Berlin  Ex-Rektorin der Rütli-Schule: Bei Gewalt endet die Toleranz

Sören Becker
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Von Sören Becker
| 15.12.2024 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Cordula Heckmann war lange Schulleiterin der Berliner Rütli-Schule. Foto: Anke Illing
Cordula Heckmann war lange Schulleiterin der Berliner Rütli-Schule. Foto: Anke Illing
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Die Zustände an der Berliner Rütli-Schule haben Deutschland schockiert. Doch die Schule hat die Kurve gekriegt und ist jetzt eine Berliner Vorzeigeschule. Maßgeblich verantwortlich dafür ist Cordula Heckmann. Im Interview erzählt sie, wie das klappen konnte.

Sind Problemschulen, wie die Berliner Bergius-Schule zu retten? Die Lehrer dort haben vor kurzem in einem Brandbrief über Gewalt, Überforderung und andere unhaltbare Zustände geklagt. Es gebe eine „bedrohliche Gewaltbereitschaft“ und ständige „verbale Übergriffe“. Eine, die Erfahrung mit den Folgen solcher Brandbriefe hat, ist Cordula Heckmann. 2006 hatte das Kollegium an der Rütli-Schule in einem ähnlichen Brief über Vandalismus und Gewalt an ihrer Schule geklagt.

Schüler würden das Lehrpersonal mit Gegenständen bewerfen, Gegenstände zerstören und Knallkörper in der Schule zünden. „Der Intensivtäter wird zum Vorbild“ heißt es dort. Die Schulleitung war zu diesem Zeitpunkt seit Jahren verwaist gewesen. Nach der Aufregung um den Brief wurde Heckmann zur Schulleiterin ernannt. Ein Amt, dass sie mit einigem Erfolg ausgeübt hat. Ihre Schule, die mittlerweile unter dem Namen Rütli-Campus arbeitet, ist heute eine Berliner Vorzeigeschule, die von der Senatsverwaltung immer wieder als Vorbild zitiert wird.

Auch bei Eltern ist sie beliebt: Nachdem dort lange kaum jemand freiwillig seine Kinder angemeldet hat, gibt es heute mehr Bewerber als die Schule Plätze hat. Die 66-Jährige war bis 2023 Schulleiterin der Berliner Rütli-Schule. Seit Anfang des Jahres leitet sie den Fachbeirat Inklusion in der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie. Wie sie mit gewalttätigen Jugendlichen umgeht und warum sie kein Kind aufgeben will, erklärt sie im Interview.

Frage: Frau Heckmann, nach dem berühmten Brandbrief der Rütli-Schule sind Sie dort zur Schulleiterin ernannt worden und haben es geschafft, die Situation deutlich zu verbessern. Rütli ist jetzt eine Berliner Vorzeigeschule. Aber wie kam es zu den schlimmen Zuständen dort?

Antwort: Damals gab es in Berlin noch Hauptschulen und Hauptschulen waren das Sammelbecken für Schüler mit großen Schwierigkeiten. An der Rütli-Schule kam als großes Problem hinzu, dass es keine Schulleitung gab. Das war eine weitere hohe Belastung für das Kollegium, die einen hohen Krankenstand zur Folge hatte. Zudem war der Norden von Neukölln damals ein schwieriges Viertel mit vielen armen Kindern und einem hohen Migrationsanteil.

Frage: Und wegen des schlechten Rufes wollten viele Eltern ihre Kinder wahrscheinlich nicht dorthin schicken.

Antwort: Das ist richtig. Viele der Schüler wurden uns in den ersten Jahren nach dem Brandbrief zwangszugeteilt, weil die Eltern sie nicht rechtzeitig angemeldet oder sie keine andere Schule gefunden hatten. Wir waren also die letzte Zuflucht für viele schwierige Schüler. Zusätzlich haben auch einige Lehrer den Schulstandort verlassen, sodass die ersten Jahre wirklich fordernd waren. Das war eine Art Teufelskreis. Aber Angst um sein Leben hatte, glaube ich, niemand. Auch wenn man, so wie ich, eine zierliche Frau ist. Aber natürlich kann pubertierendes Verhalten einschüchternd wirken.

Frage: Warum muss man dann so einen Brandbrief schreiben?

Antwort: Meine Empfehlung ist es nicht, Brandbriefe zu schreiben. Aber natürlich sind solche Briefe ein Ausdruck großer Verzweiflung. Die Hauptbotschaft ist: Es muss sich dringend etwas ändern und wir brauchen Unterstützung. Das Rütli-Kollegium damals hatte nicht mehr den Glauben an die eigene Kraft und fühlte sich von den Verantwortlichen allein gelassen.

Frage: Warum war die Lage an Ihrer Schule damals schlimmer als anderswo?

Antwort: Das glaube ich gar nicht. In jeder größeren oder kleineren Stadt gibt es sicherlich bis heute eine Schule, die einen ähnlich eindrucksvollen Brief schreiben könnte. Aber wir waren damals die lautesten. Wenn Rütli ein Einzelfall gewesen wäre, hätte die ganze Sache nicht so viel öffentliches und politisches Interesse geweckt. Dass die Rütli-Schule mit diesen Herausforderungen so sichtbar geworden ist, ist wohl eher ein Zufall der Geschichte. In Berlin hat die Bergius-Schule ja jüngst einen ähnlichen Brief geschrieben. Ganz egal wie schlimm die Lage ist, Schule hat den Auftrag Kindern einen guten Lernort zu bieten. Wir dürfen kein Kind aufgeben.

