Trotz Zuschuss  Ostfriesische Landwirte sehen Wolfabwehrzäune kritisch

Tatjana Gettkowski
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Von Tatjana Gettkowski
| 05.12.2024 09:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Mit solchen festen Zäunen sollen größere Tiere wie Rinder und Pferde vor Wolfsattacken geschützt werden. Foto: Gettkowski
Mit solchen festen Zäunen sollen größere Tiere wie Rinder und Pferde vor Wolfsattacken geschützt werden. Foto: Gettkowski
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Im Rheiderland gibt es auffällig viele Wolfsrisse. Daher können Landwirte hier auch Zuschüsse für Wolfabwehrzäune für Rinder erhalten. Bei einer Veranstaltung der LWK in Jemgum wurden sie vorgestellt.

Rheiderland - Im Zeitraum von Mai bis Oktober dieses Jahres wurden im Rheiderland mehr als 20 Lämmer und Schafe durch einen Wolfsriss getötet. Nachdem zuletzt auch vermehrt Rinder angegriffen wurden, hatte der Landkreis Leer Anfang November eine Sondergenehmigung für den Abschuss der „Problemwölfin“ erteilt. Kurz darauf hat das Verwaltungsgericht Oldenburg die Sonderabschussgenehmigung aber einkassiert. Weidetierhalter sind ratlos. Wie sollen sie ihre Tiere auf den Weiden vor den Angriffen schützen? Die Landwirtschaftskammer (LWK) Niedersachsen hatte an diesem Mittwoch zu einem Infotermin auf einen Hof nach Jemgum eingeladen.

Bei der Info-Veranstaltung wurden auch Geräte für das maschinelle Freischneiden der Schutzzäune vorgestellt. Foto: Gettkowski
Bei der Info-Veranstaltung wurden auch Geräte für das maschinelle Freischneiden der Schutzzäune vorgestellt. Foto: Gettkowski

„Weil hier die Risszahlen bei Rindern so hoch sind, wird auch das Einzäunen ihrer Weiden mit Wolfsschutzzäunen gefördert“, sagte Elke Steinbach von der Landwirtschaftskammer. Sie hält diese Schutzmaßnahme für effektiv. Je nach Bestandsgröße, Lage und Größe der Weiden können Rinderhalter bis zu 30.000 Euro für einen Schutzzaun erhalten. Dasselbe gilt für Schafhalter. Eine „Entschädigung“ für gerissene Schafe oder Ziegen erhält man nur, wenn die Weide mit einem gewissen Grundschutz gegen Wolfsangriffe gesichert ist. Bei einer Einzäunung, die nicht den Anforderungen entspricht, gehen Tierhalter im Schadensfall leer aus. Es sei trotzdem wichtig, dass alle Nutztierschäden unter der Hotline 0511/36651500 zu melden. Nur so erhalte man ein realistisches Bild über die tatsächlichen Risszahlen und habe ein Argument für eine mögliche Entnahme eines besonders problematischen Tiers.

Das Interesse der Tierhalter an der Info-Veranstaltung in Jemgum war groß. Foto: Gettkowski
Das Interesse der Tierhalter an der Info-Veranstaltung in Jemgum war groß. Foto: Gettkowski

Enttäuschung über Förderversprechen

Rund 60 Teilnehmer aus unterschiedlichen Teilen Ostfrieslands waren zu der Veranstaltung gekommen. Auf dem Hof am Aukeweg wurden von verschiedenen Herstellern nicht nur feste und mobile Wolfabwehrzäune für Schafe, Ziegen, Rinder und Pferde vorgestellt. Weidetierhalter erhielten auch Informationen über finanzielle Fördermöglichkeiten, die Antragsstellung und die Unterhaltung der Flächen. Die Frage, wieviel Fördergeld tatsächlich gezahlt wird, konnte die Mitarbeiterin der LWK nicht pauschal beantworten. „Das hängt ganz individuell von der Lage und Beschaffenheit der Flächen ab“, räumte sie ein, „es gibt auch Flächen, wo es nicht funktioniert.“

Landwirt Bruno Amelsberg ist jedenfalls enttäuscht von den Förderversprechen. 2019 habe er die Förderung eines Schutzzaun für seine damals noch 600 bis 700 Schafe beantragt. „Von den 6000 Euro musste ich 20 Prozent selber tragen“, erzählt der Moormerländer. Als er jetzt einen neuen Antrag stellen wollte, habe man ihn abgewiesen. „Man hat mir gesagt, ich bin ausgefördert.“ Allerdings motivierte ihn Elke Steinbach von der Landwirtschaftskammer, im kommenden Jahr erneut einen Antrag zu stellen.

Von der Landwirtschaftskammer wurden auch die Fördermöglichkeiten für Wolfabwehrzäune vorgestellt. Foto: Gettkowski
Von der Landwirtschaftskammer wurden auch die Fördermöglichkeiten für Wolfabwehrzäune vorgestellt. Foto: Gettkowski

Landwirte wollen wolfsfreies Rheiderland

Amos Venema aus Jemgumgeise ärgert sich massiv über die Haltung der Landwirtschaftskammer. Der Landwirt wies auf den Zeit- und Personalaufwand hin, den das Umsetzen, die Pflege und regelmäßige Kontrolle der Zäune verursachen würden. Die Zäune müssten außerdem regelmäßig freigeschnitten werden. „Es sind wieder die Tierhalter, denen ganz selbstverständlich Mehrarbeit aufgebürdet wird.“

Klaus Borde, Vorsitzender des LHV-Zweigvereins Niederrheiderland, fürchtet zudem, dass das wolfssichere Einzäunen der Weiden dazu führt, dass Wolf und Mensch sich häufiger begegnen. „Die Begegnung des zwölfjährigen Jungen mit einem Wolf auf dem Weg zur Bushaltestelle in Bunderhammrich wird dann kein Einzelfall bleiben.“ Borde forderte ein wolfsfreies Rheiderland. Anderenfalls sieht er die Weidetierhaltung in Gefahr. „80 Prozent der Landwirte im Niederrheiderland machen mit beim Wiesenbrüter- und Gelegeschutz“, macht er deutlich.

Eine besondere Herausforderung ist die Sicherung der Weiden auf der mehr als 50 Kilometer langen Deichlinie des Rheiderlandes. Neben den Kosten stellte die Unterhaltung und Kontrolle der Zäune das größte Problem für die Schäfer dar. Archivfoto: Gettkowski
Eine besondere Herausforderung ist die Sicherung der Weiden auf der mehr als 50 Kilometer langen Deichlinie des Rheiderlandes. Neben den Kosten stellte die Unterhaltung und Kontrolle der Zäune das größte Problem für die Schäfer dar. Archivfoto: Gettkowski

Sein Berufskollege Amos Venema stimmt ihm zu. „Wir überlegen, ob wir unser Jungvieh überhaupt noch auf die Weiden lassen“, sagt Venema. Das wolfsichere Einzäunen der Weiden würde 50.000 Euro kosten. Wenn sich ein Großteil der Landwirte im Rheiderland für eine Stallhaltung entscheide, werde das nicht nur gravierende Auswirkungen auf das von schwarzbunten Kühen geprägte Landschaftsbild haben. Auch die Diversität gehe verloren. „So eine Vielfalt von Insekten und Wiesenvögeln gibt es hier nur wegen der Beweidung.“

Moderiert wurde die Veranstaltung von Elke Steinbach von der Landwirtschaftskammer. Foto: Gettkowski
Moderiert wurde die Veranstaltung von Elke Steinbach von der Landwirtschaftskammer. Foto: Gettkowski

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