Berlin Alice Weidel – wie weit wird die Höcke-Weichspülerin kommen?
Schon zum dritten Mal wird Alice Weidel am Samstag zur AfD-Spitzenkandidatin nominiert. Zum ersten Mal steht sie ganz alleine vorn, und diesmal sogar als Kanzlerkandidatin. Die smarte Ökonomin hat ihre Position als modernes Gesicht der Rechtsaußen-Partei gefestigt. Wie weit wird sie kommen?
Die AfD ist ein „gäriger Haufen“. So hat sie Parteigründer und Ehrenpräsident Alexander Gauland einst genannt. Alice Weidel führt die Partei, die Rechtsextreme wie Björn Höcke in ihren Reihen hat, als Kanzlerkandidatin in die Bundestagswahl. Am Samstag ist sie nominiert worden. Ein Porträt.
Björn Höcke führte den inzwischen aufgelösten „Flügel“ der AfD, er verkörpert die fremdenfeindliche, völkische und gesellschaftlich traditionalistische Strömung. Alice Weidel inszeniert sich geschickt als frischen Gegenpol. Zum Beispiel am 10. November.
Im Zürcher Kongresshaus debattierte die Teilzeit-Schweizerin an dem Abend über die Regierungskrise in Deutschland. Im Publikum saß Weidels Frau Sarah Bossard. Gegen Ende, so berichtete der „Tages-Anzeiger“, richtete sich Weidel von der Bühne an Bossard, mit der sie zwei Kinder großzieht, und sagte: „Sarah, ich liebe Dich.“
Der „Spiegel“ fragte schon bei ihrer ersten Spitzenkandidatur: „Wieso kandidiert eine lesbische Frau für eine Partei, die schwule Paare mit Kindern nicht für vollwertige Familien hält? Wieso verharmlost Weidel den Rassismus der AfD, obwohl ihre Lebenspartnerin aus Sri Lanka stammt, die gemeinsamen Kinder dunkelhäutig sind?“
Im Gespräch mit unserer Redaktion sagte sie vor der letzten Wahl: „Homophobe Attacken tangieren mich überhaupt nicht, denn diejenigen, die so reden, die haben mit sich ein Problem, das mache ich mir nicht zu eigen“.
Weidel ist nicht nur ein Gegenpol zu Höcke, auch zu Tino Chrupalla, mit dem sie bei der letzten Wahl noch im Tandem antrat. Sie: die weltgewandte Ökonomin – für ihre Promotion über das chinesische Rentensystem lebte sie lange im Reich der Mitte – mit Ausstrahlung und Temperament. Er: der biedere Malermeister aus Krauschwitz in der Oberlausitz, fest verwurzelt im Osten.
Beide dienen als unterschiedliche Identifikationsfiguren. Chrupalla steht für den ehrlichen Arbeiter, der sich von „denen da oben“ ignoriert und gedemütigt fühlt. Sie steht für die oft gut situierte Parteiklientel im Westen; rechts-liberal statt rechtsextrem.
Einig sind sich beide im maximal pragmatischen Umgang mit den Radikalen um Höcke. Nach Erfolgen wie bei den Landtagswahlen im Osten wird gemeinsam gefeiert. Den Rauswurf des Brandenburger Neonazis Andreas Kalbitz wollten beide 2020 verhindern, damals setzte sich der inzwischen zur Werteunion übergewechselte Parteichef Jörg Meuthen durch. Denn die früheren Flügel-Leute bleiben wichtig für das gemeinsame „Projekt 2029“ mit dem Ziel, erst in Ost-Ländern und dann im Bund an die Macht zu kommen.
Von ihren Überzeugungen gehören weder Weidel noch Chrupalla zu den Rechtsradikalen. Den „Remigrations“-Plänen, also Massenabschiebungen von Menschen ausländischer Herkunft, haben sie sich nicht angeschlossen. Und eine von Höcke angepeilte Kandidatur für ein Bundestagsmandat wusste die Doppelspitze zu verhindern. Der Scharfmacher wird in Erfurt bejubelt, in Berlin ist er unerwünscht, da will ja Weidel strahlen.
Und die Kanzlerkandidatin will die AfD gemäßigter ausrichten, harmlos erscheinen lassen. Vorbild ist die italienische Postfaschistin Giorgia Meloni, der auch Olaf Scholz und Ursula von der Leyen die Hand schütteln. Gemeinsam mit Chrupalla drängt Weidel auf die Trennung von der rechtsextremistischen „Jungen Alternative“ und hat es geschafft, den Leitantrag für das Wahlprogramm zu entschärfen. Von „Remigration“ soll darin nichts stehen, auch wenn das auf dem Parteitag im Januar in Riesa noch für Unruhe im „gährigen Haufen“ sorgen wird. Der Versuch Weidels, die AfD für enttäuschte CDU-Wähler hübsch zu machen, gefällt längst nicht jedem.
Im Bundestagsplenum setzt Weidel weiterhin auf volle Provokation, schürt Wut und bedient Ressentiments. „Diese Regierung hasst Deutschland“, schleuderte sie den Ampel-Vertretern vergangenen Januar entgegen.
Zur perfiden Strategie der AfD-Fraktion gehört es, Anträge zu stellen, und bei den Abstimmungen darüber nicht zu erscheinen. „Sie zeigen dem Parlament immer wieder ihre Verachtung“, sagt eine Fraktionsmanagerin. Für den verzweifelten Versuch mehrerer Parlamentarier, ein AfD-Verbotsverfahren anzustrengen, bedankte sich Weidel mit höhnischem Gelächter, weil sie davon profitiert.
Noch hat die AfD keine Machtperspektive im Bund. Zwar liegt sie in Umfragen bei rund 18 Prozent, aber keine andere Partei will mit ihr regieren. Und das Momentum spricht nicht für die Rechtspopulisten. Die Corona-Pandemie ist überstanden und die Migrationskrise zumindest etwas entschärft. Dadurch verliert die AfD massiv an Mobilisierungspotenzial.
Die Ampel mit ihrem elenden Streit ist Geschichte. Bei der Anbiederung an Wladimir Putin gibt es heftige Konkurrenz vom Bündnis Sahra Wagenknecht. Im Vordergrund bei der Wahl steht für viele Menschen die Frage, wie die Wirtschaftskrise überwunden werden kann. Durch einen Austritt aus Euro und EU, wie es die AfD verlangt?
Das Forsa-Institut fragt regelmäßig, beim wem das Land in guten Händen läge. Weidel bekommt in November-Ranking 15 von 100 Punkten, das sind noch zwei weniger als bei Sahra Wagenknecht. Olaf Scholz kommt auf 30, Friedrich Merz auf 39 Punkte.
Vor allem bei dessen Wählern will Weidel noch auf Stimmenfang gehen. Im Bundestag hielt sie Merz deswegen kürzlich entgegen: „Mit Ihnen als ‚Ersatz-Scholz‘ kommt Deutschland nicht voran!“ Darüber mussten sowohl Merz als auch Scholz lachen.