Frage: So ein Brief bringt allerdings ein gewisses Stigma für Schüler und Lehrer mit sich.

Antwort: Das ist die Schwierigkeit von solchen Brandbriefen. Ganze Schülergruppen werden da kollektiv beschädigt. In der öffentlichen Wahrnehmung wurden unsere Schüler allesamt als gewaltbereite Bildungsversager mit einem offensichtlich anderen kulturellen Hintergrund gebrandmarkt. Mit entsprechenden Folgen zum Beispiel für ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Frage: Wie haben Sie das Ruder herumgerissen?

Antwort: Wir haben aus der Rütli-Hauptschule eine Gemeinschaftsschule von Klasse 1 bis Klasse 13 gemacht, in der die Kinder von Klasse 1 bis 10 unabhängig von ihren Begabungen zusammen lernen. Die Schule ist Teil des Campus Rütli, zu dem zwei Kitas, eine Jugendfreizeiteinrichtung und das Stadtteilzentrum mit der Pädagogischen Werkstatt gehören. Das hat die Hürden für einen höheren Schulabschluss deutlich reduziert. Wir haben außerdem den gebundenen, rhythmisierten Ganztag von acht bis 16 Uhr eingeführt. Wir sind zu einer Kiezschule geworden, die eng mit dem Sozialraum verbunden ist. Und wir haben versucht, die Schwächen der Schüler in Stärken zu verwandeln. Etwa indem wir die Möglichkeit geschaffen haben, Sprachzertifikate in Arabisch oder Türkisch zu erwerben, die dann ein zusätzlicher Baustein ihrer beruflichen Qualifizierung sind. Der gebundene Ganztag hat vielfältige Möglichkeiten außerhalb der normalen Unterrichtsfächer geschaffen, wie zum Beispiel das Soziale Lernen, Jungen- und Mädchengruppen, Sport- und Musikangebote. So konnten wir gut an den Interessen und Bedürfnissen der Schüler anknüpfen.

Frage: Was war die Bedeutung des längeren, gemeinsamen Lernens? Diese Diskussion wird auch in anderen Bundesländern geführt.

Antwort: Ich bin mittlerweile im Pensionsalter, aber schon als ich vor vierzig Jahren studiert habe, gab es Bücher, in denen die Hauptschule als „Restschule“ bezeichnet wurde, in der die unterkommen, die für andere Schulformen nicht taugen. Je früher wir die Schüler ausdifferenzieren, desto weniger Gelegenheit haben die Schwächeren sich an den Stärkeren zu orientieren. Dieses Voneinander- und Miteinander-Lernen ist aber unheimlich wichtig. Zudem wird in vielen Bundesländern in einem Alter ausgesiebt, in dem die Kinder in die Pubertät kommen. Die Hormone führen oftmals zu einem Leistungstief, aber die Pubertät geht vorbei. Menschen sind entwicklungsfähig, das gilt vor allem für Kinder und Jugendliche. Wenn die Schüler dann auf eine weniger angesehene Schulform geschickt werden, sind sie aber erstmal weg und schaffen es oft nicht immer, sich zurück zu kämpfen.

Frage: Wie lange dauert so ein Prozess?

Antwort: Man sagt, dass Schulentwicklungsprozesse ungefähr zehn Jahre dauern. Man kann den Schalter nicht einfach umlegen, gerade wenn ein Ruf so ramponiert ist, wie das bei uns damals der Fall war. Erst in den letzten beiden Jahren meiner Berufstätigkeit konnte ich etwas durchatmen. Da hatte Rütli dann laufen gelernt. Zunehmend haben die jüngeren Lehrkräfte mit den Hufen gescharrt und wollten Verantwortung übernehmen. Das hat mich gefreut.

Frage: Manche Menschen haben das Gefühl, dass man gerade mit migrantischen Schülern härter umgehen muss. 

Antwort: Ganz egal, ob es Migranten sind oder nicht: Wenn Kinder sich schlecht benehmen, müssen sie Grenzen aufgezeigt bekommen. Wichtiger als die Härte ist hier aber die Schnelligkeit und die Konsequenz der Strafe. Bei Gewalt, auch verbaler und digitaler, endete bei uns ganz klar die Toleranz. Bei all dem darf aber das klärende Gespräch, das auf Erkenntnis setzt, nicht fehlen, Genauso wichtig aber ist auch das Lob und die Bestätigung von Schülern. So ist beides Aufgabe von Erziehenden: Grenzen aufzeigen und Erkenntnisprozesse in Gang setzen. Diese Balance muss man finden. 

Frage: Man hört immer wieder, dass weibliche Lehrkräfte Schwierigkeiten haben zu migrantischen Eltern und Schülern durchzudringen.

Antwort: Ich bin eine Frau und ich habe mich durchgesetzt. Wenn Eltern, zum Beispiel aus kulturellen Gründen, meine Autorität nicht respektiert haben und mit mehreren Leuten in meinem Büro standen, habe ich ihnen freundlich, aber klar vermittelt, dass ich hier die Schulleiterin bin und meine Entscheidungen gelten. Wenn sie das nicht respektiert haben, habe ich auf mein Hausrecht verwiesen und notfalls auch mit der Polizei gedroht. Das kam zwei-, dreimal vor, dann wurden die Spielregeln akzeptiert. So konnten wir immer vertrauensvoll mit den Eltern zusammenarbeiten.

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