Osnabrück Das große Werk und seine Faszination: Warum Notre-Dame Elon Musk um Längen schlägt
Der Brand von Notre-Dame schockierte 2019 die Welt. Nach nur fünf Jahren wird die Kathedrale wieder eröffnet. Das große Werk fasziniert – nicht nur als nationale Kraftanstrengung.
Notre-Dame wird wiedereröffnet. Man muss nicht religiös sein, um darin ein gutes, ein bewegendes Zeichen zu sehen. Mich erreicht dieses Zeichen auch, als gute Nachricht in einer Zeit, in der die Horrormeldungen gar nicht abreißen wollen, ein Gefühl der Verunsicherung allgemein geworden ist. Notre-Dame wieder offen: Wer darin nur eine Nebensächlichkeit sieht, hat die Wirkungskraft von Symbolen nicht verstanden.
Die Königin aller Kathedralen brennt! Am 15. April 2019 schreckte dieser Ruf Paris, Europa, ja, die Welt auf. Fünf Jahre später scheint jene Wunde geschlossen, die der Brand des Gotteshauses in das Stadtbild von Paris und in das Selbstbewusstsein aller Europäer gerissen hat. Mich faszinieren die ersten Bilder aus dem Inneren der neuen Notre-Dame. Weiße Wände und Gewölbe, überall strahlendes Licht – so viel Schönheit heilt und versöhnt.
Ich finde, dass dieser Bau nicht nur als Leistung der Ingenieure und der Logistik, nicht nur als politischer Willens- und nationaler Kraftakt zu bewundern ist. Ich finde einen anderen Punkt noch wichtiger: das Werk der vielen Hände. Im Wiederaufbau von Notre-Dame haben Menschen zusammengefunden, sich als wirksam erfahren. Was zählt, ist die gemeinsame Leistung, nicht der schnelle Gewinn. Nicht Algorithmen steuern, die Arbeit der Hände schafft wirklichen Wert – materiell und ideell.
Während digitale Transformationen das Leben noch im kleinsten seiner Winkel verwirbeln, entfaltet Notre-Dame seine überzeitlich wirkende Ruhe. Der Wiederaufbau dieser Kathedrale aller Kathedralen hat nicht allein übermenschlich erscheinende Anstrengung verlangt, er hat auch mitmenschlich berührende Erfahrungen eröffnet. Jeder Einzelne hat gezählt, mit seinen Fähigkeiten und Erfahrungen. Fehlt nicht vielen Menschen im Alltag genau dieses Gefühl?
Mich berührt, dass die Menschen, die Notre-Dame wiederaufgebaut haben, nicht nur hart gearbeitet, sondern auch miteinander gesungen haben. Wie schön muss das gemeinsam erfahrene Leben sein, wenn Arbeit genau dazu führt – zur Gemeinschaft, zur Communitas, nicht zur Ich-AG. Notre-Dame schlägt Elon Musk: So ließe sich diese Erfahrung auf den Punkt bringen.
Von Notre-Dame geht ein Gefühl der Zeitlosigkeit aus. Wie jede Kathedrale wirkt sie mit ihrer Stabilität als Anker in der Zeit, als Versprechen einer Kontinuität, die niemals abreißt. In der Kathedrale bündelt sich die kollektive Anstrengung von Jahrhunderten. Deshalb auch erkennen sich in ihr alle wieder. Wer an diesem großen Bau mitgearbeitet hat, schreibt sich in die Geschichte ein, hat ein Stück Ewigkeit für sich gewonnen. Ich behaupte: Viele träumen genau davon, mitten in ihrer Alltagshast.
Die Kathedrale ist Sinnbild für den großen Bau schlechthin, Symbol der Perfektion selbst. Victor Hugo, der Verfasser des Romans „Der Glöckner von Notre-Dame“, nannte die Pariser Kathedrale „eine ungeheure steinerne Symphonie“, pries ihre Fassade als „wunderbares Erzeugnis der gesammelten Kräfte einer Zeit“. Damit war er dem Geheimnis der Kathedrale selbst ganz nahe. Mit ihren steilen Gewölben und strahlenden Fensterrosetten, als gebauter Gipfelgang am Limit der Schwerkraft, entgrenzt sie das Leben und führt es wie in einer geheimen Mitte wieder zusammen. In dieser Dynamik liegt ihre Magie.
Ich habe keinen Sinn für Mystik, möchte mich nicht entrückt fühlen. Trotzdem spüre ich den besonderen Augenblick und bitte alle, es mir in diesem Punkt gleich zu tun. Der Wiederaufbau von Notre-Dame in Rekordzeit liefert das Musterbeispiel dafür, dass etwas gelingen kann, dass es möglich ist, selbst auf ein Desaster eine positive Antwort zu finden. Das sollte Mut machen.
Deshalb wird wohl nicht nur Frankreichs Präsident, der politisch gebeutelte Emmanuel Macron diesen Moment still genießen. Alle seine Vorgänger haben sich mit grand projets, mit Großprojekten in die Geschichte einzuschreiben versucht. Macrons Name verbindet sich mit dem Wiederaufbau von Notre-Dame und mit jenem Zentrum für die französische Sprache, das er in dem Schloss Villers-Cotterêts bei Paris eröffnet hat. Kulturarbeit als Dienst an der Geschichte einer großen Zivilisation: Auch darin liegt eine Botschaft.
Und da ist noch eine. Sie betrifft alle Europäer. Sie sollten sich, ob gläubig oder atheistisch, in dem Wiederaufbau Notre-Dames wiedererkennen. In der Kathedrale dürfen sie getrost eines ihrer gemeinsamen Symbole sehen. Anders gesagt: Es ist die kulturelle Leistung, die über Frankreich hinaus Europäer zusammenführt. In ihr finden sie sich wieder, mindestens ebenso sehr wie im Euro und der Fahne mit den zwölf goldenen Sternen. Darf der Ausdruck der Freude darüber auch einmal ein bisschen pathetisch klingen? Ja, ich finde schon.