inbetriebnahme des Sperrwerkes, die Straße von Potshausen nach Stickhausen überflutet. Foto: Leda-Jümme-Verband

Schneekatastrophe und Hochwasser

„Das Leda-Sperrwerk hätte jetzt schon gute Dienste tun können“, hieß es damals in dieser Zeitung. Seit Juni war die Gefahr von der Leda aus gebannt. „Land unter“ hieß es allerdings in den folgenden Jahren dennoch ab und an.

Das Leda-Sperrwerk in Leer ist ein wesentlicher Baustein im Kampf gegen das Wasser von der Nordsee. Foto: GA-Archiv
Das Leda-Sperrwerk in Leer ist ein wesentlicher Baustein im Kampf gegen das Wasser von der Nordsee. Foto: GA-Archiv

Etwa nach der Schneekatastrophe im Winter 1979 sorgte das Tauwetter für eine Überschwemmung. Schwerpunkt der Überschwemmung war das Gebiet um die Rajenwieke in Rhauderfehn. Die Straßen am Kanal lagen relativ tief. Angespannt war die Lage in jenen Tagen, weil das Wasser aus dem Oldenburger Land nach drückte. Die Thülsfelder Talsperre und das Bad Zwischenahner Meer waren bereits vollgelaufen.

So eng war es Weihnachten wirklich

Diese Hochwasser im Oberledingerland sind aber selten geworden. Beim Deichschutz und auch eben bei den Poldern, eine Art „Überlaufbecken“ hat sich viel getan. Heute betreibt der Leda-Jümme-Verband 13 Polder und ein Regenrückhaltebecken. Besonders wichtig ist der Polder Holter Hammrich.

Am zweiten Weihnachtstag 2023 kämpften die Feuerwehren in Langholt gegen das Hochwasser. Foto: Hellmers
Am zweiten Weihnachtstag 2023 kämpften die Feuerwehren in Langholt gegen das Hochwasser. Foto: Hellmers

Das 230 Hektar große, zwischen Holte und Potshausen gelegene Staubecken kann gewaltige Wassermassen – bis zu 3,8 Millionen Kubikmeter – aufnehmen.

Zurück zum Weihnachtsfest 2023: Es war also viel Regen gefallen und von der Nordsee kam eine Sturmflut. Daher war das Emssperrwerk geschlossen. Damit war zumindest eine der beiden Gefahren gebannt. Das Problem: Das Wasser konnte durch das geschlossene Sperrwerk ebenfalls nicht ablaufen.

Das Foto wurde an derselben Stelle in Langholt aufgenommen – allerdings acht Tage später. Foto: Hellmers
Das Foto wurde an derselben Stelle in Langholt aufgenommen – allerdings acht Tage später. Foto: Hellmers

Platz im Polder, aber nicht in der Roten Riede

Dadurch kam es zu der brenzligen Situation in Langholt. Dort war praktisch das Nadelöhr für das Wasser auf dem Weg Richtung Nordsee. Da floß viel mehr Wasser, als der Fluss aufnehmen kann, erklärt Kroon. Dadurch stand das Wasser eben zu lange am Deich und der weichte auf. Der Polder in unmittelbarer Nähe, das Langholter Meer, war bereits randvoll. Hunderte Feuerwehrleute kämpften eine Nacht lang mit Sandsäcken gegen einen Deichbruch.

In Langholt gab es an Weihnachten einen Großeinsatz der Feuerwehren. Foto: Hellmers
In Langholt gab es an Weihnachten einen Großeinsatz der Feuerwehren. Foto: Hellmers

Dass, so betonen es beide übereinstimmend, sei die brenzligste Situation in ihrer Amtszeit gewesen, insbesondere in Langholt. Bei beiden sind das immerhin schon mehr als drei Jahrzehnte.

Vermutlich wären bei einem Deichbruch in Hollen überwiegend Gärten und Felder betroffen gewesen, sagen die beiden Experten. In Langholt waren allerdings auch einige Häuser bedroht, durch das Wasser Schäden zu nehmen, sagt Kroon. Weiter nördlich von dort gab es auch noch genügend Kapazitäten für das Wasser. Aber an jenem Punkt war die Rote Riede zu eng und das Wasser blieb zu lange im Fluss. Und noch etwas: Geplant war beim Bau der Polder, dass das Wasser dort sechs bis acht Tage steht, nun seien es bis zu 17 Tage, da die starken Ebben fehlten. In den Poldern Leer, Holte und Detern sei trotzdem auch jeweils mehr als 15 Prozent Platz gewesen.

Wie die „Schüssel“ nun geschützt werden soll

Für eine „Schüssel“ die andauernd droht mit Wasser vollzulaufen, eigentlich keine schlechte Bilanz. Für die die Anwohner allerdings auch ein schwacher Trost. Doch es werde seit dem auch geschaut, was verbessert werden kann, sagt Kroon. Der Deich in Langholt wurde über den Sommer für 220.000 Euro repariert und verstärkt, so Kroon.

Meino Kroon und Focke Bohlen erläuterten im Frühjahr ihre Pläne an der Roten Riede in Langholt. Foto: Hellmers
Meino Kroon und Focke Bohlen erläuterten im Frühjahr ihre Pläne an der Roten Riede in Langholt. Foto: Hellmers

Wer bezahlt den Deichbau?

Wer das finanziere, ist noch unklar. Der Verband hat das Geld vorgestreckt und hofft nun, dass durch eine Förderung des Landes Niedersachsen erstattet zu bekommen. Darüber werde vermutlich erst im nächsten Jahr entschieden. Doch der Deich sollte vor dem Winter wieder fertig sein und dem nächsten Hochwasser standhalten. In Hollen wurde der Deich durch Mitarbeiter des Verbandes repariert. Dort wurden 30.000 Euro in Material investiert. Auch für die nächsten Jahre gebe es schon Pläne, den Hochwasserschutz zu verstärken.

An dem zurückgelassenen Sand konnten die kritischen Stellen nach dem Weihnachtshochwasser erkannt werden
An dem zurückgelassenen Sand konnten die kritischen Stellen nach dem Weihnachtshochwasser erkannt werden

Das ergab die Deichschau

Mittlerweile wurden sämtliche Deiche im Landkreis auch überprüft. Die Fäden bei der traditionellen Deichschau laufen bei Eckhoff vom Landkreis Leer zusammen. „Deiche an Ems und teilweise an der Leda wurden dafür Meter für Meter abgelaufen und begutachtet. Hält die Grasnarbe den Herbststürmen stand?

Die Schau hat keine Mängel ergeben. Die weiteren Deiche wurden punktuell überprüft. Die Deiche wurden für schaufrei erklärt“, sagt Eckhoff. Dass heißt, die sind in Ordnung. Er und Kroon gehen davon aus, dass wir in Sachen Hochwasser gut durch den Winter kommen.

Ähnliche Artikel